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BERUFSPORTRÄT: Rechtsanwälte führen nicht nur Prozesse

In Rechtsanwalts-Fernsehserien spielt sich der Alltag der Anwälte im Gerichtssaal ab. Die Realität sieht jedoch oft anders aus: 70 Prozent der Arbeit findet außergerichtlich statt.

In Rechtsanwalts-Fernsehserien spielt sich der Alltag der Anwälte im Gerichtssaal ab. Die Realität sieht jedoch oft anders aus: »70 Prozent der Arbeit findet außergerichtlich statt«, sagt Trimborn von Landenberg. Er hat eine Kanzlei in Cochem und ist Projektmanager des Forums junger Rechtsanwälte im Deutschen Anwaltverein (DAV) in Bonn.

Nach von Landenbergs Einschätzung zählt für Anwälte vor allem die »prophylaktische Beratung«. Dabei sei die Neigung zum Umgang mit Menschen und Konfliktlösungskompetenz eine wichtige Voraussetzung. Denn meist liegt es nicht im Interesse des Mandanten, eine teure Gerichtsverhandlung zu führen. »Viele Probleme können gelöst werden, ohne dass es zu einem Prozess kommt. Ein Anwalt sollte sich immer dessen bewusst sein, was für Folgen sein Ratschlag hat. Er muss die Verantwortung für die Konsequenzen seiner Arbeit übernehmen«, betont von Landenberg.

Neben der Rechtsberatung klärt der Anwalt auch die Sachverhältnisse eines Falls. Spektakuläre Prozesse gehören nicht zum Standard. Zudem sind die Berufsaussichten für junge Rechtsanwälte nicht mehr so rosig wie einst. Sehr gute Absolventen kämen zwar mit hohen Einstiegsgehältern bis zu 92.032 Euro (180.000 Mark) im Jahr unter. »Sie werden von Großkanzleien direkt von der Uni abgeworben«, sagt Stephan Göcken, Geschäftsführer der Bundesrechtsanwaltskammer in Berlin. »Für alle anderen ist es jedoch schwer unterzukommen.« Sie können nach Göckens Einschätzung als Angestellte mit einem Einstiegsgehalt von etwa 2.600 Euro brutto rechnen oder sich selbstständig machen.

Die Gründung einer eigenen Kanzlei ist jedoch kein Zuckerschlecken. Gewöhnlich arbeiten junge Juristen daher zunächst in einer bestehenden Kanzlei und machen sich selbstständig, wenn sie bereits einen Kundenstamm haben. Bevor sich die Probleme des Berufseinstiegs stellen, gilt es aber zunächst die zweigeteilte Ausbildung zum Juristen zu absolvieren. Nach dem Studium an der Universität folgt eine praktische Ausbildung, das Referendariat.

Die universitäre Laufbahn soll den Studenten den theoretischen Hintergrund in allen Sparten der Juristerei vermitteln. Ein festgelegter Studienplan sichert die Orientierung in den verschiedenen Rechtsbereichen. Praktika bieten einen ersten Einblick in die Praxis. »Abschließende Prüfungen finden in den verschiedenen Gebieten des Zivilrechts, des Strafrechts und des öffentlichen Rechts statt. In einigen Bundesländern steht auch eine Hausarbeit in der Prüfungsordnung«, sagt Professor Franz Häuser, Dekan der juristischen Fakultät an der Universität Leipzig.

70 Prozent aller Jura-Studenten werden Rechtsanwälte

Eine besondere Regelung des Jura-Studiums sei der »Freischuss« beim ersten Staatsexamen: »Legt ein Student die Prüfungen bereits nach dem achten Semester ab, kann er entscheiden, ob er mit den erzielten Noten zufrieden ist oder ob er die Prüfung wiederholen will.« Um dem gefürchteten ersten Staatsexamen gewappnet entgegen zu treten, besuchen die meisten Jura-Studenten in ihren letzten Studiensemestern »Repetitorien«. Hinter dem Begriff verbirgt sich ein bezahlter Vorbereitungskurs.

»Zwischen 18 und 50 Prozent fallen beim ersten Staatsexamen durch, das variiert in den einzelnen Bundesländern«, erzählt Häuser. Dem Studium folgt das zweijährige Referendariat. Derzeit ist diese Ausbildungsphase eingeteilt in drei Stationen bei Gericht, in der Verwaltung und in einer Anwaltskanzlei. Da mehr als 70 Prozent aller Jura-Studenten später Rechtsanwälte werden, werde die Verweildauer bei Gericht demnächst zu Gunsten der Anwaltsausbildung verkürzt, erklärt Häuser.

Die zwei Jahre des Referendariats werden mit dem zweiten Staatsexamen abgeschlossen, das die Absolventen zu Volljuristen qualifiziert. Um beim Berufsstart gute Chancen zu haben, sind Sprachkenntnisse von Vorteil. Am Besten sei es außerdem, »bereits im Studium in einer Kanzlei zu jobben«, empfiehlt Trimborn von Landenberg.

Göcken weist zudem auf die Möglichkeit der Spezialisierung hin. Wer nach dem Studium noch Lust aufs Lernen hat, kann sich zum Fachanwalt weiterbilden: »Nach nachweislichen theoretischen Schulungen und praktischen Erfahrungen kann man nach mindestens drei Jahren anwaltlicher Tätigkeit auf bestimmten Rechtsgebieten die Fachanwaltschaft erlangen«, so Göcken. Die Qualifikation zum Fachanwalt wiederum erhöht die Chancen auf eine gut gehende Kanzlei erheblich.

In der Reihe »Blätter zur Berufskunde« ist unter der Bestellnummer 3-VII A 04 der Titel »Rechtsanwalt/Rechtsanwältin« erschienen. Das Heft ist kostenlos beim Arbeitsamt erhältlich.

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