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Deutscher Gründerpreis: Wie ein Start-up aus Strom flüssigen Kraftstoff macht

Weil sie nicht in einem großen Chemiekonzern enden wollten, machten sich drei Wissenschaftler aus Karlsruhe daran, die Kraftstoffherstellung zu miniaturisieren: Ihre Containeranlagen produzieren maßgeschneiderten Sprit und sind weltweit gefragt.

Die Ineratec-Gründer Paolo Piermartini, Tim Böltken und Philipp Engelkamp (v. l.).

Die Ineratec-Gründer Paolo Piermartini, Tim Böltken und Philipp Engelkamp (v. l.).

"Wir sind die gute Chemie", sagt Tim Böltken selbstbewusst. Zusammen mit Philipp Engelkamp und Paolo Piermartini hat er Ineratec gegründet, auch um zu beweisen, dass man als Chemiker nicht nur damit Geld verdienen kann, umweltbelastende Stoffe herzustellen, sondern auch, indem man sie aus der Welt schafft. Die drei jungen Wissenschaftler bauen chemische Reaktoren, die typische Abfallprodukte wie CO2 oder Methan und andere Gase in flüssige Kraftstoffe verwandeln. Die sind leicht zu lagern und lassen sich gut weiterverkaufen.

Aus Müll wird ein gefragtes Produkt – der Traum nachhaltigen Wirtschaftens. Fast 20 Jahre Forschung am Karlsruhe Institut of Technology (KIT) stecken in der Technik von Ineratec. Und Böltken, Engelkamp und Piermartini waren maßgeblich daran beteiligt: "Ich habe mit dem Beweis des von uns genutzten Prinzips promoviert und meine Mitgründer an der Uni kennen gelernt", erzählt Böltken. "Wir hatten alle auch unsere Erfahrungen bei großen Chemiekonzernen gemacht. Und wir wussten, dass wir da nicht dauerhaft hin wollten."

Statt Gas abzufackeln, wird Kraftstoff daraus

Stattdessen gaben sie sich ein Jahr Zeit, besorgten sich eine Exist-Gründerförderung und fingen an, eine Versuchsanlage zu bauen. Die Idee: Alle Komponenten werden möglichst kompakt gebaut, so dass sie in einen Standard-Container hinein passen. Der ist leicht zu transportieren und kann überall aufgestellt werden. Entweder dort, wo unerwünschte Gase anfallen, die bisher meist abgefackelt werden – zum Schaden der Umwelt. Oder aber, wo günstiger Strom im Übermaß produziert wird, etwa in Windparks oder großen Solaranlagen.

Die drei wussten: Gelingt der Prototyp, können die Anlagen in Serie gebaut werden. Ein dramatischer Kostenvorteil, der die breite Nutzung der Abfallstoffe erst ermöglicht.

Inzwischen sind kaum drei Jahre vergangen und es laufen Containeranlagen in Deutschland, Spanien und Finnland. Erste größere Aufträge sind aus Kanada, Brasilien, Malaysia und der Schweiz eingegangen. "Wir läuten dann jedesmal unsere Auftragsglocke in der Produktionshalle", sagt Böltken und deutet grinsend auf die Messingglocke an der Wand. "Dann wird gefeiert." Allerdings war im Geschäftlichen der Start wesentlich holperiger, als mit der Chemie: "Wir waren total unvorbereitet", erinnert sich Böltken. "Beim ersten Auftrag wussten wir noch nicht einmal, wie man denn eine Rechnung stellt."

"Wir arbeiten an 100 Prozent identischem Sprit"

Dem Unternehmern kommt das zunehmende Umweltbewusstsein auf der ganzen Welt entgegen: "Einem Kunden in Kanada ist der Preis unserer Anlagen fast egal, weil er für das Abfackeln von Gas bei der Erdölförderung CO2-Abgaben zahlen muss", sagt Engelkamp. Jetzt kann er daraus Treibstoff gewinnen. Aber alleine die CO2-Kosten decken schon die Investitionen. Dazu kommt dann noch der produzierte Sprit. "Den kann man einfach mit konventionellem Benzin mischen", so Engelkamp. "Aber wir arbeiten daran, ihn zu 100 Prozent identisch hinzubekommen." Auch spezielle Öle und Fette für die Kosmetikindustrie lassen sich in den Containern erzeugen. Hochwertige Grundstoffe, die zehn bis zwölf Euro je Kilo kosten können, hergestellt, ohne die Umwelt zu belasten.

Ineratec ist für den Deutschen Gründerpreis 2018 nominiert, der am 11. September vom stern zusammen mit den Sparkassen, Porsche und dem ZDF in Berlin verliehen wird. 

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