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Ansturm auf die Hochschulen: Das programmierte Uni-Chaos

Doppelte Abiturjahrgänge und das Ende der Wehrpflicht haben einen Ansturm auf die Hochschulen ausgelöst. Die ohnehin schon angespannte Situation an Unis und Fachhochschulen wird dadurch noch verschärft.

Von Peter Neitzsch

Im Hörsaal ist es bekannterweise bisweilen eng. Doch dieses Semester müssen die Studenten noch enger zusammenrücken als sonst. Aufgrund doppelter Abiturjahrgänge in Niedersachsen und Bayern und dem Wegfall der Wehrpflicht erreicht die Zahl der Studienbewerber neue Rekordwerte. Hochschulpräsidenten und -rektoren stöhnen bundesweit über die Studentenflut.

Rund 24.000 angehende Erstsemester haben sich an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz für das Wintersemester 2011/2012 beworben - 26 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Die Zahl der Studenten auf dem Mainzer Campus soll dieses Semester erstmals auf über 36.000 steigen. Dennoch ist klar, dass lange nicht alle Studienbewerber aufgenommen werden können.

Georg Krausch, Präsident der Mainzer Uni, sagt: "Wir haben diese Entwicklung erwartet und daher in nachfrageintensiven Fächern nochmals in Personal investiert." Auch habe man die zurückliegenden Monate genutzt, um die Raumvergabe zu optimieren. Allerdings seien jetzt "sämtliche Reserven vollständig ausgeschöpft". Vorrausichtlich wird nur jeder vierte Bewerber einen Studienplatz in Mainz bekommen.

Die Hochschulen platzen aus allen Nähten

So wie der Mainzer Gutenberg-Universität geht es vielen Hochschulen in Deutschland: Die Universitäten und Fachhochschulen platzen aus allen Nähten. 2,2 Millionen Studenten waren im Wintersemester 2010/2011 an deutschen Hochschulen eingeschrieben - so viele wie nie zuvor. Die Zahl der Studienanfänger wuchs auf 444.000. Für das kommende Wintersemester werden eine halbe Millionen Studienanfänger erwartet.

Seit 2008 zählt das Statistische Bundesamt in Wiesbaden jedes Jahr gut vier Prozent Studierende mehr. Als Ursache für den Anstieg sehen die Experten einen allgemeinen Trend zur Höherqualifizierung. Die doppelten Abiturjahrgänge verschärfen das Problem noch einmal: Bis 2016 wollen acht weitere Bundesländer die Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre verkürzen. Baden-Württemberg, Brandenburg, Berlin und Bremen entlassen bereits 2012 doppelte Abiturjahrgänge.

Übervolle Seminare und gestrichene Tutorien

Für den Studentenansturm sind Bund und Länder nur schlecht gewappnet. Zwar stellt die Bundesregierung im Rahmen des Hochschulpakts zusätzlich 4,7 Milliarden Euro bereit. Studentenvertreter kritisieren das jedoch als völlig unzureichend: "Es ist erstmal nötig, die Gelder aufzustocken, um überhaupt ein angemessenes Niveau gewährleisten zu können", sagt Salome Adam, Vorstandsmitglied im FZS, dem Dachverband der Studentenvertretungen.

Für Hunderttausende weitere Studierende würden die bestehenden Kapazitäten hinten und vorne nicht ausreichen, sagt Adam. "Deutschland investiert im Vergleich zu anderen Ländern viel zu wenig in Bildung." Das habe auch der erst kürzlich veröffentlichte OECD-Report gezeigt. Die Bundesrepublik wird dort bei den Bildungsausgaben im internationalen Vergleich auf Platz 30 geführt. Die Folgen erlebt die Biochemiestudentin jeden Tag am eigenen Leib: "Die Gruppen in den Kursen werden immer größer, das Seminarangebot wird eingeschränkt und Tutorien werden gekürzt."

Teufelskreis aus NC und Mehrfachbewerbungen

Angesichts des großen Andrangs weichen viele Bewerber auf die neuen Bundesländer aus. Ostdeutsche Hochschulen sind auch wegen der nicht vorhandenen Studiengebühren für viele angehende Studenten attraktiv. Mehr als die Hälfte der 28.000 Bewerber an der Universität Leipzig komme aus den westlichen Bundesländern, sagt Klaus Arnold vom Studentensekretariat der Hochschule. "Das ist ein absolutes Novum."

Eine Folge der Studentenflut: Immer mehr Fächer bekommen einen Numerus clausus. Die Masse der Bewerber entfällt deshalb auf die zulassungsbeschränkten Studiengänge. An der Mainzer Gutenberg-Universität sind es mit 21.255 Bewerbungen fast 90 Prozent. Vor zehn Jahren lag diese Zahl noch bei 2353 Bewerbungen - etwa einem Zehntel. Ein Teufelskreis: Weil sich die Hochschulen mit Zulassungsbeschränkungen gegen den Studentenansturm wehren, bewerben sich viele Studienanfänger an etlichen Unis gleichzeitig.

Wie viele sich einschreiben, ist reine Glückssache

Arnold vom Studentensekretariat Leipzig kritisiert in diesem Zusammenhang auch die Stiftung Hochschulzulassung (früher ZVS): Der missglückte Start einer neuen Software der Stiftung für die zentrale Studienplatzvergabe habe bei den Bewerbern eine "gewisse Panikstimmung" hervorgerufen. Der Druck, sich an mehreren Universitäten zu bewerben, sei dadurch noch größer geworden. Die paradoxe Folge: Da einige Erstsemester Zusagen von mehreren Unis erhalten, kann es sein, dass trotz Bewerberflut Studienplätze unbesetzt bleiben - im vergangenen Wintersemester waren es 16.000.

In diesem Jahr reagieren die Hochschulen auf die Misere mit Überbuchung: Um alle Plätze besetzen zu können, würden einige Unis bis zu vier Mal mehr Bewerber annehmen, klagt Salome Adam. Ob sich letztlich zu viele oder zu wenige für einen Studiengang einschreiben, wird so zur reinen Glückssache. "Das ist eine Frechheit, dass das nicht klappt", sagt die Studentin.

Auch Adam, die in diesem Wintersemester ein Master-Aufbaustudium beginnt, hat sich an mehreren Unis beworben. "Ich habe vier Zusagen bekommen", berichtet die Studentin, "aber ich wollte nicht riskieren, abgelehnt zu werden."

Studieninteressierte können sich auf der Studienplatzbörse oder auf der Site www.hochschulkompass.de über noch offene Studienplätze informieren.

Von Peter Neitzsch