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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Huckleberry Finn am Straßenrand, der nicht bettelt, sondern schenkt

In der Vorweihnachtszeit hocken gefühlt besonders viele Bedürftige im Schatten der glänzenden Schaufenster. Frank Behrendt traf vor einem Shopping-Center einen Bettler mit Sinn für Poesie, der ihn nachhaltig beeindruckte.

Frank Behrendt lernte einen Bettler mit Sinn für Poesie kennen - und ließ sich seine Geschichte erzählen

Frank Behrendt lernte einen Bettler mit Sinn für Poesie kennen - und ließ sich seine Geschichte erzählen

"Ich schenke Dir Poesie. Gib mir dafür was Du willst." Zugegeben, so eine Botschaft gibt es auf den Schildern der um Gaben bittenden Menschen auf unseren Bürgersteigen nicht jeden Tag. Ich blieb stehen. Um mich herum das übliche Treiben. Vollgepackte Tüten schoben sich durch die City, es wurde gedrängelt und geschimpft. Die Weihnachtstage werfen ihre Wünsche voraus.

Ich sprach den Mann an, der mich unter seinem schwarzen Hut aus zwei wachen Augen ansah. Das Poesie-Geschenk wollte ich. Und er gab es mir. Auf einen zerfledderten Notizblock mit Karopapier schrieb er mit erstaunlich ordentlicher Schrift: "Wie gut es tut in kalter Zeit, hältst Du ein Lächeln mal bereit." Ich lächelte. Er auch. Da es kalt war und hinter dem Eingang zur Shopping-Mall ein italienisches Café mit dampfender Kaffeemaschine lockte, fragte ich den Bordstein-Poeten, ob ich ihn einladen dürfte. Er erhob sich und wir gingen hinein.

Ein Mann wie Sam Hawkens

Die Geschichte, die er erzählte, war eine traurige: Scheidung, Jobverlust, Pech und eigenes Verschulden – am Ende landete Helmut auf der Straße. Aber er war keiner, der nur die Hand aufhielt. Er saß am Boden und die vorbeieilenden Menschen blickten auf ihn herab. Aber er behielt seinen Stolz und er hatte seine Sprüche. 31 an der Zahl. Für jeden Tag einen anderen. Alle positiv und mit einer kleinen Botschaft.

Heute war das Lächeln dran. Mich erinnerte er an Sam Hawkens, den schrulligen Westmann aus den berühmten Erzählungen von Karl May. Der Dichter aus Sachsen hatte dem guten alten Sam "zwei listige Äuglein" verpasst, die hatte mein Poet von der Straße auch. Er war keinesfalls verzweifelt, er jammerte auch nicht. Er berichtete vielmehr, dass er täglich nette Begegnungen mit Menschen habe, die sich von seinem Schild angesprochen fühlten.

Die alten Damen wären besonders nett, sagte er, die wüssten eben mit dem Begriff Poesie noch etwas anzufangen. Bei den jungen Leuten wäre er da nicht so sicher. "Die tippen ja nur in ihre Telefone." Ich fragte, was er mal werden wollte, als er jung war. "Ein Autor wie Mark Twain", kam es wie aus der Pistole geschossen. Die Geschichten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn hatte er geliebt. Und natürlich hatte einem wie ihm Huck immer besser gefallen. Als ich wieder zu Hause war, holte ich den zusammengefalteten Zettel aus meiner Brieftasche. Unter dem Satz entdeckte ich die Buchstaben "HF". Für mich kann die Unterschrift nur Huck Finn bedeuten.

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