HOME

"Ich konnte es nicht glauben": Kollegen verschenken 3300 Überstunden an Vater und kranken Sohn

Als sein dreijähriger Sohn an Leukämie erkrankt, sieht Andreas Graf keinen anderen Weg als seinen Job zu kündigen. Seine Kollegen zeigen daraufhin unglaubliche Solidarität und spenden ihm 3300 Überstunden.

von Linda Göttner

Drei Männer und eine Frau stehen lachend in einer Fabrik. Ein Mann trägt ein Kind auf der Schulter, das den Daumen hoch zeigt.

Kai Deuker (Betriebsratsvorsitzender), Andreas und Julius Graf, Pia Meier (Personalleiterin), und Dr. Andreas Ritzenhoff (Geschäftsführender Gesellschafter von Seidel) (v.l.)

Im Februar letzten Jahres erhielt Andreas Graf die einschneidende Nachricht: sein dreijähriger Sohn Julius ist an Leukämie erkrankt. Um ihm im Krankenhaus beistehen zu können, nahm der 36-Jährige zunächst all seinen Urlaub. Wie es längerfristig weitergehen sollte, wusste der zu dem Zeitpunkt nicht.

Währenddessen erfuhr die Personalchefin Pia Meier seines Arbeitgebers, dem Designartikel-Hersteller Seidel in Hessen, von dem Schicksal der Familie und beschloss daraufhin, gemeinsam mit der Geschäftsleitung und dem Betriebsrat eine Aktion ins Leben zu rufen, bei der die Mitarbeiter Überstunden spenden konnten - mit Erfolg. Die Reaktionen der Kollegen waren "sofort positiv", so Meier im Gespräch mit dem stern. Innerhalb von zwei Wochen kamen 3300 Überstunden zusammen.

Graf war überwältigt

Als Andreas Graf von der Aktion erfuhr, war er sehr bewegt: "Er hat geweint", erzählt Meier. "Er hatte zuerst überlegt, zu kündigen. Doch ich habe die Kündigung nicht akzeptiert und ihm gesagt, dass wir eine Lösung finden." Für Graf eine überwältigende Botschaft: "Das war für mich natürlich riesig", sagt er dem stern. "Dass ich überrascht war, wäre noch zu harmlos formuliert. Ich konnte erst einmal gar nicht glauben, dass so viele Leute daran teilgenommen haben." Jeder Mitarbeiter aus dem Unternehmen habe ein paar Stunden gespendet, sogar Praktikanten, die normalerweise keine Überstunden nehmen dürfen.


Nach dem Lichtblick ein weiterer Schicksalsschlag

Mit so vielen zusätzlichen Überstunden auf seinem Konto war es dem 36-Jährigen möglich, die ersten neun Wochen komplett bei seinem Sohn zu verbringen, der im Krankenhaus eine Chemotherapie erhielt. Erst später konnte Graf sich nach und nach bei den rund 700 Mitarbeitern des Unternehmens für ihre Aktion bedanken. Doch die Freude wurde schnell wieder getrübt.

Während Julius' Therapie traf die Familie ein weiterer Schicksalsschlag: seine Mutter, die getrennt vom Vater lebte, starb an einem Herzleiden. Für Julius war das ein weiterer Einschnitt in seinem noch jungem Leben. Mittlerweile könne er besser damit umgehen, berichtet sein Vater.

Der erste Tag, an dem der Junge die Klinik verlassen konnte, war für Graf neben der Aktion seiner Kollegen ein Höhepunkt in einer schweren Zeit. "Wir haben Wochen im Zimmer verbracht, da Julius wegen der hohen Infektionsgefahr nicht raus konnte", erzählt er. Heute ist der mittlerweile Fünfjährige wieder zuhause und wird mit einer Langzeittherapie in Form von Tabletten und Spritzen behandelt.

Rückkehr in den Alltag

Sein Vater steigt währenddessen nach einem Jahr und einem Monat Urlaub wieder langsam in den Job ein und geht seit drei Wochen wieder arbeiten – erst einmal halbtags. Auch für diese Flexibilität sei er besonders dankbar. "Wir überlassen es ihm, wie viele Stunden er arbeiten möchte", erklärt Meier. Rund 300 Überstunden hat Graf jetzt noch in der Reserve, die er im Notfall einsetzen könnte. Demnächst möchte er wieder in Vollzeit arbeiten, wenn Julius bald in den Kindergarten gehen kann. Der bekomme den ganzen Rummel um die Überstunden-Aktion für seinen Vater kaum mit. Graf selbst freut sich aber über die Öffentlichkeit für die Aktion, auch aus Dankbarkeit gegenüber seinen Kollegen und der Firma. 

Dennoch ist für ihn Normalität momentan sehr wichtig: "Ich wünsche mir wieder ein normales Leben und einen geregelten Alltag", so Graf. Julius gehe es zu Zeit sehr gut, auch wenn sein Immunsystem noch geschwächt sei. Um als geheilt zu gelten, muss er die nächsten fünf Jahre krebsfrei bleiben. Die größte Sorge seines Vaters ist daher ein möglicher Rückfall. Doch zunächst können die beiden nach vorne schauen und vor allem Dinge nachhohlen, die im letzten Jahr nicht möglich waren, wie beispielsweise einen Ausflug in den Zoo. In jedem Fall kann er sich darauf verlassen, dass sein Arbeitgeber ihm den Rücken frei hält.


Themen in diesem Artikel