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Tarifkonflikt Bahn: 600 Euro Bonus für die Braven

Die Fronten im Tarifstreit der Bahn sind betoniert: Die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) verlangt einen eigenen Tarifvertrag, die Bahn lehnt das konsequent ab. Nun will der Bahnvorstand die GDL-Mitglieder isolieren - und mit Geld zum Seitenwechsel motivieren.

Von Lutz Kinkel

Der Bahn geht es geschäftlich so gut, dass sie ihre Mitarbeiter dieses Jahr mit einem Bonus in Höhe von 600 Euro beglücken will - ein nettes Zubrot. Bezugsberechtigt sind alle Bahnmitarbeiter, egal ob Servicekraft, Stellwerker, Ingenieur oder Lokführer. Zumindest ist das die Vereinbarung.

Nun aber nutzt die Bahn den Bonus, um Druck auf die widerspenstige Gewerkschaft der Lokführer (GDL) aufzubauen, die für ihre Klientel einen eigenen Tarifvertrag fordert. In den kommenden Tagen bekommt jeder Bahnmitarbeiter ein Schreiben, das ihn auffordert zu erklären, ob er sich dem Tarifvertrag unterstellt, den die Gewerkschaften Transnet und GDBA bereits ausgehandelt haben. Wenn ja, wird der Bonus ausgezahlt. Wenn nein, dann wird der Bonus nicht ausbezahlt. So sagte es Werner Bayreuther, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes "Move" auf einer Pressekonferenz am Freitag. Bayreuther und der zuständige Bahnvorstand Margret Suckale kommentierten auf dieser Konferenz die zuvor gescheiterten Verhandlungen mit der GDL.

"Das ist illegal"

Der zweite Bundesvorsitzende der GDL, Günther Kinscher, schäumte vor Wut, als von dem Plan erfuhr. "Das ist illegal, was die Bahn dort veranstaltet", sagte Kinscher im Gespräch mit stern.de, "wir werden gerichtlich dagegen vorgehen. Die machen das nur, um Druck auszuüben und Gewerkschaftswechsel zu provozieren." Ebenso allergisch reagierte Kinscher auf alle weiteren Vorschläge und Anregungen, die Bayreuther und Suckale geäußert hatten. Für ihn ist der Fahrplan im Tarifkonflikt klar: Am kommenden Montag soll die Urabstimmung unter den Gewerkschaftsmitgliedern stattfinden, am 6. August wolle die GDL das Ergebnis bekannt geben. Sollte es bis dahin keine Einigung gefunden sein, werde es einen Streik geben. Kinscher: "Wir können lange streiken. Denn wir haben noch nie gestreikt." Folglich ist die Kriegskasse gut gefüllt.

Die Bahn hingegen will einen Streik unbedingt abwenden. Suckale hofft auf die Einsicht der Beschäftigten. "Das sind ihm tiefsten Herzen alles Bahner", sagte sie. "Sie wissen, dass sie das Unternehmen schwächen und wir Kunden verlieren würden." Das könnte, so ihre Schlussfolgerung, auch Arbeitsplätze kosten. Um die verfahrene Gesprächssituation wieder in Gang zu bringen, schlug Suckale nochmals vor, einen Gutachter einzusetzen. Dieser soll das gesamte Gehaltsgefüge der Bahn untersuchen. Käme er zu dem Schluss, die Lokführer würden zu schlecht bezahlt, würde sich die Bahn dem Votum des Gutachters "ohne Wenn und Aber" fügen, so Suckale. Außerdem forderte sie die GDL auf, wieder gemeinsam mit Transnet und GDBA an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Es müsse ein gemeinsamer Abschluss gefunden werden, da ja auch nicht alle Lokführer bei der GDL organisiert seien.

D-Day: 6. August

Kinscher hält den Vorschlag, einen Gutachter einzusetzen, für unsinnig. "Wir wollen weg von 1500 Euro netto für Lokführer und 1200 netto für Zugbegleiter. Dafür brauche ich keinen Gutachter." Der Gewerkschaftsfunktionär vermutet, dass die GDL über den Gutachter doch noch auf jene 4,5 Prozent Lohnerhöhung verpflichtet werden soll, die die Konkurrenzgewerkschaften ausgehandelt haben. Die GDL fordert jedoch 31 Prozent mehr Geld. "Herr Mehdorn [der Bahnchef, Red.], soll sich doch bitteschön an der europäischen Bezahlung von Lokführern orientieren. Da liegen wir an letzter Stelle. Das ist unhaltbar, was Mehdorn da macht." Den Versuch der Bahn, die GDL zu einem gemeinschaftlichen Abschluss mit GDBA und Transnet zu drängen, lehnt Kinscher ebenso brüsk ab. "Wir haben mit denen nichts zu verhandeln."

Die GDL will sich also nur auf Einzelgespräche mit dem Bahnvorstand einlassen, Suckale sagte, dass dies auch möglich sei. Allerdings machte sie deutlich, dass ein eigener Tarifvertrag mit der GDL keine Verhandlungsoption sei. Für den Bahnvorstand ist es offenbar eine Horrorvorstellung, dass sich die knapp 230.000 Mitarbeiter weiter aufspalten und in kleinen Interessensvertretungen organisieren könnten: Die Tarifkonflikte wären unbeherrschbar. Doch genau an dieser Stelle setzt der Hebel der GDL an. Die Einheitsfront der Bahn-Gewerkschaften hat für die Lokführergewerkschaft ausgedient. Kinscher: "Das hat uns in der Vergangenheit nichts gebracht und wird uns auch in Zukunft nichts bringen."

Für die Bahnkunden heißt das, das sie weiterhin mit Störungen des Betriebs rechnen müssen. Spätestens ab dem 6. August.

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