HOME

Schule aus, was nun?: Auf der Suche nach einer Zukunft

Jura, Medienwissenschaften oder doch lieber eine Ausbildung? Hunderttausende Schulabgänger wissen Jahr für Jahr nicht, was sie mit ihrer Zukunft anfangen sollen. Private Berufsberater helfen ihnen dabei – für viel Geld und mit einfachen psychologischen Rezepten.

Von Lenz Jacobsen

Der Ort, an dem Vanessa G. ihre Zukunft sucht, liegt tief im Wald bei Düsseldorf: Das Gut Mydlinghoven. Die schlohweißen Gemäuer leuchten an diesem Morgen idyllisch in der Frühlingssonne. Im Hof sind prunkvolle Blumengestecke auf den akurat geschnittenen Golfplatz-Rasen drapiert, daneben Statuen stolzer Rappen. Ein Edelrestaurant residiert hier und das Profiling-Institut von Jan Bohlken: Hellblau gestreiftes Hemd, teure Uhr, freundliches Lächeln - Bohlken ist der Mann, der Vanessa bei der Entscheidung helfen soll, die wie kaum eine andere ihr Leben bestimmen wird: die Berufswahl.

Die Qual der Wahl

Rund 750.000 Schulabgänger müssen jedes Jahr entscheiden, mit welcher Ausbildung sie die nächsten Jahre ihres Lebens verbringen wollen, welchen Beruf sie ausüben wollen. Sie sind dabei konfrontiert mit einer Unübersichtlichkeit, von der sich schon ihre Eltern meist keine Vorstellung mehr machen können: Allein mehr als 6000 verschiedene grundständige Studiengänge gibt es in Deutschland, eine Unzahl von Berufsausbildungen, dazu etliche Sondermodelle und private Institute. Und selbst wer sein Studium oder seine Ausbildung gefunden hat: Kaum jemand bleibt noch ein Leben lang in einem Job, die meisten "Erwerbsbiographien", wie Soziologen das nennen, machen mehrmalige radikale Wandel durch. Neben dem Arbeitsamt haben sich private Berufsberater etabliert, die den Schulabgängern helfen, ihre eigenen Stärken und Wünsche zu finden – und die passende Ausbildung dazu. Jan Bohlken ist einer von Ihnen.

Ein Profil wird erstellt

Zum Einstieg lässt er Vanessa G. erst einmal vom Kindergarten erzählen. "Was waren sie da so für ein Kind?", fragt er, und Vanessa weiß erst nicht, was sie antworten soll - damit hatte sie nicht gerechnet."Ach Gott", sagt sie etwas ratlos, "ich war, glaube ich, eine ganz Ruhige." Bohlken lässt nicht locker. "Was stand denn so in ihren Grundschulzeugnissen?" "Dass ich immer positiv zur Klassenatmosphäre beigetragen habe", sagt sie. Später wird das wieder auftauchen: in ihrem Wunsch, mit Menschen zu arbeiten, und in ihrer Fähigkeit, sich in Gruppen gut anzupassen.

Dieses erste Gespräch hat vor allem einen Zweck: Die Abiturientin zum Reden zu bringen. Denn nur, wer von sich erzählt, wer etwas preis gibt, der kann beraten werden. "Profiler" Bohlken versucht, ein erstes Bild von seiner Kundin zu bekommen. Was ist sie für ein Lerntyp? Welche Hobbys hatte sie und hat sie wieder aufgegeben? Was liest sie gerne? Wie ist das Verhältnis zu den Geschwistern?

Wünsche und Fähigkeiten

Die 19-Jährige ist auf Empfehlung einer Freundin hier, die sich im vergangenen Jahr vom Profiling-Institut hat beraten lassen. Vanessas Eltern, Ärztin und Jurist, zahlen 840 Euro plus Mehrwertsteuer für die eintägige Analyse, ein 90-minütige Feedback-Gespräch und 30 Seiten Gutachten. Ihr Anspruch ist dementsprechend hoch: "Ich hoffe, dass ich dadurch den optimalen Studiengang finde", sagt sie. Was mit Sprachen will sie machen, weil sie ein Jahr in Neuseeland war, "rauskommen" will sie, aber auch "wissen, das ich nach dem Studium auch ´nen Job bekomme." In der Nähe ihrer Heimat Koblenz würde sie auch gerne studieren, um am Wochenende nach Hause fahren zu können. Jan Bohlkens Aufgabe ist es, diese Wünsche auf einen konkreten Studiengang einzuschmelzen.

Dafür setzt er seine Kundin jetzt erst mal vor einen Computer. In einem IQ-Test muss Vanessa beweisen, wie gut sie in den Bereichen Verbale, Numerische und Figurale Intelligenz ist, und wie scharfsinnig ihr schlussfolgerndes Denken ist. Die Ergebnisse bestätigen später ihre Vorstellungen: Räumliches Vorstellungsvermögen ist nicht ihre Stärke, das spricht gegen technische Berufe. Dafür sind ihre analytischen Fähigkeiten besser, ebenso ihr Verbale Intelligenz - gute Voraussetzungen für den Umgang mit Sprachen und ihren Strukturen.

"Nichts erfinden, was nicht da ist"

Später stellt sie ihr "inneres Team" aus widerstreitenden Seiten ihrer Persönlichkeit zusammen, farbige Kärtchen, Flipcharts und bunte Eddings sollen festhalten, was ihre Person ausmacht und wie ihr Traumberuf aussieht. "Hat keine Vorurteile" steht dann da, "kommt mit allen gut klar", oder "will mit Menschen arbeiten".

Eigentlich, so mag man denken, sind das profane Erkenntnisse. Berater, so geht ein beliebter Spruch, sagen ihren Kunden, was diese eigentlich sowieso schon wissen. Doch es hilft ungemein, wenn solche Einschätzungen von einem emotional Unbeteiligten festgehalten werden.

Jan Bohlken hat Erfolg mit seinem Modell. Vor zweieinhalb Jahren gegründet berät er mit seinen Mitarbeitern heute rund 20 bis 25 Schulabgänger pro Monat – und muss sich dabei auch manchmal gegen deren Eltern durchsetzen. Da ruft dann mal ein Vater an und fordert: "Meine Tochter will Psychologie studieren, reden Sie ihr das aus!" Das macht Bohlken nicht. "Wir können ja auch nichts erfinden, was nicht da ist", sagt er.

"Am Ende muss ich selbst entscheiden".

Rund fünf Stunden dauert die Analyse heute, am Ende hat Jan Bohlken ein Paket aus Computerergebnissen und Gesprächseindrücken, die er zusammen mit einem Psychologen zu einem 30-seitigen Gutachten verarbeiten wird. Einen ersten Vorgeschmack gibt er Vanessa schon jetzt: "Was mir spontan einfällt: Regionalwissenschaften könnte was für Sie sein." Davon hat Vanessa noch nie gehört. "Da geht es viel um Fremdsprachen, aber auch um Kultur, Wirtschaft und Politik, und man kann damit später - zum Beispiel in Nicht-Regierungsorganisationen oder Verlagen - viel machen." Bohlken sagt aber auch, mit Blick auf die Ergebnisse auf dem Bildschirm: "Über ihre Selbstsicherheit werden wir noch reden müssen, die Werte zeigen Sie als überdurchschnittlich besorgt und angespannt." Auch weil Vanessa berichtet hatte, für ihr Abi eher kurzfristig gelernt zu haben, warnt der Berater sie vor Bachelor-Studiengängen an Massen-Universitäten: "Da müssen Sie vom ersten Tag voll dabei sein und sich durchbeißen, vielleicht wäre eine Fachhochschule mit ihren kleineren Gruppen und persönlicherer Förderung da besser für Sie."

In ein paar Tagen wird Bohlken drei bis sechs Studiengangs-Empfehlungen für Vanessa zusammengestellt haben. "Hoffentlich ist da was Gutes dabei", sagt die Abiturientin. Doch blind will sie ihrem Berater auch nicht folgen. Sie traut sich, anders als er, durchaus zu, auch an einer Massen-Uni zurecht zu kommen. "Das ist ja nur sein Eindruck nach einem Tag", sagt sie, "am Ende muss ich das ja selbst entscheiden".