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Finanzkrise: Der American Dream ist ausgeträumt

Die Arbeitslosenzahlen in New York steigen fast schneller als die Kurse an der Wall Street sinken. Viele Banker suchen neuen Arbeitsplatz - so wie Joshua Persky. Der ehemalige Investmentbanker ging nach Monaten der vergeblichen Jobsuche in eine ungewöhnliche Werbeoffensive.

Von Sonja Hartwig, New York

Als die guten Tage an der Wall Street schon beendet schienen, das gesamte Ausmaß der Katastrophe aber noch nicht wirklich klar war, ging Joshua Persky auf die Straße. Er schlüpfte in einen Nadelstreifenanzug, band sich eine Krawatte um und um Rücken und Bauch ein Schild. Darauf: "Erfahrener Eliteuni-Absolvent sucht Job - Telefon: 917 650 8700". In der Hand hielt er einen Packen Handzettel. Keine Reklame. Sondern seinen Lebenslauf. Eine Werbeoffensive in eigener Sache, mitten auf der Park Avenue, New Yorks teuerster Straße. Die Citibank, bis vor kurzem das größte Geldinstitut der USA, hat hier ihren Sitz. In der Finanzkrise ist die Bank mit Abschreibungen von 60 Milliarden Dollar mit am härtesten betroffen. 11.000 Angestellte mussten seit Juni ihren Job quittieren.

Joshua Persky, 48, war schon vor neun Monaten Schluss: Sein Arbeitgeber, die Investmentfirma Houlihan Lokey, strich im großen Stil Stellen. Kurz vor Weihnachten wurde Persky arbeitslos. Seitdem schrieb er hunderte von Bewerbungen, stellte sich bei Firmen vor, nutzte sein über Jahre aufgebautes Netzwerk - vergebens. Perskys größter Gegner war die Zeit. Was mit einer Blase am Hypothekenmarkt begann, hat mittlerweile das Weltfinanzsystem ins Wanken gebracht. Zehntausende verlieren ihren Job. Die Arbeitslosenquote in New York City stieg im August von 5,0 auf 5,8 Prozent - der höchste Zuwachs innerhalb eines Monats, seitdem die Zahlen in den USA erhoben werden.

Fast glimpflich kommt die Finanzbranche davon

Die Konsequenzen lassen sich bislang nur erahnen: Im vergangenem Jahr war die Wall Street verantwortlich für fast ein Drittel aller Gehälter, für elf Prozent aller Arbeitsplätze in der Stadt. An jedem hoch bezahlten Finanzjob hängen mindestens zwei weitere Arbeitsplätze, vor allem aus dem unteren Einkommensbranchen: Kellner und Kuriere, Chauffeure und Cappuccino-Verkäufer. In den nächsten zwei Jahren könnten bis zu 165.000 Menschen arbeitslos werden, sagen neuste Berechnungen der New Yorker Stadtverwaltung. Fast glimpflich kommt die Finanzbranche davon: 35.000 Entlassungen sind prognostiziert.

Amerika stellt sich auf harte Zeiten ein. Das Durchschnittseinkommen pro Haushalt wird 2010 Schätzungen zufolge niedriger liegen als ein Jahrzehnt zuvor. Erstmals seit 1930 hätten die Bürger auf lange Sicht gesehen nicht mehr, sondern weniger in der Tasche. Das schlägt auf die Stimmung: Nichts bereitet den Amerikanern schlechtere Laune als eine negative Einkommensentwicklung. Jede Rezession in der Geschichte des Landes hat bislang für eine Lohnkürzung zwischen drei und sieben Prozent für die Durchschnittsfamilie gesorgt. Erst viel später als an den Börsen - meist nach drei Jahren - stabilisierte sich die Finanzsituation der normalen Haushalte.

Trübe Jobaussichten für den elitären Nachwuchs

Der American Dream ist ausgeträumt - so denkt vor allem die junge Generation. Im Juni, vor den großen Börsenturbulenzen, sagte die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen in einer Umfrage der Rockefeller Stiftung, dass es mit ihrem Land nur noch bergab gehe und dass die USA in den 1990er Jahren ein besserer Ort zum Leben war. Dem weit verbreiteten Pessimismus trotzen diejenigen, die allen Grund zur Besorgnis hätten: Die Absolventen der Wirtschaftsschulen. Jian Yang, 25, Student an der "Graduate Business School" in Chicago, ist sich sicher: "Wenn du hart arbeitest und bereit bist dich aufzuopfern, findest du einen Job." Sein Studium wird er mit einem Schuldenberg von 200.000 Dollar abschließen.

Trübe Jobaussichten für den elitären Nachwuchs. Die Zahl der Bewerbung an den Business Schools steigt dennoch. Das Wall-Street-Chaos schreckt nicht ab. Und das, obwohl die nächste Brokergeneration die Krise unmittelbar zu spüren bekommt: J.P Morgen Chase, Deutsche Bank und Lehman Brothers haben ihre Aufnahmegespräche Anfang des Semesters gestrichen. Adam Hallowell, 20, Wirtschaftsstudent an der Harvard-Universität, nimmt es gelassen: "Meiner Generation wurde von Anfang an eingebläut, dass wir flexibel sein müssen. Damit fangen wir jetzt an."

Die Krise ist auf den kleinen Mann durchgeschlagen. Der Restaurantbesitzer im Finanzviertel, der vor allem von Businessessen der großen Banken lebte, spürt es genauso wie der Fleischer in der Bronx, der Vertragsspezialist aus Brooklyn, die Organisatorin von Bustouren, der Autoverkäufer in New Jersey und der Fahrradverkäufer in Queens. Sechs Kleinunternehmer, die die "New York Times" in einer neuen Serien in den nächsten Monaten durch die Krise begleitet - Dokumentation eines schleichenden Untergangs? Wer kommt durch?

Persky stand vor den Trümmern seines Traums

Joshua Persky hatte nach seiner Kündigung damit gerechnet, einen besseren Job in der Finanzwelt ergattern zu können. Dann kam das gewaltige Börsenerdbebeben. Und Joshua Persky stand vor den Trümmern seines Traums: Ein eigenes Heim an der Upper East Side. Mit Pool und Pförtner. Aufgelöst. Persky lebt heute bei seiner Schwester. Frau und Kinder sind aufs Land gezogen, 1200 Meilen westlich nach Nebraska, zur Mutter. "Meine Kinder wissen nicht, was eine Schallplatte ist oder ein Kassettenrekorder. Sie werden auch Bear Stearns, Lehmann Brothers und Merrill Lynch nicht mehr kennenlernen", schrieb Persky im September in seinen Blog. Es war der erste Tag des katastrophalen Kursabsturzes.

Einen neuen Job hat er noch nicht, aber einen vollen Terminkalender. Nachdem die New Yorker Zeitungen Post, Sun und Times seine Geschichte druckten, ging sie um die Welt. Sein Telefon steht kaum still, das E-Mail-Postfach quillt über. Marie aus Mönchengladbach, die gerne BWL studieren würde, schreibt ihm: "Ich habe Angst davor, dass mich das gleiche Schicksal ereilen könnte." Und aus Hong-Kong kommt der Rat: "Wenn du keinen Job in den USA findest, verschwende keine Zeit und komm hierher. Hier gibt's genügend Arbeit."

Joshua Persky - eines der vielen Gesichter des globalen Finanzdesasters. Eigentlich wollte er nur einige Lebensläufe verteilen und einen neuen Job finden. "Stattdessen bin ich weltberühmt geworden. Und das fürs Arbeitslos sein."