Pflege Rettet die Krankenschwestern!

Intensivversorgung in einem OP-Saal: Die Arbeit der Krankenhausmitarbeiter hat sich wegen des Mangels an Personal enorm verdichtet
Intensivversorgung in einem OP-Saal: Die Arbeit der Krankenhausmitarbeiter hat sich wegen des Mangels an Personal enorm verdichtet
© colourbox
Zehntausende Klinikmitarbeiter demonstrieren in Berlin. Sie fordern mehr Geld für die finanziell angeschlagenen deutschen Kliniken. Zurecht. Denn die Arbeitsbedingungen für Pfleger sind unerträglich. Wir müssen endlich ehrlich darüber streiten, was uns gute Pflege wert ist.
Ein Kommentar von Doris Schneyink

Heute stehen sie nicht am Bett und messen Blutdruck. Heute stehen sie vor dem Brandenburger Tor und protestieren: Zehntausende Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte sind nach Berlin gekommen, um auf ihre miserablen Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Und ihr Protest ist mehr als berechtigt: Jeder, der ein Krankenhaus betritt, egal ob als Patient, als Angehöriger oder Besucher, spürt es: Die Stimmung auf vielen Stationen ist angespannt. Schwestern und Pfleger sind kaum ansprechbar, sie erledigen ihre Arbeit im Laufschritt, sagen 'ja, ich kümmer mich gleich' und sind dann stundenlang verschwunden. Garantiert nicht, um Pause zu machen. Die Zeiten, in denen Krankenschwestern die Vasen auf ihrer Station nach Farbe und Größe sortierten, sind längst vorbei.

Die rund 2100 Krankenhäuser in Deutschland stehen seit Mitte der 90er Jahre unter einem enormen Kostendruck. Es ist gut, dass die Politik die Kliniken zum Sparen verdonnerte und Patienten heute viel schneller entlassen werden als früher. Doch es ist eine Katastrophe, dass der Sparzwang überwiegend zu Lasten der Pflege ging - 50.000 Stellen wurden hier seit 1996 wegrationalisiert. Die Zahl der Patienten stieg gleichzeitig um 670.000.

Verteilungskampf um knappe Ressourcen

In den Krankenhäusern tobt ein Verteilungskampf um die knapper werdenden finanziellen Ressourcen. Und die Schwestern und Pfleger haben die schwächste Lobby. Weder sind sie Teil der Selbstverwaltung, noch verfügen sie über hauptamtliche Funktionäre. Ärzte und Pharmaindustrie sind wesentlich besser aufgestellt, um ihre Pfründe zu sichern. Der jüngste Arzneimittelreport kommt zum Beispiel zu dem Ergebnis, dass Medikamente und Generika in Deutschland nach wie vor viel teuerer sind als im Ausland. Würde man allein die Preise für zehn Wirkstoffgruppen dem britischen Niveau anpassen, so der Report, könnten die Krankenkassen 3,4 Milliarden Euro sparen. Doch es ist offenbar viel einfacher, massenhaft Stellen in der Pflege zu streichen, als den Preis für nur ein einziges Medikament zu senken.

Die Arbeit der Krankenschwestern und Pfleger hat sich aufgrund des Personalmangels enorm verdichtet. Schicht für Schicht erleben sie, dass sie ihre Patienten nicht mehr so versorgen können, wie es ihren ethischen Normen entspricht. Sie müssen ihre Zuwendung rationieren und entscheiden: Beruhige ich jetzt die völlig verstörte Schlaganfallpatientin, die halbseitig gelähmt ist und nicht mehr sprechen kann oder dusche ich den Parkinsonpatienten? Beides geht nicht. Was der eine an Zuwendung erhält, wird dem anderen vorenthalten. Der Pfleger Andreas G. sagt: "Man muss ständig Prioritäten setzen und kann nur hoffen, dass man aufgrund seiner Erfahrung, die richtigen Entscheidung trifft."

Welchen Preis wollen wir zahlen?

Ulla Schmidt will die Gemüter besänftigen und hat den Krankenhäusern drei Milliarden Euro versprochen. Davon sollen unter andern 21.000 Pflegestellen finanziert werden. Doch weil die Kliniken selbst ein Drittel der Kosten tragen müssen, ist unklar, ob dieser Plan Wirklichkeit wird.

Statt willkürlicher Geschenke fordern die Schwestern und Pfleger, dass endlich ein verbindlicher Personalschlüssel eingeführt wird. Der würde exakt vorschreiben, wie viele Patienten von einer Schwester versorgt werden dürfen. Doch dazu müsste in Deutschland eine ehrliche Debatte geführt werden: Was ist uns eine gute und würdevolle Versorgung von Alten und Kranken eigentlich wert? Welchen Preis, sind wir bereit zu zahlen? Denn ein verbindlicher Personalschlüssel und mehr Pflegestellen bedeuten unweigerlich, dass die Krankenkassenbeiträge steigen.


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