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Neue Daten zur Inflation Tanken, Einkauf, Restaurantbesuch – das Leben in Deutschland wird deutlich teurer

Autos stehen an einer Tankstelle
Die Energiepreise, beispielsweise für Kraftstoffe, steigen wegen der Erholung nach Abklingen der Coronakrise. Denn durch die Konjunkturerholung verteuert sich das Öl auf dem Weltmarkt.
© Jens Büttner / DPA
Wer es bisher nur ahnte, hat es jetzt amtlich: Die Preise steigen hierzulande deutlich. Und zwar für so ziemlich alles. Einige Fachleute warnen: Die Preise könnten sogar noch weiter steigen.

Ob Benzin, Heizöl, die Wohnungsmiete, Lebensmittel oder der Besuch in der Kneipe um die Ecke: Das Leben in Deutschland ist zuletzt deutlich teurer geworden. Dies wird jetzt durch offizielle Daten bestätigt, die an diesem Donnerstag veröffentlicht wurden.

Die Inflation zog laut den neuesten Daten des Statistischen Bundesamtes hierzulande im Juli deutlich an und überschritt erstmals seit 13 Jahren die Drei-Prozent-Marke – und das sehr deutlich. Die Verbraucherpreise lagen anhand der aktuellen vorläufigen Berechnung der Behörde um 3,8 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats.

Damit lag die jährliche Inflationsrate in Europas größter Volkswirtschaft erstmals seit August 2008 wieder über der Marke von drei Prozent. In der damaligen Finanz- und Wirtschaftskrise hatte die Teuerung wiederholt über drei Prozent gelegen. Medienberichten zufolge ist es sogar die höchste monatliche Inflationsrate seit 1996, dem Start der harmonisierten Messung in Europa.

Inflation wirkt sich auf viele Bereiche des Alltags aus

Energie verteuerte sich im Juli im Jahresvergleich um 11,6 Prozent. Nahrungsmittel wurden laut Statistik um 4,3 Prozent teuer. Der Preis für Dienstleistungen, darunter die Wohnungsmiete, erhöhte sich um 1,3 Prozent.

Ende des vergangenen Jahres waren die Preise noch gefallen. Das lag unter anderem auch an der vorübergehenden Senkung der Mehrwertsteuer.

Nach dem leichten Rückgang der Inflation auf 2,3 Prozent im Mai des laufenden Jahres kehrte sich der Trend damit wieder um. Vom Juni auf Juli 2021 erhöhten sich die Verbraucherpreise nach Berechnungen der Wiesbadener Behörde um 0,9 Prozent.

Volkswirte rechnen mit weiteren Preissprüngen in den kommenden Monaten. Ein wichtiger Grund ist die Rückkehr der Mehrwertsteuer zu ihren alten Sätzen: Im zweiten Halbjahr 2020 hatte die Bundesregierung die Mehrwertsteuer vorübergehend auf 16 beziehungsweise 5 Prozent gesenkt, um in der Coronakrise den Konsum anzukurbeln. Seit dem 1. Januar 2021 gelten in Deutschland wieder die üblichen Mehrwertsteuersätze von 19 beziehungsweise 7 Prozent. Waren und Dienstleistungen werden also tendenziell wieder teuer.

Zudem steigen seit Monaten die Energiepreise überdurchschnittlich. Vor einem Jahr waren die Rohölpreise mit Ausbruch der Coronakrise wegen geringer Nachfrage auf dem Weltmarkt eingebrochen. Seither haben sie sich erholt. Und schließlich sind in Deutschland seit Januar 25 Euro je Tonne Kohlendioxid (CO2) fällig, das beim Verbrennen von Diesel, Benzin, Heizöl und Erdgas entsteht. Der CO2-Preis soll dem Klimaschutz dienen.

Laut einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" spielen aber auch Gründe eine Rolle, die mit dem Abklingen der Coronakrise zu tun haben: So seien die Preise für Reisen gestiegen, weil mehr Menschen in den Urlaub wollen und sich die Nachfrage nach Urlaubsreisen erhöht habe. Auch viele Kneipen und Gaststätten hätten ihre Preise erhöht, als sie nach dem Lockdown endlich wieder öffnen durften.

Die Preise seien in den Bereichen deutlich gestiegen, die besonders stark von den Öffnungen nach dem Lockdown profitieren, bestätigte auch die Chefvolkswirtin der staatlichen Förderbank KfW, Fritzi Köhler-Geib, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP. Hinzu komme, dass die Erzeugerpreise im Juni so stark stiegen wie zuletzt während der zweiten Ölkrise 1982. Das mache sich "auf kurz oder lang im Portemonnaie der Verbraucher bemerkbar". 

Ob der Trend in Deutschland anhält, ist unter Experten strittig

Köhler-Geib betonte, die höheren Erzeugerpreise seien vor allem gestiegenen Energie- und Rohstoffpreisen im Zuge der wirtschaftlichen Erholung geschuldet. Sie rechnet allerdings damit, dass ab dem kommenden Jahr die Teuerung wieder etwas unter dem von der Europäischen Zentralbank angestrebten Inflationsziel von 2,0 Prozent liegen werde. Denn neben den anderen Faktoren sei aktuell die Rückkehr zu den ursprünglichen Mehrwertsteuersätzen der Haupttreiber der Inflationsentwicklung. Dies werde aber nur für eine begrenzte Zeit der Fall sein.

Der Leiter des Forschungsbereichs Öffentliche Finanzwirtschaft am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Friedrich Heinemann, dagegen warnte vor dem "stärksten Inflationsschub seit drei Jahrzehnten" in den kommenden Monaten. "Auch wenn etliche dieser Effekte nur vorübergehender Natur sind, darf man die Folgen und Risiken des starken Inflationsanstiegs nicht verharmlosen."

Bürgern droht eine "heimliche Steuererhöhung"

Insbesondere niedrig oder nicht verzinste Geldvermögen würden durch die Inflation entwertet, erklärte der Finanzexperte. Gewinner sei dabei der Staat: Mit der aktuellen Inflationsrate und der niedrigen Verzinsung von Staatsanleihen könne der Bund die reale Last seiner Staatsschulden drücken. Den Steuerzahlern stehe hingegen aufgrund des Inflationsschubs eine "umfassende heimliche Steuererhöhung" durch die kalte Progression bevor.

Auch ING-Analyst Carsten Brzeski rechnet mit einem weiteren Anstieg der Inflationsrate: Unterbrochene Lieferketten, höhere Rohstoffpreise und Lieferprobleme übten Druck auf Erzeugerpreise und somit mittelbar auch auf Verbraucherpreise aus. "Zusammen mit der Rückkehr zum alten Mehrwertsteuersatz könnte die Inflation gegen Ende des Jahres sogar vier Prozent übersteigen", fürchtet Brzeski. 

Quellen: dpa, AFP, "Faz.net"

anb DPA AFP

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