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Hartz IV: Deutschland von unten

Für manche ist Hartz IV eine notwendige Reform. Für andere eine Rutsche in die Armut. Wie aber kommen die Betroffenen selbst damit zurecht? stern-Redakteur Hannes Roß hat einen Monat lang von Hartz IV gelebt.

Es fängt leicht an. Ich kann ausschlafen. Normalerweise müsste ich um neun Uhr im Büro sein. Doch heute wartet dort niemand auf mich, auch die nächsten vier Wochen wartet niemand auf mich, weil ich arbeitslos bin. Jedenfalls tue ich so. Ich habe eine Absprache mit der Agentur für Arbeit in Hamburg getroffen: Einen Monat lang wird sie mich wie einen Hartz-IV-Empfänger behandeln. Ein künstlicher Versuch, aber die 4,22 Euro in meiner Hand fühlen sich schon jetzt verdammt realistisch an. Sie müssen reichen, für heute, meinen ersten Tag.

Hartz IV - das Wort des Jahres 2004, die größte Sozialreform in der Geschichte der Bundesrepublik: Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe werden auf einen Regelsatz zusammengelegt. 345 Euro im Westen, 331 im Osten. Mit so viel Bargeld müssen seit dem 1. Januar 2005 rund vier Millionen Menschen auskommen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind. Hinzu kommen Zahlungen für Miete und Sozialversicherungen. Für die Menschen mit Arbeit klingt Hartz IV wie eine Warnung: Pass bloß auf deinen Arbeitsplatz auf.

345 Euro reichen zum Leben, sagen der Kanzler und seine Reformer. Die Menschen rutschen in die Armut, sagen die Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände. Aber wo liegt die Wahrheit? Wie viel Geld braucht man in Deutschland für ein menschenwürdiges Leben? Welche Schicksale verbergen sich hinter der Chiffre Hartz IV? Nürnberg meldet inzwischen mehr als fünf Millionen Arbeitslose. Wie fühlt es sich an, einer von ihnen zu sein? Das möchte ich herausfinden.

Der erste Tag beginnt mit Einkaufen. Billig muss es sein, sehr billig. Für den Lebensmittelsbedarf haben sich die Beamten an den 20 Prozent deutscher Haushalte mit den niedrigsten Einkommen orientiert. Das heißt: Ich darf für Essen pro Tag nur 4,22 Euro ausgeben. Wenn ich dreimal am Tag essen will, macht das 1,41 Euro pro Mahlzeit. Wie soll das gehen? Im Kopf streiche ich all die Kleinigkeiten, die sonst so selbstverständlich sind: ein Cappuccino im Café, ein Big Mäc bei McDonald's, ein belegtes Brötchen beim Bäcker. Ich denke daran, wie ich mit dem Geld auskommen sollte, wenn ich Raucher wäre. Hartz IV scheint die sicherste Entziehungskur zu sein.

Es ist mittags, ein normaler Wochentag, doch beim Lidl-Markt auf der Reeperbahn in Hamburg haben sich lange Warteschlangen vor den Kassen gebildet. Viele Männer mit aufgeschwemmten, müden Trinkergesichtern. Zu junge Mütter in Jogginghosen und Hausschuhen, die schreiende Kleinkinder hinter sich herzerren. Wer abends, kurz nach Feierabend, noch schnell ein paar Besorgungen macht, wird diesem Publikum nicht begegnen. Arbeitslose und Beschäftigte bewegen sich in unterschiedlichen Lebensrhythmen. Es sind zwei Welten, die sich nur selten berühren. Ich kaufe No-Name-Produkte: zwei Pastafertiggerichte und zwei Fertigpizzen. Käse, Brot, Salami, Milch, ein paar Orangen und Äpfel. Dazu noch Toilettenpapier und Waschmittel. Das muss für die nächsten vier Tage reichen. Ich zahle: 16,34 Euro.

Am Ausgang stehen zwei Security-Männer. Ich frage die Frau an der Kasse, ob das nötig sei. Sie schaut mich mitleidig an und sagt: "Es kommen leider so viele Asoziale hierher. Die klauen, was sie unter die Finger kriegen." Dann bittet sie mich, den Pappkarton in meinen Einkaufswagen anzuheben.

Ich habe endlich einen Anruf von meinem Arbeitsvermittler Herrn Renner× bekommen. Nächste Woche um zehn Uhr soll ich mich in der Ortsdienststelle Eidelstedt melden, dritter Stock, Zimmer 104. "Ob ich etwas für Sie habe, kann ich nicht versprechen", hat Renner am Telefon noch gesagt. "Mal sehen, ist im Augenblick schwierig. Ich kann Ihnen aber ein Bewerbungstraining vermitteln." Vielleicht muss ich ja gar nicht arbeiten, um über die Runden zu kommen, denke ich. Vielleicht reicht das Geld ja für diesen Monat.

Meine gesetzliche Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung wird von der Agentur für Arbeit übernommen. Auch meine Wohnung, 74 Quadratmeter, drei Zimmer, 804 Euro Warmmiete, wird bezahlt - allerdings nur vorübergehend. Wer Hartz-IV-Empfänger ist, der muss "angemessen" wohnen. Meine Wohnung ist unangemessen. Als Alleinstehender darf ich 45 Quadratmeter haben - und die dürfen nicht teurer als 318 Euro sein. Ich schaue auf den kleinen Park hinter meinem Schlafzimmerfenster. Meine Wohnung liegt in Altona, zehn Minuten in die Innenstadt, zehn Minuten zur Elbe, jede Menge Kneipen und Restaurants. Ich mag das. Die meisten meiner Freunde wohnen um die Ecke, seit Jahren schon. Für 318 Euro müsste ich umziehen, an den Stadtrand, nach Mümmelmannsberg beispielsweise, eine jener Siedlungen im Niemandsland vor Hamburg, wo die Mieten niedrig sind.

Natürlich könnte ich

einen Umzug verkraften, wenn es sein müsste - aber wie schafft das jemand wie Frau Behnken? Frau Behnken, die ich ein paar Tage später treffe, ist 58 Jahre alt. Eine zierliche Frau mit ängstlichen braunen Augen und hängenden Schultern. Seit 34 Jahren wohnt sie in ihrer 64 Quadratmeter großen Wohnung in Hamburg-Barmbek, zweiter Stock, Warmmiete 620 Euro. Bisher hat das Sozialamt die Miete gezahlt, doch nun kam ein Aufforderungsbescheid von der Bundesagentur. Bis März solle Frau Behnken umziehen und vorher ihre Bemühungen um "Unterkunftskosten auf angemessenem Niveau" nachweisen.

Andernfalls würden von der Miete nur noch die gesetzlich festgelegten 318 Euro übernommen. "Mein halbes Leben habe ich in dieser Wohnung verbracht", sagt sie, "sie steckt voller Erinnerungen." Doch wie soll sie 302 Euro Mietdifferenz aufbringen? Frau Behnken hat sich bereits auf eine Wohnungsannonce gemeldet, sie ist auf Suche, zwangsweise. Das Gespräch mit dem Vermieter lief gut. Auf den Hinweis, dass sie langzeitarbeitslos sei, habe der Vermieter geantwortet: "Das ist gar kein Problem, zahlt das Amt, gnädige Frau. Ich melde mich für die Vertragsunterzeichung morgen bei Ihnen." Das ist jetzt vier Wochen her. Frau Behnken ist kein Einzelfall. Der Mieterbund schätzt, dass rund 100000 Menschen in den nächsten Wochen umziehen müssen.

Von meinen 345 Euro sind noch 287 Euro übrig.

Die 2. Woche

Ich muss zu meinem Arbeitsvermittler nach Eidelstedt. Mit dem Fahrrad ist das zu weit, eine Tageskarte für die Hin- und Rückfahrt kostet 4,65 Euro. Ein Tagessatz fürs Essen, der mir verloren geht. Bis vor kurzem bekamen Arbeitslose in Hamburg das Sozialticket - 15,50 Euro für einen Monat im gesamten Verkehrsnetz. Es wurde gestrichen. Es tut weh, aber ich kaufe für 51 Euro eine Monatskarte. Das geht ins Geld, wird sich aber bezahlt machen. Hoffe ich. Ich rechne: 109 Euro habe ich schon ausgegeben.

Meine zuständige Agentur für Arbeit liegt in einem Einkaufszentrum. In den Gängen riecht es nach Zitronenputzmittel und hochprozentigem Alkohol. Eine Mischung, die tiefe Atemzüge unmöglich macht. Es ist still, wer etwas sagt, der flüstert. Die Leute sitzen auf Holzbänken eng beieinander, aber nicht zusammen. Sie wenden sich die Rücken zu, die Blicke gehen aneinander vorbei. Niemand ist gern hier, jeder möchte so schnell wie möglich wieder weg. Ich auch.

Neben mir auf der Holzbank sitzt ein Mann mit einem kleinen Mädchen. Der Mann heißt Manfred Ebert, ist 44 Jahre alt und hat mal als Schlosser gearbeitet. Als ehemaliger Sozialhilfeempfänger sollte er laut Wirtschaftsminister Wolfgang Clement zu den Gewinnern der Arbeitsmarktreform gehören. Eigentlich. Ebert lacht heiser, als er das Wort "Gewinner" hört. Dann reibt er sich die müden Augen und steckt seiner Tocher ein paar Gummibärchen in den Mund. "Ich bekomme mehr Geld, ja, das stimmt. 657 Euro jährlich mehr. Aber dafür wurden alle anderen Beihilfen gestrichen."

Bislang zahlte das Sozialamt auf Antrag einmalig Beträge für Schulbücher, Haushaltsreparaturen oder Kleidung. Als im vergangenen Jahr die Waschmaschine von Manfred Ebert kaputtging, bekam er vom Sozialamt 250 Euro für eine neue Maschine. Nach der Hartz-IV-Gesetzgebung gibt es solche Beihilfen nicht mehr. Was tut man jetzt, wenn die Waschmaschine kaputt- geht? Die Bundesagentur bietet ein Darlehen an. Für Menschen wie Manfred Ebert kommt das nicht infrage: "Dann würde ich ja im nächsten Monat weniger Geld aus- gezahlt bekommen und in noch größere finanzielle Schwierigkeiten geraten."

Endlich bin ich dran. Mein Arbeitsvermittler Herr Renner trägt eine kleine Brille und hat ein weiches, rundes Gesicht, sein gelbes Hemd hängt vorn aus der Hose. Renner, eher Kumpeltyp als grauer Behördenmensch, wirft einen Blick auf meinen Lebenslauf, der vor ihm auf dem Tisch liegt. Dass ich den Arbeitslosen nur spiele, weiß er nicht. "So, so, Herr Roß", murmelt er. "Habe ich ja schon gesagt am Telefon, die Arbeitsmarktsituation ist kritisch." Das Telefon klingelt. Ein Herr Kröger ist dran. Er möchte wissen, wo sein Arbeitslosengeld II bleibe, es sei noch nichts auf dem Konto eingegangen, obwohl der Antrag doch schon längst bewilligt sei. Herr Renner klemmt sich den Hörer unters Kinn und schiebt die Computermaus über den Schreibtisch. Dann sagt er: "Ja, ich habe hier ein Computerproblem. Ich komme nicht in das Programm rein. Ich rufe Sie zurück." Renner kritzelt eine Telefonnummer auf seine Schreibtischunterlage. Ob er sich in einer halben Stunde noch daran erinnern wird? "Im Moment sind wir hier nur mit Verwaltung beschäftigt. Die Leute müssen ja ihr Geld bekommen. Für die Vermittlung ist im Moment keine Zeit."

Renner hat BWL studiert, später Versicherungen verkauft und damit auch ordentlich Geld verdient. "Der Job war mir aber zu stressig, deswegen bin froh, im öffentlichen Dienst zu sein. Die haben familienfreundliche Arbeitszeiten." Renner lauscht seinem Satz nach und merkt, dass er wie ein klischeehaft fauler Behördenmensch klingt. Er legt nach. "Heißt aber nicht, dass wir nicht arbeiten. Das Problem ist, dass die Leute glauben, wir hier würden die Jobs schaffen. Das machen immer noch die Unternehmen. Und die Leute irren sich auch, wenn sie glauben, wir machen die Gesetze und Ein-Euro-Jobs, um sie zu ärgern. Die kommen aus Berlin. Da sollen sie sich beschweren." Renner lässt sich zurück in seinen Bürodrehstuhl fallen, als hätte er alles gesagt, was es zu sagen gäbe. Dann sagt er noch: "Herr Roß, ich melde mich bei Ihnen, wenn ich ein Jobangbot reinbekomme. Schönen Tag noch!" Im vergangenen Jahr hat im Schnitt jeder Arbeitsvermittler der Agentur pro Monat 1,4 Arbeitnehmer vermittelt.

Von 345 Euro sind 183 Euro übrig.

Die 3. Woche

Ich habe ein paar kleine Tricks zum Geldsparen herausgefunden. Um die Ecke ist eine öffentliche Bücherhalle, in der ich jetzt vormittags kostenlos Zeitung lese. Leider kein Geheimtipp mehr. Eine Menge Menschen gehen in Bücherhallen, um Tageszeitungen zu lesen. Umsonst Frühstück gibt es dreimal wöchentlich in der Kleiderkammer der Caritas. Ich lasse mich sofort zurückrufen, wenn ich jemanden anrufe. Meine Telefonrechnung darf nicht mehr als 30 Euro betragen - aber was ist, wenn meine Freunde irgendwann keine Lust haben, mich zurückzurufen? Und wie soll ich im Januar auf dem Balkon Gemüse anbauen? Das rät ein Arbeitslosenforum im Internet. Selbst der Verkauf des Haustieres wird empfohlen.

Vielleicht kann ich mir etwas dazuverdienen. Ich schaue mir den Stellenmarkt in der Zeitung an. Eine Telefonmarketingfirma sucht "junge, kommunikative Menschen". Ich rufe an. Die Frau von der Telefonmarketingfirma sagt, ich solle eine Bewerbung schicken. In dreifacher Ausfertigung. Zeugnisse sollen Erfahrung im Telefonmarketing nachweisen. Die habe ich nicht. Ich rufe bei einer Hotline für Medikamententests an. "Was muss ich tun, und wie viel Geld bekomme ich dafür?" Es gebe da verschiedene Möglichkeiten, sagt eine Frau Jenner am Telefon. Phase eins: der einmalige Medikamententest. Dafür erhalte man kein Geld, aber eine kostenlose Untersuchung des Arztes auf die Widerstandsreaktion, die das Medikament hervorrufen könnte. Und wer macht so etwas? "Viele. Wir haben eine Warteliste." Für Phase zwei müsste ich in einer Klinik über mehrere Tage neue Medikamente einnehmen. Dafür gibt es eine Aufwandsentschädigung. So um die 500 Euro. "Soll ich Sie auf die Warteliste setzen, Herr Roß?" Ich sage ja. Frau Jenner verspricht mir einen Medikamententest für die nächste Woche. Sie ruft nicht wieder an.

Ein paar Tage später bekomme ich doch noch einen Job - für 1,65 Euro pro Stunde. Mein Arbeitsvermittler hat mich angerufen. Ich soll mich bei dem Beschäftigungsträger "Arbeit und Lernen" melden. In Hamburg gibt es rund 50 Firmen, die insgesamt 6000 so genannte Arbeitsgelegenheiten für Hartz-IV-Empfänger anbieten. Bundesweit sollen es 600000 werden. Mal muss man auf einem Schulhof Fahrräder beaufsichtigen. Mal kann man die Grünflächen im Stadtpark reinigen. Nur gemeinnützig muss es sein, und es soll keine regulären Arbeitsplätze verdrängen. So hoffen es jedenfalls die Hartz- Reformer.

"Wenn wir es nicht billig machen, dann machen es die anderen", sagt Holger Rosenburg, der Geschäftsführer von "Arbeit und Lernen". "Fahren Sie mal vor die Tore von Hamburg. Da stehen die Polen an der Autobahnausfahrt und bieten sich für vier Euro an. Den Niedriglohnmarkt schaffen wir nicht. Den gibt es schon lange." Aber was nützt so ein Ein-Euro-Job? Er bringt kaum Geld, läuft maximal ein Jahr und ist nichts anderes als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, nur viel schlechter bezahlt. Rosenburg sagt: "Die Leute kommen runter vom Sofa und lernen, mal wieder morgens um fünf Uhr aufzustehen."

So wie ich auch. Ich muss heute um fünf Uhr aufstehen, um kurz vor sechs geht die S-Bahn zu meinem neuen Arbeitsplatz, der KZ-Gedenkstätte in Neuengamme. Dort soll ich ab sieben Uhr als "Betriebshelfer" arbeiten. Was das ist? Ich habe keine Ahnung, noch nicht. Ich habe einen grünen Arbeitskittel bekommen, Arbeitsschuhe mit Stahlkappe und einen Parka mit den Buchstaben "ALH", was für "Arbeit und Lernen Hamburg" steht.

So sitze ich in der S-Bahn, die einem Geisterzug gleicht. In jedem Waggon hocken nur drei, vier Leute, und die starren wie hypnotisiert aus den Fernstern ins Dunkel. Bei der Gedenkstätte warten 20 Ein-Euro-Jobber im Aufenthaltsraum: ein paar Zwanzigjährige, die anderen sind zwischen 40 und 60 Jahre alt. Mein Chef heißt Edgar. Er trägt eine Bomberjacke und hat seine wenigen grauen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. "Morgen, Männer", ruft er in den Aufenthaltsraum herein, "bis es hell wird, macht ihr mal Kaffeepause."

Wir warten eineinhalb Stunden. Als es draußen dämmert, beginnt es zu regnen. "Männer", ruft Edgar wieder in den Aufenthaltsraum, "macht eine zweite Kaffeepause, bis der Regen aufhört."

Wir warten also, bis der Regen

aufhört. Das Warten macht mürbe. Warum musste ich um sieben Uhr morgens im Dunkeln kommen, wenn die Arbeit draußen erst bei Tageslicht möglich ist? Edgar sagt: "Damit du abends um acht Uhr mit dem Kopf in deine Suppe fällst."

Ich arbeite am "historischen Pflaster". Dort werden die Grundrisse von ehemaligen Häftlingsbaracken mit roten und hellen Ziegelsteinresten nachgestellt. Meine Aufgabe besteht darin, geschredderte rote Ziegelsteinreste von geschredderten weißen Ziegelsteinresten zu trennen. Neben mir arbeitet Robert, 57, ein arbeitsloser Bauingenieur, Vater von vier Kindern. Er hat Betonbauer gelernt, später an der Abendschule sein Bauingenieurstudium absolviert. Ein halbes Jahr war er als Bauingenieur beschäftigt, dann machte seine Firma Pleite. Jetzt steht er auf einem windigen Feld am Rande von Hamburg und sortiert Steinreste. "Die Arbeit tut mir in der Seele weh", sagt Robert. 13,20 Euro bekommt er für acht Stunden Arbeit, davon gehen 4,80 Euro für die täglichen Fahrtkosten ab, es bleiben 8,40 Euro. Nach ein paar Stunden sagt Robert: "Weißt du, wofür das ALH eigentlich auf unseren Arbeitsjacken steht? Für ,Adolfs Letzte Helfer"." Man wird wohl so bitter, wenn man täglich Steine sortieren muss.

Von 345 Euro sind 102 Euro übrig.

Die 4. Woche

Es ist das dritte Wochenende, an dem ich zu Hause herumsitze. Sterbenslangweilig, ich starre an die Decke, nach draußen, in die Glotze. Samstagabend, Durchhaltefernsehen. Volksmusik im Ersten, anderswo die 38ste Wiederholung eines James-Bond-Films und laue Witzparaden. Ich denke darüber nach, ob es nicht doch stimmt, dass Fernsehen aggressiv macht. Kein normaler Mensch erträgt das. Aber was kann ich unternehmen ohne Geld? Dabei sein ist alles, heißt es. Aber dabei zu sein ist nicht umsonst. Kino, Kneipe, Restaurant, Geburtstagfeier, Theater, Stadtfest - kostet alles Geld.

Arbeitslose sitzen faul auf dem Sofa, saufen Dosenbier und glotzen Privatfernsehen, lautet der Vorwurf. Jetzt weiß ich, warum. Es bleibt einem nichts anderes übrig. Ich würde gern unter Menschen gehen - aber bei 3,20 Euro Restbudget spiele ich lieber am Computer.

Sonntagabend. Es geht nicht anders, ich muss raus. Ich rufe einen Freund an, verabrede mich mit ihm beim Griechen und habe ein schlechtes Gewissen: Mal gerade drei Wochen sind um, und schon halte ich nicht mehr richtig durch. 56 Euro gebe ich an diesem Abend aus, so viel wie zuvor in einer ganzen Woche. Es war schön, mal eine Zeitlang nicht über jeden Euro nachdenken zu müssen. Doch jetzt muss ich mir schnell irgendwie und irgendwo etwas dazuverdienen, um die Lücke auszugleichen. Zudem werden am Ende des Monats noch Rechnungen kommen. Versicherungen, Telefon und Strom.

Zwei Tage später habe ich einen Job. "Ungelernter Bauhelfer für verschiedene Räumarbeiten gesucht. Job ab sofort", steht in der Zeitungsannonce. Ich rufe an. Eine Stimme mit ausländischem Akzent fragt: "Kannst du schleppen und verstehst was von Elektronik?" Ich habe ohne viel nachdenken ja gesagt. Ich glaube schon, dass ich schleppen kann, aber von Elektronik verstehe ich nur so viel, dass ich weiß, wie man eine Stereoanlage anschließt und eine Glühbirne wechselt. Die Stimme mit dem ausländischen Akzent sagt: "Okay, komm morgen. Sieben Uhr. Du bekommst fünf Euro die Stunde."

Wir sollen im Osten von Hamburg eine Disco renovieren. Als ich den Laden betrete, stehe ich in einer dichten Wolke aus Marihuana-Rauch. Ein schwarzhaariger Mann, etwa 30 Jahre alt, der sich André nennt, begrüßt mich: "Du kannst gleich anfangen. Du räumst den Bauschutt weg, später hilfst du beim Ziehen der Elektrokabel." Mein Name spielt keine Rolle. André wird mich einfach nur "Kollege" rufen, wenn er etwas von mir will. Ich stelle auch keine Fragen, ich will nur das Geld.

Ich arbeite im Team mit Henning. Schmächtig, blonder Bürstenschnitt, in seinem Mundwinkel glüht fast immer ein Joint. Henning hat Elektriker gelernt, doch seine Firma hat ihn nach der Ausbildung nicht übernommen. Jetzt lebt er von Hartz IV und von Schwarzarbeit. Würde er den Job bei der Arbeitsagentur angeben, dürfte er von beispielsweise 400 Euro nur 60 behalten. "Schwarz geht immer was, wenn du die richtigen Leute kennst.

Ich mache 700 Euro extra im Monat", sagt Henning. Seine Augen sind vom Kiffen klein, rot und nur noch schmale Schlitze. Er reicht mir den Joint rüber. "Damit arbeitet es sich leichter." Ich möchte kein Spielverderber sein. Außerdem ist Henning meine Rettung, wo ich doch nichts von der Verlegung von Elektroleitungen verstehe. Ich brauche ihn, um nicht völlig durchzufallen. Ich ziehe am Joint. Es ist kurz nach zehn Uhr morgens, und die Baustelle verschwindet langsam im dichten Marihuana-Nebel.

Die Arbeit ist anstrengend und stupide. Liegt wohl auch am Joint, der mich müde und träge macht. Der Bauschutt, den ich mit einer Schubkarre in den Hinterhof fahre, verstaubt mir die Lungen. Soll ich nach einem Staubschutz fragen? Wahrscheinlich halten sie mich dann für ein Weichei. Als der Haufen Bauschutt weggeräumt ist, muss ich in der kratzigen Isolierwolle der Deckenverkleidung nach Elektroleitungen wühlen. Die Haut an meinen Armen ist nach ein paar Minuten krebsrot, ich reibe und kratze, es juckt wie verrückt. Was für ein Scheißjob, denke ich die ganze Zeit und verfluche mich für meinen Ausflug am Wochenende. Das wird mir nicht noch einmal passieren.

Am Ende des Tages drückt

mir André mit gönnerhaftem Grinsen einen 50-Euro-Schein in die Hand. Er hat ein ganzes Bündel in seiner Hosentasche. Dann dreht er sich um zu Henning, schlägt ihm kumpelhaft auf die Schulter und fragt, ob er noch ein Bier mit ihm trinken gehe. Mich fragt er nicht. Ich war nur der Neue, der "Kollege" ohne Namen, der heute wieder verschwindet. Die Rechnungen für den Monat kommen. Für Strom, das Handy und meinen Festanschluss. Berufsunfähigkeits- und die Haftpflichtversicherung. Alles in allem: 87 Euro. Mir fehlen 25 Euro.

Das Geld hat nicht gereicht, 345 Euro waren nicht genug. Dabei habe ich mich eingeschränkt. Ich habe die billigsten Fertiggerichte gegessen, auf Kino, Theater oder CDs verzichtet, auf neue Kleidung oder andere Anschaffungen sowieso. Es gibt Menschen, die glauben, dass Arbeitslosigkeit ein Urlaub auf Staatskosten sei. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist ein Full-Time-Job. Wer sich nicht ständig einschränkt, gerät in Schwierigkeiten. Hartz IV ist ein Disziplinierungsprogramm für diejenigen, die keine Arbeit haben. Und ein Einschüchterungsprogramm für die anderen, die einen Job haben.

Zum Bezahlen der Rechnungen müsste ich jetzt ein Darlehen bei der Bundesagentur für Arbeit aufnehmen. Das geliehene Geld würde von meiner nächsten Hartz-Auszahlung abgezogen werden. Dann hätte ich noch weniger, nur noch 320 Euro für den Monat.

Hartz IV reicht zum Leben, hat der Kanzler gesagt. Es reicht nur zum Überleben. Die Frage ist, wie lange es sich eine Gesellschaft leisten kann, dass Millionen Menschen nicht mehr haben, als sie zum Überleben benötigen.

Hannes Ross / print