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Soziales Jahr: Freiwillige vor!

Eine Auszeit nehmen, Neues erkunden, Herausforderungen meistern - immer mehr Jugendliche zieht es nach der Schule in die Ferne. Im Freiwilligen Sozialen Jahr entdecken schon jetzt Tausende sich und die Welt. Der stern besuchte einige von ihnen in Afrika. Und bat andere um Erfahrungsberichte.

Von Uli Hauser und Gerald Drissner

Und plötzlich ist Iris auch noch Fahrlehrerin. Wie man in großen Töpfen Marmelade kocht, hat sie schon gelernt. Montags und donnerstags gibt Iris Suppe aus, und wenn Zeit ist, pflückt sie Tomaten auf dem Feld. Nun also kommt ihr Chef, Father Larry, und sagt, sie solle Matteo Autofahren beibringen. Er habe ihm gerade auf dem Schwarzmarkt einen Führerschein gekauft, für hundert Dollar. Iris solle den weißen Pickup nehmen, hinten im Hof. Ihr Deutschen, sagt Father Larry, könnt doch alle fahren wie Michael Schumacher.

Iris Buchholz aus Bad Oeynhausen, 20 Jahre alt und Tochter eines Kripo-Beamten, ist seit gerade mal drei Monaten in Afrika. Und sie soll einem Afrikaner erklären, wo es langgeht? Durch den Linksverkehr von Manzini, mit rund 110.000 Einwohnern die größte Stadt in Swasiland. Wo die Leute nicht bremsen, sondern hupen, und plötzlich Kühe auf der Fahrbahn stehen?

Eine neue Aufgabe

Iris zuckt mit den Schultern, sie hat ja selbst noch nicht so lange den Führerschein. Nun aber hat sie eine neue Aufgabe, und genau deswegen ist Iris nach Afrika gegangen. Um kleine Abenteuer zu erleben, Überraschungen und Herausforderungen zu meistern. In der Schule ging es nur um Noten und Abschlüsse, hier geht es um Erfahrungen: Wie komme ich allein zurecht, was kann ich mir zumuten, was halte ich aus?

In unserer durchorganisierten Welt gibt es ja kaum noch Möglichkeiten, wirklich Neues zu tun. Zupacken, ohne Dinge endlos zu diskutieren und zu hinterfragen. Ob das, was man tut, einen Vorteil bringt, für die Karriere zum Beispiel. All das will Iris nicht. Sie will mit 20 Jahren nicht schon genau wissen, wie das Leben später laufen soll. So wie viele aus ihrer Generation, die sich im Kampf um Studien- und Ausbildungsplätze, in der Debatte um Anpassungsdruck und Wettbewerbsvorteil so früh wie möglich in Sicherheit bringen wollen. Die nur noch den Blick haben fürs eigene Fortkommen. Und für jedes Ziel eine Wegbeschreibung mitliefern.

Nun also sitzt sie irgendwo in Afrika in einem Auto und erklärt auf Englisch den Unterschied zwischen Kupplung und Bremse. Matteo war bisher Hilfsarbeiter und soll jetzt Fahrer werden. Und muss sich von einem blonden deutschen Mädchen anschreien lassen, weil er im dritten Gang anfährt. "Drei Monate, dann haben wir's geschafft", sagt Iris und lacht. Ein bisschen mulmig ist ihr schon, nur in Europa können Fahrlehrer auf eine zweite Bremse treten.

Die Probleme im Swasiland sind groß

Im Reiseführer steht, dass es keinen Grund gebe, hierherzukommen, nach Manzini in Swasiland, einer Enklave im Nordosten Südafrikas. Viel los ist hier nicht; es sei denn, König Mswati III. rauscht mal wieder mit seinem Maybach vorbei. Der letzte absolute Monarch Afrikas herrscht über gut eine Million Menschen und 13 Ehefrauen, jetzt erst wieder hat er 50.000 Jungfrauen antanzen lassen, um sich zum 14. Mal zu vermählen. Des Königs Land ist klein, die Probleme seiner Untertanen sind groß. Fast niemand findet Arbeit, die Menschen werden nicht alt. Die Lebenserwartung liegt bei knapp 32 Jahren, die HIV-Rate ist mit 42 Prozent die höchste der Welt.

Seit 40 Jahren stemmt sich ein europäischer Missionar, Father Larry McDonnell, gegen das Elend, ein 73-jähriger irischer Pater, der weiß, dass beten allein nicht hilft. Iris ist eher zufällig hier, sie hätte auch an der Elfenbeinküste landen können, weil sie Französisch spricht. Aber dann kam das Angebot mit Swasiland, und sie sagte zu. Südliches Afrika, prima. Küste, Strand, surfen und wilde Tiere. So ungefähr hatte sie es sich vorgestellt.

Iris Buchholz ist eine von Tausenden Jugendlichen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland verbringen. Vor Ort erleben, worüber in der Schule nur geredet wurde: Folgen und Chancen der Globalisierung. Auswirkungen des Klimawandels. Ist die Welt noch zu retten? Sind Glaube, Liebe und Hoffnung, Solidarität und Mitgefühl etwa nur Phrasen, die für Sonntagsreden taugen? Es gibt ja nicht wenige, die der jungen Generation unterstellen, nur auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein. So geißelte die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" jetzt eine "Jugend ohne Charakter" und "traurige Streber".

Die Abenteuerlust wird finanziell unterstützt

Da sind aber auch die anderen - und es werden mehr. Fast 200 Verbände und Vereine, vom Roten Kreuz bis zum Berliner Projekt "ICJA Freiwilligenaustausch", bieten unzählige Möglichkeiten, sich in der weiten Welt zu engagieren. Freiwillige vor: Einsätze sind möglich von Ägypten bis Uganda, von Kanada bis Vietnam, von Albanien bis Taiwan; selbst auf Südseeinseln sind Stellen frei. Arbeit gibt es in Kindergärten und Jugendheimen, in der Wüste und im Regenwald, im Umweltschutz und im fairen Handel. Seit einigen Monaten unterstützt auch die Bundesregierung die Abenteuerlust. Das großzügig ausgestattete "Weltwärts"-Projekt des Entwicklungshilfe-Ministeriums fördert Fernweh und Einsatzfreude. Den gutwilligen Helfern sollen möglichst keine Kosten entstehen: Vor Ort sind Kost und Logis frei, die Fahrtkosten werden ersetzt. Und Taschengeld gibt es auch noch (alle Infos siehe Mehr-zum-Thema-Kasten).

Iris hatte sich bei der deutschen Don- Bosco-Mission um einen Platz bemüht. Don Bosco war ein katholischer Priester, der sich in Turin um benachteiligte Jugendliche sorgte und Menschen in aller Welt ermutigte, seinem Beispiel zu folgen. Father Larry ist einer von ihnen. Zu seinem "Manzini Youth Care"-Projekt gehören fünf Jugendheime, eine Schule und eine Marmeladenfabrik mit über 40 Sorten; die Konfitüre gibt es auch in deutschen Fair-Trade-Geschäften. Iris hatte dem Pater vor ihrer Abreise eine seitenlange Mail mit Fragen geschickt, der Pater antwortete: "Mach dir keine Sorgen. Wir holen dich vom Flughafen ab."

Da stand sie dann und staunte. Nur Staub und rote Erde. War das eine kluge Entscheidung gewesen? Wo hätte man nicht überall hinfliegen können. Nach Neuseeland. Oder in die Karibik. Stellen hätte es überall gegeben. Iris und Andreas Fink aus Köln, ein anderer Freiwilliger, der mit ihr im Flugzeug angereist war, schauten sich ungläubig an. Am liebsten wären sie gleich wieder umgedreht. Doch Father Larry sagte Hallo, fuhr die zwei ins Wohnheim und meinte, ein Klassenzimmer müsse neu gestrichen werden: "Go and paint." Die Deutschen waren ernüchtert: Sie wollten doch die Welt retten - und jetzt das.

Zum Fußballspielen gab es keine Bälle

Es dauerte eine Weile, bis Iris und Andreas begriffen, dass nicht andere sich um sie, sondern sie sich um andere kümmern sollten. Um Kinder ohne Schuhe, um Kinder ohne Eltern, um die Kinder von Manzini. "Anfangs wusste ich gar nicht, wo ich anpacken sollte", sagt Andreas. Zu Hause war er Trainer einer Jugend-Fußballmannschaft, DJK Südwest Köln, stolze Jungs zwischen zehn und zwölf, die sich um Trikotnummern stritten. Hier gab es nicht mal Bälle. Also schrieb Andreas einen Brief an den 1. FC Köln und bat um Bälle. Ein paar Wochen später brachte ein DHL-Mann 50 Stück und ein paar Trainingsanzüge, seine Eltern hatten in der Nachbarschaft gesammelt.

Iris war sich in den ersten Wochen nicht sicher gewesen, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Sie stammt aus einem Land, das aus dem Vollen schöpft und in dem Papa und Mama viele Probleme gelöst hatten. Jetzt standen Kinder vor der Tür und bettelten um Bonbons. Wollten ihren Pullover. Ihre Schuhe. Ihre Hose. Und wenn sie in der Stadt gewesen war, kam sie mit mindestens zwei Heiratsanträgen zurück, die Männer sind aufdringlich hier. "Das nervt", sagt Iris, "aber wenn du darüber nachdenkst, warum die das machen - die haben einfach nichts." Langsam begreift sie, was es bedeutet, wenn jeder Tag ein Kampf ist, um Essen und Trinken, Arbeit und Anerkennung. Um die Existenz.

Als sie ankam in Manzini, hatte sie sich vor allem um die Moskitos gesorgt. Der Arzt zu Hause hatte sie gewarnt, nie barfuß zu gehen. Er hatte ihr Bilder gezeigt von Malariakranken und Menschen mit Ausschlägen. Und ihre Freunde sprachen dauernd über Aids. "Aber wenn du hier mal lebst", sagt Iris, "ist alles anders. Du kannst nicht den ganzen Tag Angst haben." Sie trägt Röcke und läuft barfuß, und ob jemand infiziert ist oder nicht, will sie gar nicht wissen. In ihrem Zimmer, ein Bett, ein Schrank, ein Tisch, hängt ein Spruch: "Da es förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein."

Kernkompetenz Flexibilität

Die Perspektive wechseln, seine Haltung ändern, aus Erfahrung klug werden: Mit Abstand betrachtet, lässt sich vieles klarer erkennen. Flexibilität und die Fähigkeit, mit Veränderungen umzugehen, gehören mittlerweile zu den sogenannten Kernkompetenzen, die vor allem im Job gefragt sind. Wer sich bewegt, kann viel bewegen. "Wir brauchen Persönlichkeiten, für die Mitgefühl keine hohle Phrase ist", sagt Eva Marie Haberfellner, Wirtschaftswissenschaftlerin und Direktorin des renommierten Internats Schloss Salem am Bodensee. Und Kathrin Haag, die für den Software-Giganten SAP Personal rekrutiert, weiß, dass gerade die jungen Weltenbummler mitbringen, was Unternehmen suchen. "Uns beeindrucken Leute, die über den Tellerrand schauen und ihre Komfortzone verlassen können."

Viele Freiwillige nutzen das soziale Jahr, um sich zu orientieren. Sich treiben lassen, gucken, was passiert. Wie Informatikstudent Heiner Häntze aus Halle. Er wollte "den Osten entdecken" und nach Kirgisistan. Aber weil sich der Staat am Rand eines Bürgerkriegs befand, landete er in einem Kinderheim in Kasachstan und lernte Russisch. Jonathan Meyer aus der Gegend von Kaiserslautern zog es in Richtung Asien, wo er einen Job bei der Feuerwehr in Taiwan fand und mit Rettungsschwimmern im Südchinesischen Meer unterwegs war. Der Hamburger Leon Kruse entdeckte im Internet eine Stelle als Deutschlehrer auf den Galapagosinseln. Ob die Landverschickung nun "Egotrips" ins Elend sind, wie manche Kritiker behaupten, oder Rucksackreisen mit Heiligenschein: Dümmer wird niemand, der sich in der Welt umschaut. Die Freiwilligen ersetzen keine Fachkräfte und nehmen niemandem die Arbeit weg. Sie holen sich draußen, was ihnen die Schule daheim nicht bietet: Zeit zum Nachdenken und zum Lernen fürs Leben. So kann ein Freiwilliges Soziales Jahr zur echten Entwicklungs-Hilfe werden. Zur Reifeprüfung. Iris und Andreas sprechen jetzt fließend Englisch, reden von "skills" und "opportunities", von Fähigkeiten und Möglichkeiten.

Iris hat sich inzwischen gut eingelebt. Die Jugendlichen haben es ihr leicht gemacht. Fana Dlamini, der Rapper, dem sie immer ihren Discman leiht. Senzo Masuka, der so umwerfend lachen kann, obwohl er seinen Vater nicht kennt und die Mutter vor Kurzem gestorben ist. Oder Sanele Gwebu mit seiner schönen Chorstimme. Iris will nicht mehr weg, selbst jetzt nicht, da in ihrem Zimmer eingebrochen wurde. Das Geld war weg, 2000 Rand, der MP3-Player und ein paar CDs. Sie ging zur Polizei. Der Dieb wurde geschnappt. Als sie dann vor Gericht aussagen sollte, zog Iris ihre Anzeige zurück. "Ich will nicht, dass wegen mir ein Kind im Knast sitzt", sagt sie. "Der Junge hat einfach Hunger gehabt."

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Von:

Gerald Drissner und