HOME

OECD-Studie: Deutschland schröpft Geringverdiener

Wie kaum ein anderer Industriestaat belastet Deutschland die Einkommen von Gering- und Durchschnittsverdienern mit Steuern und Sozialabgaben. Ab einer bestimmten Höhe dagegen sinke die Belastung wieder, kritisiert die OECD in einer Studie.

Deutschland nimmt bei der Steuer- und Abgabenlast einen Spitzenplatz unter den Industrieländern ein. Zwar ist die Belastung der Arbeitseinkommen nach Angaben der OECD im Jahr 2008 erneut leicht gesunken, der Wert ist aber der zweithöchste im Vergleich mit den anderen Staaten, wie aus einer am Dienstag in Berlin vorgelegten Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hervorgeht.

Nur in Belgien waren die Abzüge vom Bruttolohn eines alleinstehenden Durchschnittsverdieners höher. Von 100 Euro Arbeitskosten blieben ihm im vergangenen Jahr nach Abzug von Lohnsteuer und Sozialbeiträgen noch 47,30 Euro übrig. Besonders weit über dem OECD-Mittel liegt der Studie zufolge die Abgabenlast auch für Alleinerziehende mit geringem Einkommen. Grund dafür sei, dass viele Staaten umfangreiche staatliche Mittel gewährten. In einigen Ländern führe dies dazu, dass der Arbeitnehmer sogar netto mehr in der Tasche habe als der Arbeitgeber brutto zahle.

Von Entlastungen profitieren vor allem Gutverdiener

Die OECD kritisiert, dass Deutschland wie kaum ein anderes Industrieland die Einkommen von Gering- und Normalverdienern mit Sozialabgaben und Steuern belaste und fordert von der Bundesregierung seit längerem mehr Entlastung für diese Gruppe. Von den Maßnahmen in den vergangenen Jahren hätten jedoch vor allem Gutverdiener profitiert. Anders als die progressive Einkommensteuer vermuten lässt - mit jedem Euro mehr Lohn steigt auch die Steuerlast - sinkt laut OECD in Deutschland die Belastung der Arbeitseinkommen ab einem bestimmten Punkt wieder. Dies sei außer in Österreich und Spanien in keinem weiteren Land der Fall.

So werden in Deutschland bei einem Single mit einem Jahresgehalt von 63.000 Euro mit 53,7 Prozent die höchsten Abzüge durch Steuern und Sozialbeiträge fällig. Bei 110.000 Euro hingegen müssten nur noch 50 Prozent der Arbeitskosten (Bruttoverdienst plus Sozialbeiträge der Arbeitgeber) an Sozialkassen und Staat abgeführt werden. Die Quote liege damit auf dem Niveau eines Arbeitnehmers mit 36.500 Euro Jahresgehalt. Dieser Effekt sei auf die Beitragsbemessungsgrenzen zurückzuführen, die für den Teil des Einkommens, der über dieser Grenze liegt, keine Sozialabgaben mehr vorsieht.

"Auch bei Paaren und Familien unterscheidet sich die Verteilung der Abgabenlast in Deutschland deutlich von der anderer OECD-Länder", heißt es in der Studie weiter. Für Verheiratete mit nur einem Erwerbstätigen liege sie eher im Mittelfeld. Bei einem Durchschnittsverdiener mit zwei Kindern lande Deutschland auf Platz 10. Wenn beide Partner arbeiten, liege Deutschland bei der Abgabenlast wieder in der Spitze: "Damit setzt das deutsche Steuer- und Abgabensystem wenig wirtschaftliche Anreize, die Erwerbsarbeit auf beide Partner zu verteilen."

Die OECD, der die meisten wichtigen Industrienationen angehören, legt regelmäßig einen Vergleich der Steuer- und Abgabenlast der 30 Mitglieder vor. Sie wird aus der Einkommensteuer abzüglich Bartransfers wie Kindergeld plus Abgaben an die Sozialkassen berechnet. Berücksichtigt wird auch die steuerliche Absetzbarkeit von Beträgen. Als deutschen Durchschnittslohn hat die OECD einen Bruttojahresverdienst von 43.942 Euro unterstellt.

DPA/Reuters / DPA / Reuters