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Österreich: "Euch fehlt das Selbstvertrauen"

Österreichs Stärken und Deutschlands Schwächen - was Kanzler Schüssel rät.

Herr Bundeskanzler, warum brummt bei Ihnen die Wirtschaft?

Wir hatten in unserer jüngeren Geschichte drei Glücksfaktoren: Der wichtigste war die Öffnung der Ostgrenzen vor 15 Jahren, das hat die Internationalisierung unserer Wirtschaft eingeläutet. Unsere Firmen sind heute die größten Investoren bis hinunter nach Rumänien, Bulgarien oder Serbien. Unsere Exporte haben sich seither vervierfacht. Der zweite Grund ist der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union vor zehn Jahren. Das hat uns gut getan, weil wir überreguliert waren. Wir hatten eine verstaatlichte Industrie, die von Partei- und Gewerkschaftssekretären geführt worden ist. Mit dem Beitritt mussten wir uns davon befreien, und diese Dynamik hält bis heute an. Der dritte Grund des Erfolgs liegt auch in der von mir geführten Regierung.

Sie haben die Unternehmenssteuern von 34 auf 25 Prozent gesenkt. Das war vor allem ein Zuckerl für die Reichen, oder?

Nein, es geht darum, den Standort für die nächsten zehn Jahre optimal zu positionieren. Von Wien aus sind es gerade mal 60 Kilometer bis Bratislava. Jeden Tag findet hier ein Standortwettbewerb statt, wo es drum geht, ob Betriebe bei uns oder dort investieren.

Kann sich Österreich die Steuergeschenke überhaupt leisten?

Von der Steuersenkung profitieren Arbeitnehmer und Unternehmer gleichermaßen. Wir haben uns das hart erarbeitet. Auf Bundesebene haben wir 16 000 Beamte abgebaut, wir haben zehn Prozent aller Dienstposten reduziert, die Beamtenpensionen für die Zukunft abgeschafft und das Frühpensionsalter um fünf Jahre angehoben.

Arbeitgeber und Gewerkschafter lösen in Österreich bisher viele Fragen im Konsens. Halten Sie solche Kungelrunden für zeitgemäß?

Ich verzichte nie auf den Rat der Sozialpartner. Arbeitgeber und Gewerkschafter haben in den vergangenen Jahren ein sehr flexibles Arbeitsrecht geschaffen. Die Betriebe können Mitarbeiter ohne größere Probleme kündigen - aber auch aufnehmen. Das führt zu einer Fluktuation auf dem Arbeitsmarkt, die fast amerikanisch zu nennen ist, bei voller sozialer Sicherheit.

Was kann Deutschland von Österreich lernen?

Was euch in Deutschland vor allem fehlt, ist das Selbstvertrauen.

Wird es Österreich in zehn Jahren besser gehen oder schlechter als heute?

Besser, da hab ich überhaupt keine Zweifel.

In Deutschland würden die meisten wohl sagen: Wir müssen uns anstrengen, den Lebensstandard von heute zu erhalten.

Ich finde es völlig unangebracht, uns vor der Zukunft zu fürchten. Denken Sie nur mal zehn Jahre zurück: Damals hätten wir doch niemals zu träumen gewagt, dass so viele osteuropäische Länder in die EU integriert werden und dass Österreich seinen wirtschaftlichen Aufholprozess so steuern kann, dass wir heute einer der stärksten Investoren in dieser Region sind. Mit Verlaub gesagt: Gerade in den deutschen Medien und in der Politik herrscht eine gewisse Verzagtheit. Man kann sich aber auch in eine Negativspirale hineinreden. Ich jedenfalls sehe Deutschland immer noch als einen Riesen mit gewaltigen Reserven. Vielleicht brummt Deutschland momentan in einem zu hohen Gang, ohne richtige Beschleunigung. Ich würde empfehlen, wie beim Autofahren, mal einen Gang runterzuschalten.

Markus Grill / print