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Wohnungskrise in Deutschland: Warum junge Menschen keinen Wohnraum finden – während ältere auf vielen Quadratmetern leben

Alte Menschen leben auf besonders vielen Quadratmetern, während junge Familien keine Wohnung finden. Der Platzbedarf der Alten hat viele Gründe – die zunehmende Zahl der Senioren-Singles ist einer davon.

Wozu in einer kleinere Wohnung umziehen? Die meisten Senioren bleiben in Wohnungen, die eigentlich zu groß für sie sind.

Wozu in einer kleinere Wohnung umziehen? Die meisten Senioren bleiben in Wohnungen, die eigentlich zu groß für sie sind.

Getty Images

Am Beginn der idyllischen Wohnstraße in Blankenese liegen zwei Häuser. Ein Rotklinkerhaus aus den 1920er Jahren, aus- und umgebaut mit schönem Gartenhaus und separater Wohnung unterm Dach. Gegenüber liegt ein fast ebenso großzügiges Haus in Gelbklinker, so wie man es in den sechziger Jahren schön fand. Das erste Haus hat rund 250 Quadratmeter Wohnfläche, das gelbe Haus ist etwas kleiner, so in etwa 180 Quadratmeter.

Beide Häuser haben etwas gemeinsam und stehen für einen Trend: Während junge Familien in Hamburg kaum eine Wohnung finden können, werden diese Häuser von je einer Seniorin bewohnt.

Ungleiche Verteilung

Mikro-Apartments, Tiny-House und ein Plätzchen in der Wohngemeinschaft – so sieht das Wohnungsangebot für viele jungen Menschen in deutschen Ballungsräumen aus. Untermiete für zwei Personen in einem Zimmer oder der Unterschlupf bei älteren Verwandten sind in anderen europäischen Ländern bereits Usus – hier aber noch nicht weit verbreitet. Junge Leute vermieten Zimmer über Airbnb weiter, um die Miete tragen zu können. Im Rotklinkerhaus steht die Wohnung im Dachgeschoss seit Jahren leer. Beim Wohnen gibt es in großes Ungleichgewicht zwischen den Generationen. Das Pestel-Institut hat in einer Studie von 2019 berechnet, dass jeder Senior in Hannover im Schnitt 49 Quadratmeter belegt, im Bundesdurchschnitt sind es immer noch 46 Quadratmeter.

Diese Faktoren befördern den Trend

Die alten Menschen brauchen immer mehr Platz. Dieser Effekt wird durch verschiedene Faktoren gefördert. Die steigende Lebenserwartung führt direkt dazu, dass es immer mehr alte Menschen gibt und diese entsprechend auch mehr Wohnraum belegen. Hinzu kommt aber auch, dass ältere Menschen häufiger allein leben. Das liegt einerseits an der steigenden Scheidungsquote. Doch auch die längere Lebenserwartung führt dazu, dass von Paaren längere Zeit ein überlebender Partner übrig bleibt. Und als Single die gemeinsame Wohnung weiter behält.

Verkleinern lohnt sich nicht

Ein weiterer Umstand verstärkt den Wohnungsdruck auf die nachwachsende Generation: Solange körperliche Gebrechen sie nicht dazu zwingen, räumen die Alten weder Wohnungen noch Häuser. Auch wenn die ursprünglich für ein Paar mit Kindern gedacht waren. Aus Großbritannien gibt es Zahlen, die diesen allgemeinen Trend erhärten. Die Zahl der Ein-Personen-Haushalte stieg dort auf über acht Millionen. Aber es sind nicht die Jungen. Die Zahl der Alleinlebenden unter 45 Jahren sank um 340.000 oder 18 Prozent. Die Alleinlebenden über 45 nahmen dagegen um 810.000 oder 14 Prozent zu.

Es wird immer enger 

Dafür wurden die Haushalte mit mehreren Personen immer dichter belebt. 746.000 von ihnen waren überbelegt. Das heißt: Sie hatten nicht genügend Schlafzimmer, damit jeder einzelne Erwachsene oder jedes Paar ein eigenes Schlafzimmer bekam. Bei Kindern liegt die Hürde in dieser Statistik niedriger: Es muss kein eigenes Zimmer pro Kind zur Verfügung stehen – ein Raum für zwei Kinder würde ausreichen – ist aber nicht vorhanden. Gleichzeitig stieg die Zahl der deutlich unterbelegten Wohnungen um 10 Prozent, als unterbelegt gelten Wohnungen mit zwei gewöhnlich leer stehenden Schlafzimmern.

In Großbritannien wird dieser Trend vom Gesetzgeber durch ungerechte Steuern noch befördert. Auch in Deutschland verschärfen gesetzliche Regeln das Problem weiter. Für ältere Mieter lohnt sich der Umzug meist überhaupt nicht. Wenn ihnen nicht gerade ein Miethai im Nacken sitzt, profitieren sie davon, dass in Deutschland die sogenannten Bestandsmieten nur moderat erhöht werden.

Wohnung halten bis zum Pflegeheim

Laut einer Umfrage des Instituts Arbeit und Technik (IAT) für Berlin finden 60 Prozent der Senioren, dass ihre Wohnung zu groß für sie ist. Doch sie ziehen nicht aus. Eher werden einzelne Zimmer oder ganze Etagen eingemottet und stillgelegt.

Wer 20 oder gar 30 Jahre lang die gleiche Mietwohnung belegt, bezahlt zwar auch mehr, als beim Einzug aber in der Regel sehr viel weniger als ein neuer Mieter. Selbst eine drastische Verkleinerung der Wohnung gleicht diesen Kosteneffekt nicht aus.

Pärchen in neuer Wohnung

Hinzu kommen andere Faktoren, die das Räumen der Wohnung unattraktiv machen. Besonders Ältere wollen meist nicht in ein anderes Viertel oder gar eine andere Stadt umziehen, das bedeutet, sie müssten eine passende Wohnung in unmittelbarer Umgebung finden. Auf dem freien Mietmarkt ist das fast aussichtslos, nur ein Wohnungstausch, wie ihn inzwischen einige Wohnungsbaugesellschaften fördern, könnte das Dilemma lösen.
 

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