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Streik legte die Hauptstadt lahm: Die Berliner nahmen es gelassen

Frust in Berlin - U-Bahnen, Busse und Trams in der Hauptstadt standen am Samstag still. Tausende Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe hatten die Arbeit niedergelegt.

Die Szene ist filmreif: Ein italienisches Touristenpärchen steht an einem Berliner U-Bahnhof, die Stadtpläne in den grauen Himmel gereckt, die Gesichter ratlos. Die U-Bahn fährt nicht, was nun? Nicht alle Touristen und Berliner haben rechtzeitig vom Warnstreik der U-Bahn-, Bus- und Tramfahrer erfahren. Frustration auf allen Seiten: bei Streikenden, Berlinern, Touristen, Fußball- und Berlinale-Fans. Das befürchtete Chaos in der Hauptstadt blieb am Samstag aber aus.

Etwa 5000 Beschäftigte in zwei Schichten hatten sich laut Verdi-Sprecher Andreas Splanemann an dem 15-stündigen Warnstreik beteiligt. Sie wollten in der laufenden Tarifrunde den Druck auf den Arbeitgeber erhöhen. Die Folge: Die U-Bahnhöfe blieben zu - an einem Wochenende mit Berlinale-Finale und Bundesliga-Fußball. Nach Angaben der BVG sind rund 1,8 Millionen Fahrgäste betroffen. Splanemann spricht trotzdem von der "weicheren Variante des Warnstreiks" an einem Samstag. Die Situation könne sich noch zuspitzen.

Bei vielen Fahrgästen aber sitzt der Frust jetzt schon tief: "Streiks zulasten der Fahrgäste sind eine sehr rücksichtslose Art, die eigenen Interessen durchzusetzen", schreibt Twitter-Nutzer Friedrich. "Grr!!! Berlin public transport strike during Berlinale? Seriously? What were they thinking!!!", kommentiert ein anderer.

Kein Chaos in der Hauptstadt

Das Ehepaar Weber aus Hannover steht am S-Bahnhof Zoo. Am Freitag sind sie angekommen, haben sich gleich eine BerlinCard für den Nahverkehr gekauft - und erst später vom Warnstreik erfahren. "Wir nehmen es relativ gelassen, alles andere hilft ja auch nicht", sagen die beiden. Grundsätzlich hätten sie ja Verständnis für die Streikenden, "aber wenn man betroffen ist, ist man nicht ganz begeistert".

Die Berliner Verkehrsbetriebe hatten von "größtmöglichen Auswirkungen" des Streiks gesprochen, ein Chaos angekündigt. Doch davon keine Spur. Vor der Neuen Nationalgalerie stehen die Touristen Schlange wie an jedem Samstag. Die S-Bahn ist nicht voller als gewöhnlich. In vereinzelten Bussen, die doch in der Stadt unterwegs sind, von Überfüllung keine Spur. Auf den Straßen sind zwar etwas mehr Autos unterwegs, der Verkehr fließt aber problemlos. "An Tagen, wo die BVG streikt, sollte man einfach Zuhause bleiben...", rät Twitter-Nutzer Patchu. Viele Berliner sehen das offenbar genauso.

"Wir wollen die Fahrgäste nicht drangsalieren", sagt Verdi-Verhandlungsführer Lothar Andres. Den Samstag habe man extra gewählt, um nicht die Berufstätigen zu treffen. "Die Fahrgäste sind ja nicht unsere Gegner." Nach sechs Tarifrunden aber sei das Maß voll. "Wir müssen Druck machen, damit wir zu einem Abschluss kommen." Die Positionen der Tarifpartner liegen noch erheblich auseinander.

Umstieg auf S-Bahn, Auto und Fahrrad

Dennys Noetzel ist seit 20 Jahren Busfahrer - auch er streikt. "Die Lebenshaltungskosten steigen: Strom, Gas, Miete. Ich wohne im Raum Steglitz, da wurde der Mietspiegel um 100 Euro erhöht, davon bin auch ich betroffen", begründet er. Mechatroniker Denny Broßat bringt es auf den Punkt: "Wir bewegen ganz einfach Berlin. Wir sind 365 Tage im Jahr für die Berliner da." Das werde nicht ausreichend honoriert.

Am Montag wollen sich die Tarifpartner wieder an einen Tisch setzen. Legen die Arbeitgeber kein neues Angebot vor, droht weiterer Arbeitskampf. Und die Berliner müssen wieder auf S-Bahn, Auto und Fahrrad umsteigen. Oder eben laufen. "So zu Fuß durch Berlin is doch auch ganz nett", twittert am Samstag Maijoka. "Fühl mich sehr wohl zwischen all den iPad- und Stadtplan-Menschen."

Von Sandra Ketterer und Theresa Münch, dpa / DPA