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Reformbedarf bei Hartz IV?: 17-jährige Tochter von Hartz-IV-Empfängerin klagt: "Der Staat zwingt mich dazu, arm zu bleiben"

Sarah-Lee macht gerade Abitur und jobbt nebenbei. Doch wenn sie mehr als 100 Euro verdient, wird der Rest mit 80 Prozent besteuert. So kann sie nicht für den Führerschein sparen, geschweige denn nach dem Abi reisen. Unverschuldet.

Screenshot des Tweets "Hartz 4 ist der größte Scheiß"

Sarah-Lee sieht sich als Kind einer Hartz-IV-Empfängerin unfreiwillig im Teufelskreis der Armut

Am 21. August hat Sarah-Lee ihrem Ärger bei Twitter Luft gemacht. Die 17-jährige Schülerin aus Nordrhein-Westfalen jobbt neben der Schule, weil sie den Führerschein machen und irgendwann ausziehen will. Darauf will sie sparen. Doch weil ihre Mutter Hartz IV bezieht, muss sie 80 Prozent ihres Verdienstes abgeben, sobald sie mehr als 100 Euro bekommt. Sie ist unschuldig in die Situation geraten, in Armut aufzuwachsen und sieht keine Möglichkeit, diesem Zustand zu entkommen. Denn weil sie noch zu Hause wohnt, völlig normal für eine 17-jährige Schülerin, gelten sie und ihre Mutter als Bedarfsgemeinschaft. Sippenhaft hätte man das früher wohl genannt. Dass nicht nur Sarah diese Regelung falsch findet, zeigt sich in den Reaktionen: Ihr Beitrag wurde mehr als 2500-mal retweetet und mehr als 9000-mal gelikt.

"Führerschein machen? Sicher nicht, bevor du ausgezogen bist, du kannst ja nicht darauf sparen. Deine Freunde fahren in den Urlaub, vielleicht sogar als Abschlussfahrt? Kannst du knicken", fährt sie in einem weiteren Tweet fort. "Es ist schon hart genug für Kinder, in Armut zu leben, für die sie absolut nichts können. Und dazu nimmt man ihnen noch die Möglichkeit, sich selbst daraus zu befreien oder dem entgegen zu wirken", lautet ein dritter. Es folgen noch vier weitere, in denen Sarah-Lee das Problem erklärt und sich mit dem Wunsch, daran etwas zu ändern, an SPD und CDU wendet.

"Chancengleichheit und so"

User, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, beraten die junge Frau, wie sie zu Geld kommen kann: beim Amt. Doch ist das nicht der Weg, den Sarah-Lee gehen will. Ihr geht es nicht darum, Zuschüsse zu bekommen, sie will auf eigenen Beinen stehen. Sie will Geld verdienen und selbst entscheiden, wofür sie es ausgibt. Zum Beispiel auch für Reisen mit Freunden, die übliche "Belohnung", die Schüler sich nach dem Abitur "gönnen" und zudem eine wichtige Lebenserfahrung.

" ... ich empfinde es nicht als gerecht, wenn es Menschen so viel schwerer haben, wegen etwas, was sie nicht zu verantworten haben (in dem Fall die Arbeitslosigkeit der Eltern). Chancengleichheit und so", erklärt Sarah-Lee ihre Verärgerung. Das Gefühl, unfreiwillig bereits vorbelastet in ihr Leben als Erwachsene zu starten, findet sie ungerecht. Während ihre Mitschüler wahrscheinlich schon die Tage zählen, bis sie endlich "frei" sind, fertig mit der Schule und bereit für das Abenteuer Leben, lasten auf Sarah-Lees Schulter Geldsorgen – und das Gefühl, diesem Teufelskreis nicht entkommen zu können. Die "Hamburger Morgenpost" zeigt sie in einem Video, in dem sie ihre Twitter-Aussagen noch einmal wiederholt.

Und die Twitter-User zollen Sarah-Lee Respekt.

stern TV-Studiogespräch: Reicht Hartz IV zum Leben? Die Debatte zwischen Norbert Blüm und CDU-Politiker Alexander Krauß
bal
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