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Bergbau Saarland: Stolz, ein Bergmann zu sein

Im Saarland droht dem Steinkohlebergbau nach dem jüngsten Erdbeben das endgültige Aus. Tausende Beschäftigte und deren Familien bangen um ihre Zukunft. stern.de hat Bergarbeiterfamilie Kröner aus Göttelborn besucht - Vater Dieter ist seit diesem Wochenende im Zwangsurlaub.

Von Eva Wolfangel

Feierabend bei Familie Kröner im saarländischen Göttelborn. Vater, Mutter und Tochter sitzen auf dem Sofa im Wohnzimmer, Blumen auf dem Tisch, der Fernseher läuft, Tagesschau. Das Bild einer zufriedenen Familie, die zum verdienten Feierabend in trauter Runde zusammensitzt. Aber irgendetwas stimmt nicht an diesem Bild.

Vielleicht sind es die fassungslosen Blicke von Vater Dieter, 46, der schon den ganzen Tag Feierabend hat und gerade aus dem Fernsehen erfährt, dass er auch morgen nicht zur Arbeit ins Bergwerk kommen soll. Und vielleicht überhaupt nicht mehr. Kröner ist seit mehr als 20 Jahren Bergmann. "Und das von Herzen", sagt er. Es klingt stolz und gleichzeitig ein wenig wehmütig. Er hat gut verdient, es reichte, um ein schmuckes Haus zu bauen. Doch am Samstag hat ihn seine Firma, die RAG Deutsche Steinkohle, zusammen mit mehr als 3000 anderen Kumpel in den "Urlaub" geschickt. Der Steinkohleabbau wurde nach dem Erdbeben gestoppt. "Vorläufig", betont sein oberster Chef, RAG Vorstandsvorsitzender Bernd Tönjes, im Fernsehen. Aber Dieter Kröner ahnt, dass das ein langer Urlaub werden wird.

"250 Jahre Göttelborn"

Dieter, Iris und Tochter Bettina Kröner sitzen unter einem Wandkalender mit dem Titel "250 Jahre Göttelborn", die Februarseite zeigt das Steinkohlebergwerk. "Eigentlich geht es seit Jahren bergab", klagt Kröner. Ein eindrucksvolles Symbol dafür ist das Göttelborner Bergwerk, nur wenige hundert Meter von Kröners Häuschen entfernt gelegen. Es wurde vor acht Jahren stillgelegt, der Turm, der höchste Förderturms Europas, ist das Wahrzeichen der Kleinstadt geblieben.

Nahezu zeitgleich mit dem Werk haben beinahe alle Geschäfte in Göttelborn geschlossen. Dieter Kröner fuhr von da an jeden Tag 30 Kilometer zur Arbeit nach Saarwellingen. Aber seit drei Tagen ruht auch die Arbeit im dortigen Nordschacht. "Wo sollen die ganzen Bergleute jetzt hin?", fragt Iris Kröner.

Die Uniform ist mehr als eine Arbeitskleidung

Dabei hat alles einst so vielversprechend angefangen. Nach der Energiekrise Anfang der siebziger Jahre sei der rheinischen Steinkohle eine große Zukunft vorhergesagt worden, erinnert sich Kröner. "Geh auf die Grube, Energie braucht man immer", sagten die Leute zum jungen Dieter Kröner. Mit 16 nahm er an einer Grubenfahrt teil. "Da war klar, das macht mir Spaß", erinnert er sich. Die Arbeit im Bergwerk macht ihm bis heute Spaß. Und wie er so auf dem Sofa sitzt und die Hände knetet, sieht er aus, als wollte er jeden Moment aufspringen und sich aufmachen in die andere Welt, seine Welt unter Tage.

Seit sie verheiratet sind, versucht Iris Kröner, diese Welt zu verstehen. Oft hat sie ihren Mann genau beobachtet. "Wenn die Männer ihre Bergmannuniform anziehen, ziehen sie ihr Leben an", sagt sie. Es ist mehr als eine Arbeitskleidung, die Uniform transportiert den ganzen Stolz eines Bergmannes. Die gefährlichen Bedingungen unter Tage, die Hitze, die Enge schweißt die Kumpel zusammen. "So eine Kameradschaft gibt es in keinem anderen Beruf", behauptet Dieter Kröner.

"Heute verrate ich oft nicht, was mein Vater arbeitet"

Vielleicht hat er deshalb bis heute seine Berufswahl nie in Zweifel gezogen. Obwohl es viele Gelegenheiten dazu gegeben hätte. Kurz nach der Hochzeit 1987 kamen die ersten Tiefschläge. Er sah, wie seine Freunde in anderen Berufen Lohnerhöhungen bekamen, und ging selbst leer aus. Gerüchte von Subventionskürzungen machten die Runde, eines Morgens sah er, wie jemand eine schwarze Flagge am Schacht hisste. "Ist heute ein besonderer Tag?", fragte er seine Frau. Ist jemand gestorben? Das war 1997, als die Subventionen für den Bergbau zum ersten Mal drastisch gekürzt wurden. Wenige Stunden später fand er sich in einem Bus nach Bonn wieder: Die Kumpel fuhren geschlossen zur Demo. Drei Jahre später wurde das Göttelborner Werk stillgelegt. "Die Kinder waren häufiger mit ihrem Vater demonstrieren als mit ihm im Urlaub", sagt Iris Kröner.

Die Kinder Bettina, 19, und Christian, 16, sind heute selbst in Ausbildung. Bettinas einstige Grundschule liegt nur 300 Meter entfernt von der Grube, in der ihr Vater früher arbeitete, in der Klasse waren viele Bergmann-Kinder. "Heute verrate ich oft nicht, was mein Vater arbeitet", sagt Bettina Kröner, die sich zur Erzieherin ausbilden lässt und jetzt schräge Blicke von Mitschülerinnen aus Saarwellingen kassierte, deren Häuser beim Erdbeben am Samstag beschädigt wurden. "Du schämst dich für deinen Vater?", fragt Dieter Kröner. Es soll lustig klingen, aber seine Stimme ist ein wenig rau.

"Ich bin ein anerkannter Facharbeiter"

Dann fährt er mit der Hand durch die Luft, als wolle er jeden Zweifel wegwischen. "Ich bin bis heute stolz darauf, ein Bergmann zu sein." Sein Blick fällt auf die Anrichte im Wohnzimmer, wo alte Grubenlampen stehen, daneben ein Miniaturmodell einer Kohlenlore. Er habe schließlich nicht irgendwas gelernt. Seine Ausbildung zum Bergmechaniker - das modernisierte Berufsbild des Bergmannes - sei in Göttelborn hoch angesehen gewesen. "Sie galt als sehr modern", erinnert sich Kröner, "ich bin ein anerkannter Facharbeiter."

Seit zwei Tagen lastet diese Ausbildung wie ein Fluch auf ihm. Gerade diese Spezialisierung mache es ihm schwer, eine neue Arbeit zu finden. "Der Hauptbestandteil des Berufes ist eben der Bergbau", sagt er schulterzuckend. Wie soll er damit in einer anderen Branche Fuß fassen? "All die Jahre leben wir in Angst", sagt Iris Kröner, "immer war irgendwas." Auf den Beruf ihres Mannes ist sie dennoch stolz. Vor vier Jahren hat Dieter Kröner den Bergmannsverein Göttelborn gegründet - der jüngste Bergmannverein Deutschlands. Die Kumpel fahren gemeinsam zu Gedenkveranstaltungen und Jahresfeiern. Niemand sonst gründet heute noch solche Vereine. "Aber man muss doch die Tradition wahren", sagt er.

Am zweiten Tag seines "Urlaubs" hat Kröner seine Bergmannstracht angezogen. Im nahegelegenen französischen Ort Petite Rosselle wurde der Jahrestag eines Grubenunglücks von 1985 begangen. "Da geht man natürlich hin, wir Bergmänner halten doch zusammen", sagt Kröner. Das dortige Werk ist schon lange still gelegt. "Daraus", sagt Kröner und deutet auf ein Faltblatt auf dem Wohnzimmertisch, "haben sie ein Museum gemacht." Das Faltblatt lädt Besucher zu einer Grubenfahrt in den ehemaligen Stollen von Petite Rosselle ein. "Das Bergwerk in Originalgröße" steht in großen roten Buchstaben darauf. Dieter Kröner schaut auf den Prospekt und schüttelt den Kopf. Der Bergbau als Geschichte. Das kann er nicht glauben.

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