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Kategorie Aufsteiger: Knigge für Manager

Warum lächelt der Chef der chinesischen Wirtschaftsdelegation unaufhörlich? Wie oft muss ich mich bei meinen neuen Kollegen in Vietnam nach seinem Befinden erkundigen? Wann komme ich mit türkischen Verhandlungspartnern zum Geschäftlichen? Das Passauer Unternehmen ICU.net verkauft seit fünf Jahren die Antworten solche Fragen - mit wachsendem Erfolg.

Von Jochen Brenner

Wenn ein Unternehmen weltweit "Interkulturelle Dienstleistungen" anbietet, erwartet der Besucher eine großzügige Fabriketage in Berlin-Mitte oder ein Loft-Büro in Frankfurter Flughafennähe. ICU.net residiert in einem vierhundert Jahre alten Fachwerkhaus mitten in Passau. 50000 Einwohner, 9000 Studenten, Fahrzeit nach München: zwei Stunden auf der Landstraße. In den vergangenen fünf Jahren haben sich 17 der DAX-30-Unternehmen entschieden, die interkulturellen Dienste von ICU.net anzunehmen. Dass sich Passau auf der Deutschlandkarte ganz unten rechts versteckt, spielte dabei keine Rolle. Unternehmen wie die Telekom oder die Hypovereinsbank gehören dazu. Der Chiphersteller Infineon lässt seine "Expats" von den umtriebigen Passauern schulen - das sind die Mitarbeiter, die sich für einen Aufenthalt in einem der 20 Länder entschieden haben, in dem das Unternehmen Niederlassungen unterhält. Schon Monate vor der Abreise beginnt die Arbeit der "Interkulturellen Berater" von ICU.net: Noch in Deutschland coachen sie die Auswanderer auf Zeit, versorgen sie mit den wichtigsten Informationen über die Länder, in denen die Expats einige Jahre verbringen werden. Vor Ort unterstützen lokale Experten die Neuankömmlinge - ein weltweites Netzwerk von freien Mitarbeitern ermöglicht diesen Service. ICU.net vertreibt Länderwissen aber auch über das Internet, in zugangsgeschützten Mitarbeiterportalen lernen die internationalen Projektleiter oder Expats, was sie über ihr neues Heimatland wissen müssen. Dort finden sie auch die sogenannten "Case Studies", unterhaltsame Alltagssituationen, interaktiv aufbereitet. Über Rumänien heißt es zum Beispiel: "Nach 1989 gab es in Rumänien keine einzige staatliche Institution oder Parlamentspartei, die nicht in irgendeiner Form in Bestechungs- und Betrugsaffären, Steuerhinterziehung, Schmuggel und ähnliche Delikte verwickelt gewesen wäre." Oder: "Mitarbeiterinnen tragen oft Kostüme, betonen die Weiblichkeit."

Drei Praktikanten, ein VW-Golf

So unterschiedlich diese Informationen sind, so deutlich machen sie das Spektrum von ICU.net. Und das Rumänien-Wissen ist weiter mehr als eine nette Geste besorgter Firmenchefs, die ihren Auslandmitarbeitern das Leben erleichtern wollen: Es geht ums Geld. "25 Prozent der Expats brechen ihren Auslandsaufenthalt vorzeitig ab", sagt Fritz Audebert, Chef und Gründer von ICU.net. "Das kommen schnell Kosten von bis zu 150 000 Euro zusammen." Vermeidbare Ausgaben für Unternehmen – davon ist Audebert überzeugt. "Allen kulturellen Unterschieden ist eines gemein: Missverständnisse lassen sich vermeiden, wenn der jeweils andere sie kennt", sagt der ICU.net-Chef.

Der 42-jährige Passauer mit der randlosen Brille und dem jungenhaften Auftreten war in seinem früheren Leben mal Förster. Doch im Staatsdienst fühlte sich der umtriebige Bayer gefangen. Er wurde Kulturwirt, arbeitet im Karriere-Zentrum der Universität Passau, bevor er vor fünf Jahren ICU.net aus der Taufe hob. Heute, mit über 30 festen Mitarbeitern in dem frisch renovierten Firmensitz mit Blick auf die Donau, schwelgt er manchmal in Startup-Romantik: "Ein Gründer, drei Praktikanten, ein gebrauchter VW-Golf. Das waren die ersten Wochen im Leben der Firma ICU.net."

Foto auf der Tür

Heute quillt das Haus über vor jungen Leuten aus einem guten dutzend Ländern. Zu zweit, manchmal zu dritt sitzen sie in den holzknarrenden Büros des Hauses und versuchen, die Eigenheiten ihres Herkunftslandes für den Fremden in Worte und Bilder zu fassen. Weil bei ICU.net ein Kommen und Gehen herrscht, gibt es an jeder Tür Namensschilder, auf denen ein kleines Foto der Mitarbeiter klebt. "Das macht die Kommunikation viel leichter", sagt Audebert. Jeder "Interkulturelle Berater" deckt zwei Kulturräume ab. Christopher Biesterfeld zum Beispiel kümmert sich um Japan und Südkorea. Der 32-jährige kennt die Länder von Auslandsaufenthalten und arbeitete vor seiner Zeit bei ICU.net mit Migranten. Wie er kommen die meisten Mitarbeiter bei ICU.net nicht frisch von der Uni, sondern haben irgendwo auf der Welt eigene Erfahrungen gemacht.

Schlafen wie die Japaner

ICU.net ist rasant zum Marktführer geworden. Jetzt plant Gründer Audebert schon wieder Neues: Im Nachbarhaus möchte er ein Hotel gründen, natürlich ein interkulturelles. "Jedes Zimmer wird landestypisch eingerichtet sein", sagt er und seine Augen funkeln durch die Brille. "Ganz selbstverständlich können Deutsche schon vor ihrem Auslandsaufenthalt etwas über die Schlafgewohnheiten der Japaner lernen." Wer kann da noch glauben, Passau läge in der bayerischen Provinz?