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Lukrativer Nebenjob: Mal Autor, mal Redner

Der Traum, vom Verkauf ihrer Bücher zu leben, erfüllt sich für die wenigsten Schriftsteller. Deshalb lassen sich immer mehr Autoren als Redner bei Firmen buchen.

Wer als Autor einigermaßen bekannt ist, verdient sich gern mit Lesereisen ein Zubrot - oder tritt als Redner bei Kongressen, Firmenfesten und Branchentreffen auf. Für manchen Autor sind solche Auftritte sogar die Haupteinnahmequelle. "Das ist ein extrem lukrativer Markt für einen Autor", berichtet Zukunftsforscher Matthias Horx ("Wie wir leben werden"). Er hält wie Bestseller-Autor Werner Tiki Küstenmacher ("Simplify your life") regelmäßig Vorträge. In Deutschland gebe es mindestens 25.000 Business-Veranstaltungen pro Jahr, und häufig würden dafür externe Redner gesucht.

Anfangs sei er sehr aufgeregt gewesen und habe sich gefragt, was er den Leuten eigentlich sagen solle, berichtet Küstenmacher. "Ich war ein grüner Junge auf dem Rednermarkt." Er hätte die Auftritte dank seines Erfolgs - er hat weltweit zwei Millionen Bücher und andere Medien verkauft - vermutlich nicht nötig, findet aber die Erfahrung als Redner spannend. Inzwischen sei er überzeugt, dass man auch dem allerhöchsten Chef noch etwas erzählen könne: "Die haben auch irgendwo Kruscht in der Garage oder Streit mit ihrer Frau wegen des Ausdrückens der Zahnpasta."

"Wenn man mehr Honorar bekommt, wird man auch besser behandelt"

Küstenmacher zeichnet beim Reden gerne Comics. "Mein Vortrag ist so eine Art Infotainment - und auch ein Stück Predigt", berichtet der ausgebildete evangelische Pfarrer. "Es ist doch fantastisch, dass die Leute 3000 Euro aufwärts zahlen, für einen Prediger." Aufgefallen sei ihm: "Wenn man mehr Honorar bekommt, wird man auch besser behandelt."

Horx' Erfahrung ist: "Reden ist ganz etwas anderes als Schreiben, aber es tut dem Schreiben gut." Viele Autoren verstünden sich immer noch als reine "Geistesbrüter", es gebe keine Erzählkultur in Deutschland. Die "unglaubliche Nähe zum Publikum", dessen Fragen und Reaktionen, helfe ihm beim Verfassen seiner Texte. Etwa 150 Vorträge pro Jahr hält der Publizist und Gründer des Zukunftsinstituts in Kelkheim bei Frankfurt. Dabei tritt er gern als "qualifizierter Störer" auf, der seine Zuhörer auch mal provoziert - "auf hohem Niveau beleidigt", wie er es ausdrückt. Das sei in Deutschland nach seinem Eindruck zunehmend gefragt.

Ulrike Ramsauer von der Redneragentur Ramsauer & Guillot, die Horx und Küstenmacher vermittelt, vergleicht die Suche nach dem geeigneten Redner für einen bestimmten Anlass mit der Arbeit eines Lektors. Unter den rund 2000 Autoren, die Ramsauer und ihr Partner Andreas Guillot in der Kartei haben, seien unter anderem der TV-Journalist und Russland-Spezialist Gerd Ruge, Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow und Weltumsegler Bobby Schenk sowie Wissenschaftler, darunter ein Gletscherforscher, der nur alle paar Jahre gebucht werde. Die Vermittlung des früheren US-Präsidenten Bill Clinton habe sie einmal abgelehnt, "weil das unser Büro für Monate lahm gelegt hätte", wie Ramsauer sagt.

Frauen haben nur eine Chance, wenn sie bekannt sind

Der Markt für die Rednervermittlung sei inzwischen aggressiv geworden. "Vor zehn Jahren waren wir allein. Mittlerweile gibt es mindestens fünf ernsthafte Konkurrenten", sagt Ramsauer. Frauen finden sich in ihrer Kartei selten. "Die Wirtschaft in Deutschland ist nach wie vor männlich orientiert. Frauen kriegen aber oft auch eine schrille Stimme, wenn sie vor großem Publikum reden." Inzwischen werde zwar häufiger nach Frauen gefragt, aber meist nur, wenn sie wie etwa Elke Heidenreich aus dem Fernsehen bekannt seien.

Zukunftsforscher Horx attestiert der Redner-Vermittlung "eine ganz große Zukunft" und sieht schon Konkurrenz auf sich zukommen: Noch-Kanzler Gerhard Schröder und seinen Außenminister Joschka Fischer.

Ira Schaible/DPA

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