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Nominiert in der Kategorie "Aufsteiger": Die Schicht-Arbeiter

Vom Farbfilm zum Tapetenfernseher: Das Leverkusener Unternehmen Inoviscoat will Hightech aus der Fotoindustrie für andere Branchen nutzen.

Es war eine dieser Schnapsideen. Ein paar Männer, ein paar Flaschen und der 50. Geburtstag von Jörg Siegel: Fertig war das eigene Unternehmen.

Doch während die Erfolgsstory der meisten Partyunternehmen am nächsten Morgen mit stechenden Kopfschmerzen endet, gefiel Siegel und seinen beiden Kollegen Jürgen Adamik und Arno Schmuck ihre Idee immer besser und sie gründeten die Inoviscoat GmbH.

"Wir wollen Maschinen, die bislang nur zur Herstellung von Farbfilmen und Fotopapier genutzt wurden, in völlig anderen Industrie-Bereichen einsetzen", beschreibt Siegel sein Konzept. Mit den Geräten können zeitgleich bis zu zehn extrem dünne Schichten unterschiedlicher Materialien aufgetragen werden – in hoher Geschwindigkeit und vermischungsfrei. "Eine Technologie, die bislang nur die Foto-Hersteller beherrschen", schwärmt Siegels Geschäftspartner Jürgen Adamik. Bis zu 500.000 Quadratmeter, eine Fläche so groß wie 68 Fußballfelder, könne man damit pro Tag beschichten.

Doch wozu? Der Unternehmer muss nicht lange überlegen: "Life Science, Nanotechnologie, Keramikfolien, Holografische Materialien" rasselt Adamik die Zukunft herunter. "Es gibt einfach enorm viele Anwendungsbereiche".

Zwei davon, Arni und Shary, bewachen gerade sein Einfamilienhaus. Die Mischlingshunde freuen sich in letzter Zeit immer besonders, wenn Herrchen nach Hause kommt, denn der hat oft Fleisch-Pellets dabei. In Wahrheit sind die Leckerbissen allerdings Entwurmungspräparate.

Bislang konnten Hundebesitzer ihren Hund entweder zum Tierarzt schleifen und ein kleines Vermögen bezahlen oder selbst ein Entwurmungsmittel verabreichen. Nur haben Waldi, Hasso und Co. selten Appetit auf ihre Medizin, weshalb die Behandlung oft zu einem mühsamen Medikamenten-Versteckspiel in allerlei Streichwurstsorten führt. "Wenn das Tier einigermaßen clever ist, frisst es ohnehin nur die Wurst und rührt das Mittel nicht an", sagt Adamik.

Mit der Technologie von Inoviscoat kann der Wirkstoff nun zwischen zwei Schichten mit Fleischaromen versteckt werden. Mission erfüllt, Hund ausgetrickst.

Auch fernab der Tierwelt sieht Siegel Anwendungsmöglichkeiten für das Verfahren. In der Humanmedizin beispielsweise bei der Herstellung von Wundheilungspflastern, deren Schichten die Wirkstoffe erst nach und nach abgeben. Auch für Filtersysteme von Katalysatoren sei die Technologie geeignet. Selbst Fernsehbildschirme, die dünn wie eine Tapete sind und sich bequem einrollen lassen, sollen schon in ein paar Jahren zum Produktrepertoire von Inoviscoat zählen.

Entwurmungspräparate und Tapetenfernseher – normalerweise wäre jetzt wohl der Zeitpunkt gekommen, sich höflich aber kopfschüttelnd von Herrn Siegel zu verabschieden und ein wenig über den Zusammenhang von Genie und Wahnsinn zu philosophieren. Doch bei Inoviscoat ist eben alles ein wenig anders: Die Technologie sei erprobt, die Finanzierung gesichert und mit einigen namhaften Firmen werde bereits über Kooperationen verhandelt, sagt Siegel. Fast fünfzehn Jahre hat der promovierte Chemiker beim Fotokonzern Agfa gearbeitet, war zuletzt Chef von 55 Mitarbeitern und kontrollierte ein Millionen-Budget und auch seine beiden Partner waren in leitender Position bei Agfa beschäftigt. "Das gibt man nicht für irgendeine krude Idee auf", sagt Siegel. "Schon gar nicht, wenn man über 50 ist."

Henryk Hielscher
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