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Betriebsklima: Küssen verboten

Die US-Supermarktkette Wal-Mart hat ihren deutschen Mitarbeitern die Liebe zu Kollegen untersagt. Job-Paare wundern sich über so viel Prüderie.

Vergangenes Jahr hat es bei Uwe Herrmann gefunkt. Zwischen Tütensuppen, Lakritz und Waschpulver, im riesigen Laden der US-Supermarktkette Wal-Mart in Wiesbaden-Biebrich, verliebte sich der 38-Jährige in eine 25 Jahre alte Kollegin. Seit einem halben Jahr sind sie verheiratet, in den nächsten Wochen wird Herrmann zum ersten Mal Vater. Eine schöne Liebesgeschichte - und nicht ungewöhnlich, denn in Deutschland lernt sich jedes dritte Paar im Job kennen.

Aber Uwe Herrmann hätte sich nicht verlieben dürfen. Er leitet die Wal-Mart-Filiale, und als "Store Manager" hätte der stets gut gelaunte Hesse seine Gefühle im Zaum halten müssen. So jedenfalls schreiben es die Ethikrichtlinien von Wal-Mart vor, die alle Angestellten mit ihrer Gehaltsabrechnung für Februar bekamen. In dem 33 Seiten umfassenden Leitfaden heißt es: "Sie dürfen nicht mit jemandem ausgehen oder in eine Liebesbeziehung mit jemandem treten, wenn Sie die Arbeitsbedingungen dieser Person beeinflussen können oder der Mitarbeiter Ihre Arbeitsbedingungen beeinflussen kann." Soll heißen: Chefs dürfen nicht mit Untergebenen flirten.

Eben das ist bei Uwe Herrmanns Lovestory der Fall. Seine Frau, die ihren Namen und ihr Bild vorsichtshalber nicht im stern sehen möchte, war bis zum Mutterschutz Verkäuferin in der Kleidungsabteilung des Supermarktes, den Herrmann leitet. Geturtelt haben die beiden aber nicht während der Arbeitszeit. Sie trafen sich privat, gingen Essen, ins Kino oder zum Tanzen. "Orgien zwischen den Tiefkühltruhen hat es nicht gegeben", sagt er.

Das verliebte Paar

war so vorsichtig, dass Kollege Marcus Fischer, 31, lange Zeit überhaupt nichts von der Romanze seines Chefs mitbekam. Fischer arbeitet in der Getränkeabteilung, seine Frau Carina, 33, bei den Babysachen. Die beiden kamen sich während der Lehre näher. Er war 16, sie 18. Nein, Liebe auf den ersten Blick war es bei ihnen nicht, erzählt Carina. Sie waren schon ein Jahr lang befreundet, bis sie merkten: Da ist mehr. Schwierigkeiten im Betrieb gab es bisher nicht. "Die Kollegen haben sich alle für uns gefreut", sagt Carina. Als die beiden vor sechs Jahren heirateten, war sogar die damalige Geschäftsleitung eingeladen. "Es ist doch gut, wenn es Beziehungen am Arbeitsplatz gibt", sagt sie, "da hilft einer viel eher dem anderen." Carina und Marcus gehen zwar gemeinsam in die Pause, aber mehr als ein Kuss in der Kantine war nie drin. "Wenn alle Paare einer Firma entlassen werden sollten, dann müsste bei uns die halbe Belegschaft gehen", sagt Carina. Auch Birgit Schneider, 42, und Frank Herchenhahn, 37, haben sich bei Wal-Mart kennen und lieben gelernt. Sie verkauft Schuhe in der Filiale in Witten, er berät Kunden in der Elektroabteilung. Als sie vor zwei Jahren dem Chef ihre Liebe gestanden, reagierte der ganz gelassen. "Wir sind keine Teenager mehr", sagt Frank Herchenhahn, "wir können Arbeit und Privates trennen."

Aber genau das scheint die Unternehmensleitung von Wal-Mart ihren Mitarbeitern nicht zuzutrauen. Die Liebe im Supermarkt ist künftig riskant. Der Ärger über die Direktive ist groß. Der Gesamtbetriebsrat wurde zwar über das Papier informiert, hatte aber keine Gelegenheit, sich zu äußern - was ein klarer Verstoß gegen das Betriebsverfassungsgesetz sei, gegen den er nun klagen will. "Wir hätten vorher informiert werden müssen", schimpft Rolf Sobottka, Betriebsrat bei Wal-Mart im westfälischen Witten.

Der Konzern wiegelt ab. Natürlich dürften sich die 13000 Mitarbeiter in Deutschland weiterhin privat treffen, und es werde auch niemand entlassen, wenn er sich in seinen Kollegen verliebe, heißt es. In der Zentrale des weltgrößten Einzelhändlers, in Bentonville, Arkansas, mitten im Bibel-Gürtel der USA, versteht man die Aufregung in Deutschland nicht: Die Ethikrichtlinien gebe es seit vielen Jahren, und die Anti-Anbandel-Klausel verwende Wal-Mart überall in der Welt. "Es geht nur um Manager und die Angestellten, die von ihnen abhängig sind", sagt Sprecherin Amy Wyatt. "Das geschieht zum Schutz unserer Mitarbeiter."

Und zum Schutz der Firma.

Denn die Liebe im Büro kann im klagewütigen Amerika die Unternehmen teuer zu stehen kommen. "Nach amerikanischem Recht fällt dem Arbeitgeber ein hohes Maß an Verantwortung zu, seine Mitarbeiter vor sexueller Nötigung zu schützen", sagt Candy W. Dale, Arbeitsrechtlerin bei der Kanzlei Hall-Farley in Boise, Idaho. Sonst drohten Klagen wegen sexueller Belästigung. Deshalb seien Richtlinien wie die von Wal-Mart weit verbreitet: "Immer öfter kommt es vor, dass Mitarbeitern untersagt wird, eine Liebesbeziehung anzufangen - egal, ob es Vorgesetzte und Untergebene betrifft oder nur Kollegen." Kalifornische Juristen haben sich vor fünf Jahren im Kampf gegen die Hormone etwas Neues einfallen lassen: so genannte "Love Contracts", Verträge, in denen das Liebespaar versichert, aus freien Stücken ein Paar zu sein und sich am Arbeitsplatz professionell zu verhalten.

Wal-Mart handelt mit seiner EthikBibel also für amerikanische Verhältnisse nicht ungewöhnlich - allenfalls ungewöhnlich naiv, indem die Amerikaner ihre Standards einfach auf Deutschland übertragen. Denn Liebesaffären, selbst von Vorständen, gelten im alten Europa als Privatsache. Bei Daimler-Chrysler heiratete Vorstandschef Jürgen Schrempp seine Büroleiterin Lydia Deininger - Anfang März kam ihr zweites Kind Luca zur Welt. Bis zur zweiten Babypause arbeitete Frau Schrempp weiter für ihren Mann bei Daimler-Chrysler. Franz Beckenbauer, Präsident des FC Bayern, und die Chefsekretärin des Clubs, Heidrun Burmester, kamen sich auf einer Weihnachtsfeier näher. Der damalige RTL-Chef Helmut Thoma bandelte mit Daniele Milbert, heute seine Frau, ebenfalls im Unternehmen an. Eheschließungen zwischen Chef und Sekretärin gehören zum Büroalltag in Deutschland.

All dies wird in den USA weitaus weniger toleriert. So stolperte gerade erst der Boss des Luftfahrtkonzerns Boeing, Harry Stonecipher, über seinen eigenen Ethikkodex, als er allzu heftig mit einer seiner Managerinnen flirtete und ihr heiße E-Mails schrieb. Stonecipher räumte zerknirscht seinen Schreibtisch. Er wusste, dass er gegen eine bildhaft formulierte amerikanische Büroregel verstoßen hatte: "Don't dip your pen in your company's ink." Wörtlich übersetzt: "Tauche deine Feder nicht in die Unternehmenstinte."

Doch diese Regel gilt in Deutschland nicht. In keinem anderen großen Konzern, bei dem sich der stern erkundigte, wird die Liebe schriftlich geregelt. Nicht bei Siemens, nicht bei Daimler-Chrysler, nicht bei der Commerzbank, bei Beiersdorf, Ford oder Bayer. Die Unternehmen weisen allerdings darauf hin, dass durch den Flirt am Kopierer keine Abhängigkeiten und kein Unfrieden im Team entstehen dürfen. Juristisch regeln können Chefs in Deutschland nur eines: dass die Beziehung nicht während der Arbeitszeit ausgelebt wird. "Ein Arbeitgeber darf nicht aufgrund der Möglichkeit, dass einer durch die Beziehung profitieren könnte, zum Beispiel durch mehr Gehalt, die Beziehung verbieten", sagt die Arbeitsrechtlerin Adelgund Hofmeister.

Der Arbeitspsychologe Peter Groß kritisiert an den Liebesvorschriften von Wal-Mart vor allem die Einstellung der Manager gegenüber ihren Angestellten: "Sie werden entmündigt, man traut ihnen nicht zu, mit einer Liebesbeziehung erwachsen umzugehen. Warum vertraut man bei Wal-Mart nicht darauf, dass man schon Formen der Auseinandersetzung finden wird, wenn es durch eine Beziehung am Arbeitsplatz Probleme gibt?"

Wie eine Ehe

mit gemeinsamem Arbeitsplatz harmonieren kann, zeigt das Beispiel von Volker und Karen Bockelmann. Die beiden verliebten sich vor acht Jahren beim Skifahren in St. Moritz. Damals wie heute arbeiteten sie im selben Unternehmen: dem Nivea-Hersteller Beiersdorf. Bisher gab es keine Probleme, denn Karen und Volker arbeiten in getrennten Abteilungen; sie im Marketing, er in der Versuchsabteilung. "Wir haben nicht überall rumerzählt, dass wir ein Paar sind", sagt die 36-Jährige, "aber wir waren ehrlich, wenn uns jemand gefragt hat." Nur einmal gab es eine etwas heikle Situation, als Volker seinen Chef in einem Meeting vertreten musste, das von Karen geleitet wurde. "Bei uns gibt es jede Menge Paare - es ist doch schön, wenn zwei sich lieben", sagt der Pressesprecher von Beiersdorf, Klaus-Peter Nebel. Und für die Folgen gibt es den Betriebskindergarten.

Davon können Wal-Mart-Mitarbeiter nur träumen. Sich in einen Kollegen zu verlieben wird ab jetzt für sie zum Risiko. Nur beim Verkuppeln der Kunden gibt es keine Hemmungen: Viele Wal-MartFilialen laden freitags abends zwischen 18 und 20 Uhr zum "Single-Shopping". Flirtwillige Kunden binden sich eine rote Schleife an den Einkaufswagen - und ab geht's: Ob an der Tiefkühltruhe, an der Käsetheke oder in der Elektroabteilung, überall darf gebaggert werden. Zwischen den Regalen wurden sogar schon Ehen angebahnt, erzählt Susanne Müller von der Wal-Mart-Pressestelle. Und natürlich kommen sich dabei auch mal Kunden und Verkäuferinnen näher. Aber darüber steht nichts in den Ethikrichtlinien.

Catrin Boldebuck
Mitarbeit: Karsten Lemm/Doris Schneyink

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