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Arbeitslosigkeit: Wer jetzt keinen Job hat, ist selbst schuld - oder?

Ein gestandener Ingenieur. Eine junge Bürokauffrau. Sie sind nicht faul. Seit Jahren bemühen sie sich um eine neue Stelle. Bisher vergebens, obwohl die Arbeitslosigkeit sinkt. Wie kann das sein? Zwei Nahaufnahmen.

Von Dorit Kowitz

Er weiß, was es heißt, draußen zu sein, ein Jahr und länger. Dabei hat der Ingenieur Wolfgang Lechner Erfahrungen als Produktionsleiter, die sind ein wahrer Schatz. Zur Wende noch jung, Mitte 30, fand er aus dem Ostteil schnell zur Waggon Union im Berliner Westen. Bald leitete er wieder Teams, bald ganze Produktionsstrecken. Bald musste er Mitarbeiter aussieben. Aus der Waggon Union wurde ABB Henschel, dann Adtranz, dann Bombardier. Immer wurde die Produktion kleiner. Als man ihm kündigte, betriebsbedingt, 2003, war Lechner 49. Ein Scheißalter. Ein Jahr gab es noch, in einer "Transfergesellschaft". Da saß er, der Chef, neben seinen Arbeitern und sollte Briefe schreiben lernen. Jetzt ist er 53.

Als Mona Neugebauer mit 19 gerade ihren mittelprächtigen Abschluss als Bürokauffrau in der Tasche hatte, hörte sie abends in einer Bar, dass ein Immobilienverwalter um die Ecke eine Sekretärin brauche. Sie bekam den Job, aber der Chef war ein Albtraum. Sie kündigte nach einem Dreivierteljahr wegen Mobbings, im Februar 2006. Um keine Lücke im Lebenslauf entstehen zu lassen, verdingte die Berlinerin sich einen Sommer lang als Eisverkäuferin auf Rügen. Seither ist die Lücke gewachsen, auf fast ein Jahr. Jetzt ist sie 21.

Konjunktur schleift den Sockel der Langzeitarbeitslosen

Mitten im Aufschwung passiert das, bei all den guten Nachrichten. Die Arbeitslosenzahl sinkt und sinkt, sie ist so niedrig wie seit 1995 nicht mehr. Der Aufschwung nimmt sogar jene mit, die es bislang so schwer hatten, wieder Arbeit zu finden, die über 50-Jährigen: Im September waren 200.000 weniger arbeitslos als ein Jahr zuvor. Allmählich schleift die Konjunktur sogar den Sockel aus Langzeitarbeitslosen, die länger als ein Jahr ohne neue Stelle bleiben. 1,258 Millionen Menschen war er zuletzt noch stark - 376.000 weniger als vor einem Jahr.

Der gestandene Maschinenbauingenieur und die junge Bürokauffrau, sie kommen in den guten Nachrichten nicht vor. Woran das liegt? An den anderen, den Umständen, dem Alter? Nicht nur.

Wolfgang Lechner wirkt wie jemand, der noch dazugehört zur Welt der Angestellten, groß und selbstbewusst, die Ehe glücklich, der Sohn erfolgreich im Beruf. Lechner sitzt auf seinem hellbeigen Ledersessel, neben seinem LCD-Fernseher. "Am Anfang war die Hoffnung grenzenlos", sagt er. "Man bewirbt sich und denkt, das klappt, bei deiner Biografie." Heute ist er froh, wenn man ihm wenigstens absagt. Seit 1. Juli lebt er von Hartz IV.

"Bin ich zu blöde für diese Welt?"

Mona Neugebauer ist eine schwere Frau mit dunklen Locken und schönen Augen, zurückhaltend, aber nicht schüchtern. Sie berlinert kaum, darum wird sie gern in Callcenter eingeladen, wo sie Leuten am Telefon Produkte aufschwatzen soll. Das lehnt sie ab. Sie bewirbt sich 40- bis 50-mal im Monat als Sekretärin oder Verkäuferin in Modeläden. Die meisten Mappen kommen nicht mal zurück. Sie sagt: "Man fragt sich, bin ich zu blöde für diese Welt?"

Sie legt viel Wert auf ihre Bewerbungsfotos. Sie will nicht dick aussehen, obwohl sie dick ist. "Vielleicht liegt es daran, dass ich nichts finde." Sie bewirbt sich als Empfangsdame in einem Sportcenter. Das wäre ein Traum, sagt sie. Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander. Sie könnte kellnern, fürchtet aber, nicht in ihren Beruf zurückzufinden. Ab November käme Hartz IV. "Bei dem Gedanken sträuben sich mir die Nackenhaare."

Aber dann und jäh: alles aus

Einmal, im Januar 2004, glaubte Wolfgang Lechner, dass alles nur eine Episode war. Eine Stelle in Halberstadt tat sich auf, eine Ausgründung aus einem Bahn-Werk. Genau sein Ding. Lechners Vertrag als Produktionsleiter war bis zum 65. Lebensjahr datiert; er nahm sich gleich eine Wohnung. Aber dann und jäh: alles aus. Der Unternehmer hatte sich übernommen, die Kündigung kam in der Probezeit, "es war ein Schock". Seither ist er vorsichtig. Er will möglichst in Berlin und Brandenburg bleiben und nur weg, wenn es sich lohnt. Aber wann lohnt es sich? In Deutschland herrscht Fachkräftemangel, Mangel an Maschinenbauingenieuren, Mangel an Lechners. Woran liegt es, dass er nichts findet? Lechner sagt, am Alter und daran, dass die meisten Spezialisten suchten, er aber Generalist sei. Er bewirbt sich vor allem als das, was er zuletzt war: Produktionsleiter.

"Das kann ich am besten, das ist überall gleich." Aber ist das so? In Bonn ergründet Hilmar Schneider die Arbeitswelt. Der Direktor am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit sagt, was Politiker nicht sagen, wenn sie wieder länger Geld an ältere Arbeitslose verteilen: dass es kein Segen sein muss, Arbeitslosigkeit so lange wie möglich gut zu bezahlen, sondern dass es zum Fluch werden kann. Geld verleite dazu, die Arbeitslosigkeit "erst mal" in Kauf zu nehmen. Bloß, je länger ein Mensch arbeitslos sei, desto mehr Fertigkeiten verliere er. Nicht nur beim Wissen. Konzentration, Ausdauer und Teamgeist ließen nach, wie nach einem langen Urlaub, nur extremer.

Ältere Arbeitslose in einer vertrackte Lage

Arbeitslose über 50 kommen viel schwerer an Jobs als Jüngere. "Aber das sagt ihnen ihr Vermittler in der Agentur natürlich nicht", denn der verstehe sich nicht als Coach. Darum, sagt Schneider, gerieten "formal hoch qualifizierte" ältere Arbeitslose oft in eine vertrackte Lage. "Die Jobs, nach denen sie gucken, kriegen sie nicht. Und die Jobs, die sie kriegen könnten, nach denen gucken sie nicht."

Auf stepstone.de findet man unter "Produktionsleiter" fast 40 Treffer jeden Monat, ein Dutzend und mehr im Maschinenbau, viele in Süddeutschland, selten welche in Brandenburg. Manche Firmen verlangen die Kenntnis "bekannter Problemlösungsverfahren", die Six Sigma oder FMEA heißen. "Nie gehört", sagt Lechner, trotzig, als hätte er immer Probleme einfach so gelöst. Manche Firmen wünschen "verhandlungssicheres Englisch". Lechner sagt, zugegeben, sein Englisch sei seine Schwäche.

Man sagt ihm, er sei überqualifiziert

Mitte Juli hat er ein Vorstellungsgespräch, das erste seit fünf Monaten. Die Arbeitsagentur sucht Berater für junge Arbeitslose. Er traut sich das zu, er hat Lehrlinge ausgebildet. Er zieht sich gut an, Anzug, Krawatte. Er sieht aus wie der Chef, der er mal war. Man sagt ihm ab, er sei überqualifiziert.

Lechner weiss, dass er Unternehmer von sich überzeugen kann. Er kennt moderne Projektarbeit, denkt wirtschaftlich. Aber dazu, das zu beweisen, kommt er oft nicht. Denn heute muss er vorab mit Damen von Personalagenturen Telefoninterviews führen. Sogar Mittelständler delegieren ihre Auswahl mittlerweile an Headhunter. Unpersönlich sei das, sagt Lechner, eigenartig.

"Arbeitgeber stellen sich immer noch den 30- bis höchstens 50-jährigen Mann vor, wenn sie einen Ingenieur suchen. Da gibt es eine Wahrnehmungsverengung", sagt Gustav Horn, Direktor im Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Frauen und Ältere würden nach wie vor stigmatisiert. Aber, sagt er voraus, "bei den Unternehmern wird zwangsläufig ein Umdenken einsetzen". Der Aufschwung halte länger an als der vorige, der Jugendwahn könnte bald als altmodisch gelten.

Bestenfalls 20 Jobs kommen infrage

Aber was, wenn man jung ist und keine Erfahrung hat, aber alle Erfahrung fordern? Zwölf Prozent der Arbeitslosen sind jünger als 25. Mona Neugebauer sucht im Internet. Für "Sekretärin" zeigt ihre Suchmaschine rund 400 Treffer, zieht man unseriöse Angebote und Callcenter ab, bleibt die Hälfte. Aber für Mona kommen am Ende bestenfalls 20 infrage. Sie will den Raum Berlin nicht verlassen, glaubt, in der Fremde einzugehen wie eine Primel. Und sie traut sich Aufgaben nicht zu, die Firmen von einer Sekretärin heute verlangen, Buchhaltung etwa. Das sei ihr schon in der Ausbildung schwer in den Kopf gegangen, sagt sie. Sie hat überlegt, einen Kurs in Rechnungswesen an der Volkshochschule zu belegen. Aber eben nur überlegt.

So ist es ein Teufelskreis. Gerade mal fünf Vorstellungsgespräche hatte sie seit November 2006, davon drei in Callcentern. Ihre Betreuerin in der Arbeitsagentur sagt, es sei ein Problem, dass sich eine so junge Frau auf Berlin kapriziere. "Das schränkt die Möglichkeiten enorm ein."

Er kämpft mit seinem Stolz

Ende Juli hat Wolfgang Lechners Vermittlerin etwas für ihn: das Förderprogramm "50 plus" bei der Bahn. Kurz darauf wird er zu einer Veranstaltung eingeladen - neben weiteren 120. Lechner wirkt mit 53 jung unter den Männern. Viele verlassen den Saal, als sie hören, wie es läuft: psychologischer Test, dreitägiges Auswahlverfahren bei der Bahn, neun Monate Weiterbildung zum Betriebsingenieur für Instandhaltung. Dann "wohnortnaher" Einsatz, Verdienst zwischen 36.000 und 38.000 Euro brutto im Jahr. Früher hatte Lechner fast das Doppelte. Er kämpft mit seinem Stolz. Soll er sich das antun? Muss er?

Wirtschaftsforscher wie Hilmar Schneider sagen: Klar muss er das machen, dranbleiben, Gehaltsvorstellungen über den Haufen werfen. Er sagt aber auch, dass längst nicht jeder bis ans Ende seiner Tage neu durchstarten kann. "Wer sich mit Mitte 40 nicht weiterbildet, ist mit Mitte 50 nicht mehr weiterbildbar." Die, die den Saal verlassen haben, zählen vielleicht dazu, merken, wie sie den Anschluss verpassen, resignieren. Lechner nicht. Er hat sich weitergebildet. Er will noch wohin mit seiner Kraft. Am Ende der Veranstaltung drückt er den Bahn-Referenten seine Mappe in die Hand.

Der Druck wächst, Hartz IV rückt näher

Ende August bewirbt sich Mona Neugebauer als Verkäuferin bei einer Ramschladenkette. In der Ausschreibung stand "berufliche Qualifikation: keine". Die Arbeitsagentur verspricht ihr außerdem eine Weiterbildung in Textverarbeitung. Der Druck wächst, Hartz IV rückt näher. Ihr Freund sponsert neue Fotos, 24 Abzüge für 40 Euro. Sie gefallen ihr. Die Leiterin der Kette ruft an, Mona soll sich vorstellen.

Ende August beschließt das Bundeskabinett, den Zuzug osteuropäischer Ingenieure zu erleichtern. Während also Bulgaren quer durch Europa wandern für Arbeit, tun Lechner und Neugebauer viel dafür, nicht das Bundesland zu wechseln. Anfang September geht Lechner zum Psychotest für den Job bei der Bahn. Als Erstes muss er eine Art IQ-Test machen, Dutzende schwarz-weißer Figurenfelder soll er einander zuordnen. Blitzschnell. Der Ingenieur wird sauer, er kommt sich vor wie ein Schuljunge. Die anderen Tests gelingen ihm. Im Rollenspiel muss er eine Stresssituation simulieren, "dem Team" die Annahme eines Auftrags trotz Auslastung verkaufen. Lechner ist in seinem Element. Ein paar Tage später teilt die Agentur ihm mit, sie werde ihn der Bahn zur weiteren Prüfung empfehlen, aber parallel müsse er sich bewerben. Lechner macht es, "man hat nichts zu verlieren". Er schickt außerdem zwei Mappen an Berliner Betriebe, eine nach Rostock. In sarkastischer Laune bewirbt er sich als Platzwart auf einem Golfplatz. "Ich will's mal wissen."

Das ist quasi Sozialarbeit

Mona Neugebauer darf im September in die ersehnte Computerschulung. Aber es ist nur ein Grundkurs, "MS Office". Basiswissen für eine Sekretärin. So sitzt sie vier Wochen lang neben 58 Jahre alten arbeitslosen Krankenschwestern, die das erste Mal im Leben am Rechner arbeiten. Anders als in den 90er Jahren sollen die Kurse und Schulungen der Arbeitsagenturen heute eigentlich "dezentral", "passgenau" und "bedarfsgerecht" zugewiesen werden. Es scheint nicht immer zu gelingen. 412.000 "Kunden" gingen zum Beispiel bis September in "Trainingsmaßnahmen". Dazu gehören auch Versuche, Langzeitarbeitslose wieder an normale Arbeitszeiten zu gewöhnen, sie "einzugliedern". Das ist quasi Sozialarbeit, finanziert aus den Beiträgen jener, die geregelt arbeiten.

Nach einem "Probedienst" fängt Mona Neugebauer am 1. Oktober in der Ramschkette Tedi an. Man kann da Taschenwärmer in Herzform für einen Euro kaufen oder Schlüpfer aus Bonbons, zum Aufessen. Sie sagt: "Ich mag diesen Kitsch." Mona lernt, dass dahinter ein ausgefeiltes Verkaufssystem steht, nichts dem Zufall überlassen bleibt. Sie ist aufgeregt, erzählt, es sei "ein junges, nettes Team", und es gebe Aufstiegschancen. Sie klingt, als wäre sie bei einer Unternehmensberatung eingestiegen. Es wird ein 400-Euro-Job.

Sie bitten ihn zu einem echten Vorstellungsgespräch

Wolfgang Lechner ist von der Bahn auserwählt - zum zweiten Test. Er spottet ein bisschen, aber man hört seine Freude heraus. Die Golfplatzbetreiber haben ihm abgeschrieben. Überraschend bekommt er im Oktober noch mal Post von der Bahn, nur von anderer Stelle: Sie bitten ihn zu einem echten Vorstellungsgespräch für einen richtigen Job, ohne 50 plus und Psychotest. Die Mappe, die er spontan abgegeben hatte, ist auf Interesse gestoßen. Eine neue Hoffnung.

Der gestandene Mann, die junge Frau, sie verschwinden nicht aus der Statistik, sie suchen weiter und hoffen, dass der Aufschwung sie mitzieht. Vielleicht könnte er sie mitreißen, wenn sie mehr wagen würden und auch: mehr hinnehmen. Mona Neugebauer muss nun doch "auf Hartz IV", denn von 400 Euro kann sie nicht leben. Aber einen Teil ihres Geldes wieder selbst zu verdienen lässt in ihren Augen etwas leuchten. Selbstbewusstsein.

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