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Frauen in Führungspositionen: Chefinnen-Boom in Ostdeutschland

Der Osten ist das gelobte Land für Frauen, die Karriere machen wollen. In den neuen Ländern sitzen viel mehr Damen auf Chefsesseln als im Rest der Republik. Das zeigt eine neue Studie. Der Mittelstand sieht dabei weit besser aus als die Dax-Konzerne.

Von Doris Schneyink

Katrin Bartsch ist Geschäftsführerin der Brauerei Landskron im sächsischen Görlitz; Bettina Kretschmer, 54, leitet das Stahlunternehmen Contall in dem Städtchen Zörbig bei Leipzig. Beide Frauen sind Chefinnen, beide stammen aus den neuen Bundesländern - und beide liegen voll im Trend: Laut einer Studie der Commerzbank, die am Donnerstag veröffentlicht wurde, werden 20 Prozent der mittelständischen Unternehmen von Frauen geführt. Ganz an der Spitze stehen die ostdeutschen Bundesländer Sachsen und Sachsen-Anhalt. Hier liegt der Chefinnen-Anteil bei etwa 30 Prozent.

Für die Studie befragte das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest im Auftrag der Commerzbank insgesamt 4000 Unternehmen mit Umsätzen zwischen 2,5 bis 250 Millionen Euro.

Frauenfreundlicher Mittelstand

Markus Beumer, Vorstand der Commerzbank, sagt: "Der Mittelstand hat seine Hausaufgaben gemacht und auf den Fachkräftemangel und den demografischen Wandel reagiert. Überraschend viele Führungskräfte sind junge Frauen. Nun gilt es, diese Frauen in den Unternehmen zu halten."

Ausgerechnet der als konservativ und patriarchalisch geltende Mittelstand wäre somit frauenfreundlicher und moderner als Weltkonzerne wie Daimler, Siemens, die Telekom. Die geben zwar Hunderttausende von Euro für Diversity-Programme und Image-Kampagnen aus. Doch der Anteil von Frauen in Top-Positionen liegt bei mageren drei Prozent.

Der deutsche Mittelstand wird nicht zu Unrecht als Rückgrat der Wirtschaft bezeichnet: Fast 98 Prozent der Unternehmen sind mittelständisch geprägt, diese Firmen - vom kleinen Handwerkerbetrieb bis zum weltweit produzierenden Maschinenbau-Unternehmen - sind zwar längst nicht so bekannt wie die Dax-Riesen und erwirtschaften in der Regel auch keine Traumrenditen. Aber: Sie stellen 60 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Jobs in Deutschland. Insgesamt sind in den Zigtausenden mittelständischen Unternehmen deutlich mehr Führungspositionen zu besetzen als in großen Konzernen.

Unterschiedliche Führungsmethoden

Und noch ein interessantes Ergebnis liefert die Studie: Frauen führen offenbar ganz anders als Männer. So beschreiben sie ihren Führungsstil häufiger als "charismatisch", "teamorientiert", "situativ", sprich: Sie entscheiden aus dem Bauch. Nach Schwächen gefragt, geben sie zu, sich auch manchmal in Diskussionen zu verstricken.

Die befragten männlichen Geschäftsführer dagegen beschreiben sich eher als "sachlich" und "vorausplanend". Zudem treffen sie Entscheidungen häufiger allein als Chefinnen und "suchen zu selten den Austausch mit der Belegschaft".

Entscheidungen gemeinsam treffen

Einsame Entscheidungen treffen? Das würde bei uns gar nicht funktionieren", sagt die Stahlunternehmerin Bettina Kretschmer. Sie steht in einer Halle, von deren Wänden der Putz abblättert, in der aber eine nagelneue, 100.000 Euro teure Gesenkbiegepresse steht. Wenn sie "boys toys" dieser Art anschafft, also große Maschinen, dürfen die Männer immer in den Katalogen blättern und mit aussuchen. "Sonst taugt die Maschine ja nichts", sagt Bettina Kretschmer und lächelt listig. Aber wenn die Männer ihre "Abkante", wie sie die Presse liebevoll nennen, mitaussuchen, dann ist sie die beste der Welt.

So macht Bettina Kretschmer es grundsätzlich: viel reden, Entscheidungen gemeinsam treffen, möglichst viel delegieren.

Und das muss sie auch tun. Denn seit Kurzem ist ihre Tochter Jana, 30, als neue Marketingchefin ins Unternehmen eingestiegen. Als Bettina Kretscher die Bewerbung ihrer Tochter las, kullerten ihr die Tränen über die Wange. "Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, dass sie Lust hat, ins Unternehmen einzusteigen und meine Nachfolge anzutreten", sagt die Mutter. Dann ließ sie die Sektkorken knallen, "weil die Firma nun eine echte Zukunft hat".

Und der Mittelstand wieder eine junge Frau mehr.

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