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Italien: Parmalat setzt auf Hilfe der Regierung

Der von der Pleite bedrohte italienische Lebensmittelkonzern Parmalat will sich mit Regierungshilfe retten.Italienische Medien bezifferten das Finanzloch nach neuesten Hinweisen auf sieben bis 13 Milliarden Euro.

Der italienische Lebensmittelkonzern Parmalat hat am Mittwoch Antrag auf Gläubigerschutz nach den neuen Regeln der Regierung gestellt, nachdem bei einer Tochter vorige Woche in der Bilanz ein Loch von etwa vier Milliarden Euro aufgedeckt worden war. Die Banc of America erstattete Strafanzeige gegen das Unternehmen. Zugleich ordnete die Staatsanwaltschaft die Durchsuchung der Wohnung des Firmengründers und Ex-Vorstandschefs Calisto Tanzi in Parma an. Das staatliche italienische Fernsehen berichtete, Tanzi halte sich derzeit im Ausland auf. Italienische Milchbauern gründeten unterdessen ein Komitee und drohten, ihre Lieferungen einzustellen. Sie haben nach eigenen Angaben teilweise seit Monaten keine Geld mehr erhalten.

Ein Parmalat-Sprecher sagte am Mittwoch, der Antrag auf Gläubigerschutz sei für die operative Einheit Parmalat Spa gestellt worden. Das Verfahren werde aber nach den neuen Regeln automatisch auf die gesamte Gruppe angewandt.

Das Gesetz zur Pleite

Die Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi hatte am Dienstag ein Dekret erlassen, das Parmalat vor Gläubigerforderungen schützen und die Fortführung des Betriebs ermöglichen soll. Es gehe vor allem darum, Tausende Arbeitsplätze zu retten und landwirtschaftliche Zulieferbetriebe zu helfen. Die neue Rechtsverordnung zur Restrukturierung vor der Insolvenz stehender Großunternehmen sieht nach den Worten von Industrieminister Antonio Marzano ein völlig neues Vorgehen vor. Demnach entscheidet sein Ressort auf Anfrage betroffener Firmen umgehend über die Einsetzung eines Verwalters. Sollte der Minister eine so genannte außerordentliche Verwaltung genehmigen, werde er zugleich sofort auch den Verwalter berufen. Dieser werde dann unmittelbar nach seiner Ernennung die Geschäfte der Gesellschaft übernehmen. Als Sonderverwalter von Parmalat wurde der neue Konzernchef und ausgewiesene Sanierungsexperte Enrico Bondi ernannt. Er soll den Zusammenbruch des achtgrößten italienischen Industriekonzerns verhindern.

EU soll Notmaßnahmen bewilligen

Der neue Parmalat-Vorstandschef Enrico Bondi soll als Sanierer Vorschläge zur Rettung vorlegen. Zugleich rief die italienische Regierung die EU auf, Notmaßnahmen für die Milchwirtschaft des Landes zu bewilligen. Insgesamt beschäftigt Parmalat rund 36.000 Menschen in 30 Ländern. Die EU-Kommission in Brüssel hat die italienische Regierung "um Klärung der Situation" gebeten, sagte ein Sprecher. Die Kommission interessiert sich besonders für mögliche Hilfsmaßnahmen zu Gunsten der Milchwirtschaft. In Brüssel wurde daran erinnert, dass die EU-Staaten Rom im Frühjahr nach einem langen Tauziehen eine sehr großzügige Regelung bei Strafzahlungen wegen überschüssiger Milchproduktion eingeräumt hatten.

Einer der größten europäischen Finanzskandale

Experten sprechen von einem der größten Finanzskandale in der europäischen Unternehmensgeschichte. Bisherigen Erkenntnissen der Justiz zufolge hatte Parmalat wichtige Finanzdokumente gefälscht, um Bilanzwerte in Milliardenhöhe vorzutäuschen. Ein ehemaliger Top-Manager räumte laut Zeitungsberichten vom Mittwoch ein, dass es bereits seit 1988 Finanzmanipulationen gegeben habe. Diese seien von der obersten Unternehmensspitze angeordnet worden.

Bilanzfälschung in Höhe von vier Milliarden Euro

Parmalat hatte in der vergangenen Woche mitgeteilt, dass durch die Bank of America bei einer Parmalat-Tochter auf den Kaiman-Inseln (Bonlat Financing Corp) offenbar eine Bilanzfälschung in Höhe von fast vier Milliarden Euro aufgedeckt worden sei. Damit hatte das Unternehmen die Finanzmärkte schockiert und Erinnerungen an den Fall des bankrotten US-Energieriesen Enron geweckt. Nach Angaben aus Justizkreisen beläuft sich das Loch in der Buchführung mittlerweile auf sieben Milliarden Euro, Presseberichten zufolge sogar auf bis zu zehn Milliarden Euro.

DPA