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Leiharbeiter in Hamburg: Ein Hafen trotzt der Krise

Die Finanzkrise schlägt auf den Arbeitsmarkt durch. Und sie trifft mit den Leiharbeitern zuerst die Schwächsten. Im Hamburger Hafen haben die Zeitarbeiter dagegen keine Angst vor einem Jobverlust. Hier gibt es ein besonderes Modell der Vermittlung - es könnte Modellcharakter haben.

Von Axel Hildebrand

Es ist Weihnachtszeit und das ist in diesem Jahr keine gute Zeit. Zumindest nicht für Leiharbeiter. In Deutschland schicken Unternehmen sie in diesen Tagen reihenweise nach Hause. 500 beim Köln Motorenhersteller Deutz beispielsweise, 400 bei Ford, ebenfalls in der Domstadt. Allein im badischen Rastatt sind in kürzester Zeit 1000 von ihnen auf die Straße gesetzt worden.

Wer in der Zeitarbeitsbranche beschäftigt ist, lebt auf einem schwankenden Schiff. Brummt die Konjunktur kräftig, dann sind die Arbeiter ein Teil der festen Belegschaft. Gerät die See allerdings in Aufruhr, dann sind sie die ersten, die von Deck gefegt werden. Die Krise trifft zunächst die Leiharbeiter und befristet Beschäftigten. Sie werden in den Unternehmen nicht mehr benötigt und später von ihren Verleihfirmen entlassen. In Deutschland gibt es über 700.000 Leiharbeiter, sie sind die modernen Wanderarbeiter.

Ein Polster für schlechte Zeiten

Aber es gibt ein Gegenmodell. Im Hamburger Hafen haben sich die Wirtschaftsunternehmen, die Gewerkschaften und die Politik zusammengeschlossen und eine eigene Personalvermittlung gegründet. In guten Zeiten legt diese Geld zurück, in schlechten kann sie davon die Leiharbeiter bezahlen und muss keinem kündigen. Das hat Modellcharakter - auch für andere Branchen.

Ein Unternehmer hat in Zeiten wegbrechender Aufträge verschiedene Möglichkeiten, die er der Reihe nach nutzen kann. Nicht alles tut zunächst weh, aber schmerzhaft sind alle irgendwann. Die Firmen bauen etwa Arbeitszeitkonten ab. Das sind Stunden, die ein Beschäftigter aufgebaut, und die über die Anzahl hinausgehen, die er dem Unternehmen schuldet. Daneben reduzieren die Betriebe die Arbeitszeit, verordnen Urlaub und beantragen Kurzarbeit.

"Die Prognose bricht uns weg"

Aber es gibt, wie im Hamburger Hafen, einzelne Inseln der Seligen. Von der S-Bahn-Haltestelle Veddel geht es einmal unter der Autobrücke durch, dann scharf links und hoch in den ersten Stock. Hier steht das Gebäude der Gesamthafenbetriebs-Gesellschaft, kurz GHB. Der Kaffee dampft aus der Tasse, kräftige Finger wärmen sich daran. Es ist kurz nach sieben am Morgen. Draußen ist es kalt.

Bernt Kamin-Seggewies ist hoch gewachsen und hat Arme wie andere Oberschenkel. Säcke, Kisten und Fässer hat er entladen, ist zur See gefahren und hat danach im Hafen Kräne, Gabelstapler und Zugmaschinen bedient. Kamin-Seggewies kennt jeden Kran im Hafen, und deshalb bekommt er auch genau mit, wie viel weniger Container umgeladen werden. "Die Prognose bricht uns weg", sagt Kamin-Seggewies. Normalerweise würde das jedem in der Zeitarbeitsbranche den Schweiß auf die Stirn treiben. Kamin-Seggewies sagt: "Ein bis zwei Jahre Krise würden wir wunderbar überstehen."

Sein Arbeitgeber vermittelt den großen Hafenbetrieben wie HHLA oder Eurogate Containerbrücken-Fahrer, Lademeister, Packer oder Decksleute - schnell und flexibel. Von den rund 5000 Hafenarbeitern in Hamburg sind 1100 bei der GHB beschäftigt. An guten Tagen werden die komplett vermittelt. Diese Tage im Dezember kann man fast alle als schlecht bezeichnen, da sind es im Schnitt nur rund 200 Arbeiter, die angefragt werden.

Für die GHB gelten andere Gesetze

Aber die GHB ist eine Zeitarbeitsfirma der besonderen Art, ihr geht es nicht um Kommerz, sondern um Beschäftigung. Für sie gelten deshalb andere Regeln. Sie darf keinen Gewinn machen. Und: Wer im Hamburger Hafen Arbeiter braucht, darf diese ausschließlich hier ausleihen. Diese Monopolstellung verdankt die GHB einem Gesetz aus dem Jahr 1950. Starke Gewerkschaften hatten dieses damals durchgesetzt, gemeinsam mit Parlamentariern, die die elenden Arbeitsbedingungen der Hafenarbeiter endlich verbessern wollten. Noch um die Jahrhundertwende verdienten etwa Wirte an der Vermittlung der Tagelöhner mit, weshalb sie jene zuerst mit Arbeit versorgten, die besonders viel tranken und aßen. Der Lohn wurde dann direkt mit den Trinkschulden verrechnet.

Um dieses Modell finanzieren zu können, zahlen die Hafenbetriebe einen Aufschlag von 66 Prozent auf jeden Arbeitslohn an die GHB. In der kommerziellen Zeitarbeit ist ein Plus zwischen zehn und vierzig Prozent normal. Zusätzlich zahlen die Betriebe hier eine Art Umsatzsteuer von 1,5 Prozent, die in einen Garantie-Lohn-Fond fließt. Denn ist, wie jetzt, weniger Arbeit da, bekommt jeder GHB-Arbeiter ein Gehalt: rund 100 Euro am Tag, das entspricht 75 Prozent eines Facharbeitergehalts.

In den vergangenen Monaten, als im Hafen ein wahrer Boom herrschte und Container und Container umgeschlagen wurde, legte die Gesellschaft der Hafenarbeiter Geld beiseite. Zwei Jahre wird dieser Puffer vermutlich reichen. Übliche Zeitarbeitsfirmen zahlen bei Nichtvermittlung auch ein Gehalt. Aber ist keine Arbeit da, entlassen sie schneller. Bei der GHB ist man stolz darauf, keinem kündigen zu müssen. Bislang konnten lediglich 51 Zeitverträge nicht verlängert werden.

Die Hamburger haben das System nicht erfunden: Ähnliche Modelle gibt es auch in den Häfen der Westküste der USA, Barcelona und Antwerpen. Aber nicht nur in Häfen: Auch in der deutschen Chemie-Industrie findet sich dieses Konstrukt zum Teil. Dieses, findet Experte Claudia Weinkopf vom Institut Arbeit und Qualifikation in Essen, habe Modellcharakter. Beide Seiten, die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer hätten Vorteile. Entscheidet sich ein Wirtschaftszweig vor der Krise für solch ein Modell, können deren Auswirkungen im Ernstfall eher abgefedert werden.

Die Zeitarbeiter verdienen gut

Denn die Arbeiter im Hafen verdienen, anders als andere Zeitarbeiter, gut. Sie werden nach dem Tarif der deutschen Seehäfen bezahlt und bekommen damit genauso viel wie die übrigen Hafenarbeiter. Sie müssen keine Kündigungen befürchten und haben so auch kaum Anreize, die GHB zu verlassen. Die meisten bleiben bis zur Rente, die Fluktuation liegt unter zwei Prozent. Im Durchschnitt sind die Beschäftigten mindestens 25 Jahre beschäftigt. "Die Arbeitsbedingungen sind einfach besser", sagt Weinkopf.

Das schafft Verlässlichkeit bei den Hafenbetrieben: Einige Leiharbeiter kommen seit 20 Jahren in denselben Betrieb. Bei der kommerziellen Leiharbeit ist es nicht ungewöhnlich, dass eine Beschäftigung nach wenigen Monaten zu Ende geht. Zwischen 50 und 60 Prozent der Arbeitsverhältnisse werden nach drei Monaten beendet.

Gewerkschafter Kamin-Seggewies blättert an diesem Morgen in einem Buch, er hat den Kaffee fast ausgetrunken. Auf einem Schwarz-Weiß-Bild schauen ausgemergelte Männer mit zotteligen Schnauzbärten ohne Ausdruck in die Kamera. Die Arme haben sie auf dem Rücken verschränkt, sie warten auf Arbeit. Die Zeiten sind vorbei. Im Sozialen, sagt Kamin-Seggewies, haben wir im Hafen keinen Wettbewerb.