Ein-Euro-Jobs "Einfach so"

Er hatte seine Ausbildung abgebrochen, im Knast gesessen und seine Zukunft eigentlich schon hinter sich. Dann fiel Björn Juchem mit einem Ein-Euro-Job wieder auf die Füße - ein Bilderbuchfall, der zeigt, was andernorts nicht funktioniert.
Von Rolf-Herbert Peters

Als der Frust zu groß wurde, schmiss Björn Juchem zwei Brandbomben gegen das Polizeirevier seines Heimatorts Kaisersesch. "Einfach so." Er hatte die Hauptschule und die Lehre zum Metallbauer abgebrochen und anderthalb Jahre nur rumgehangen, den Kopf voller Nichts. Dann der Anschlag. 22 Monate musste er in den Knast und anschließend zum Jobcenter nach Cochem, um Arbeitslosengeld II (ALG II) zu beantragen.

Hier endete die stumpfe Seite seines Lebens. Sein Fallmanager verdonnerte ihn zu einem Ein-Euro-Job mit Qualifizierung. Juchem musste in die Werkstatt des nahen Kinderheims St. Martin, einer Einrichtung für Behinderte, wo er einfache Reparaturarbeiten übernahm. Dort führte er lange Gespräche mit seinen Betreuern, lernte morgens aufzustehen und Bewerbungen zu schreiben. Inzwischen ist er zuversichtlich in seinen alten Lehrbetrieb zurückgekehrt.

245.000 Jobs, Tendenz fallend

Björn Juchem ist ein Bilderbuch-Ein-Euro-Jobber. So hatten sich die Hartz-IV-Erfinder ideale ALG-II-Karrieren vorgestellt. Vor allem Gescheiterte unter 25 Jahren sollten über Pflichtbeschäftigungen schneller wieder feste Arbeit und damit eine Lebensbasis finden. Von den 5,2 Millionen deutschen ALG-II-Empfängern sind 1,1 Millionen in dieser Altersgruppe.

Fast anderthalb Jahre nach dem Start zeichnet sich jedoch ab: Das Ziel ist verfehlt. Zum einen gibt es viel weniger Ein-Euro-Stellen als erwartet. Rund 245.000 waren es im April, Tendenz fallend - mindestens 600.000 hatte Rot-Grün versprochen. Zum anderen werden die Gelder für Ein-Euro-Jobs offenbar mit der Gießkanne verteilt. Die Förderung sei "bislang wenig Zielgruppen orientiert", lautet die nüchterne Bilanz einer Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die in Kürze erscheint.

Eine Milliarde Euro Ausgaben

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch der Bundesrechnungshof in Bonn: Bei jedem vierten Ein-Euro-Jobber hätten die gesetzlichen Förderungsvoraussetzungen nicht vorgelegen, und bei weiteren 50 Prozent gebe es erhebliche Zweifel an der Förderungsfähigkeit. Die Ergebnisse aus Nürnberg und Bonn transportieren eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Die Befürchtung, Ein-Euro-Jobs würden zum massenhaften Abbau regulärer Stellen etwa bei Kommunen oder Wohlfahrtsverbänden führen, hat sich nicht bewahrheitet. Die schlechte: Der Staat hat allein 2005 gut eine Milliarde Euro für Ein-Euro-Jobs ausgegeben, von denen ein Großteil sein Ziel verfehlte.

Es fehlen einfache Jobs

Warum läuft es in Cochem besser? Von den über 1400 ALG-II-Empfängern sind hier im Durchschnitt 25 Prozent in Ein-Euro-Jobs beschäftigt, und 25 Prozent von ihnen bekommen regelmäßig eine feste Arbeitsstelle. "Arbeitsgelegenheiten sind als Brücke zum ersten Arbeitsmarkt zu verstehen. Zum Erfolg führen sie aber nur, wenn ein entsprechender erster Arbeitsmarkt vorhanden ist", sagt Hans Peter Schram, Chef der Jobcenters. Sein Glück: Die Gaststätten und Hotels der Touristenhochburg stellen ungelernte Kräfte ein. Deutschlandweit fehlen solch einfache Jobs.

In Großstädten mit Massenarbeitslosigkeit geht es offenbar anders zu. Eine Stichprobe des gewerkschaftsnahen LabourNet Germany unter 664 Arbeitslosen ergab, dass die Betreuer in den Jobcentern nur bei 3,5 Prozent der Ein-Euro-Jobs eine Festanstellung in Aussicht stellen konnten. Schlimmer: Sie führten bei der Hälfte ihrer Klientel nicht einmal das vorgeschriebene Profiling durch, um Stärken und Schwächen auszuloten.

"Keiner wird in Ruhe gelassen"

Im kleinen Cochem betreuen die 26 Mitarbeiter ihre Kunden dagegen intensiv, koppeln Ein-Euro-Jobs meist mit einer Qualifizierung. Wie bei Stefan Färber, 25. Nach zwei Jahren Bundeswehr wollte der Metallbauer unbedingt Informatiker werden - keine Chance in der Moselprovinz. Arbeits- und hoffnungslos landete er in der Schuldenfalle. Bis ihn sein Fallmanager an die kurze Leine nahm. Heute jobbt auch er für einen Euro im Kinderheim. Im Erfolgsfall darf er den Führerschein machen - und vielleicht klappt es dann doch noch mit einer Programmiererausbildung. "Die haben echt Regelmäßigkeit in meinen Alltag gebracht", sagt Färber erleichtert. "Wer als ALG-II-Bezieher in Ruhe gelassen werden will, ist in Cochem falsch", so Jobcenter-Chef Schram.

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