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Vermittlungsagenturen: Ärzte aus Osteuropa heilen Personalmangel

Mediziner aus Osteuropa sollen den Ärztemangel in Deutschland kurieren. Eine Vermittlungsagentur aus Leipzig wirbt die Kandidaten an.

Rund 1300 Kilometer von Deutschland entfernt bereitet sich der rumänische Gynäkologe Adrian G. in diesen Tagen auf ein Vorstellungsgespräch in einem bayerischen Krankenhaus vor. Wie viele Einrichtungen nicht nur in den alten Bundesländern, sucht die Klinik händeringend nach Ärzten. Um sich aber selbst die Mühen eines Auswahlverfahrens zu ersparen, hat sich die Leitung an eine der vielen Vermittlungsagenturen gewandt: an die Leipziger Firma Scherl & Partner, die dann Adrian G. in Rumänien ausfindig machte.

"Seit die Bundesanstalt für Arbeit im Frühjahr 2002 ihr Monopol abgegeben hat, haben wir etwa 40 Ärzte aus Osteuropa nach Deutschland vermittelt", sagt Thomas Krzenck von der sächsischen Gesellschaft. Das Unternehmen findet vor allem in Rumänien und Bulgarien, aber auch in Tschechien, Polen und der Slowakei geeignete Kandidaten für offene Stellen. "Der Ärztemangel in Deutschland ist sicher nicht in drei, vier Jahren zu beheben", meint Krzenck. "Zudem ist das Urteil von September 2003 eine Chance für Firmen wie uns."

15 000 zusätzliche Mediziner nötig

Damals hatte der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass Bereitschaftsdienste von Ärzten in Krankenhäusern voll auf die Arbeitszeit anzurechnen seien. Das gelte auch dann, wenn ein Arzt während der Bereitschaft in der Klinik schlafen kann, urteilte das Gericht auf der Grundlage der geltenden Arbeitszeitrichtlinie. Ärzteverbände in Deutschland schätzen, dass etwa 15 000 Mediziner zusätzlich eingestellt werden müssten. Die Bundesregierung beziffert die Gesamtkosten auf 1,75 Milliarden Euro.

Die meisten Anfragen erhalte das Unternehmen von Kliniken aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie aus Niedersachsen und Bayern, sagt Krzenck. "Früher haben Krankenhäuser Anzeigen in ausländischen Fachmagazinen geschaltet, aber das ist eine Lotterie. Denn dass der geeignete Kandidat gerade diese Annonce liest, ist doch unwahrscheinlich." Die Zahl der schwarzen Schafe unter den Agenturen sei leider hoch, meint Krzenck: "Ich würde sagen, dass in Deutschland derzeit etwa sechs seriöse Anbieter auf dem Markt sind."

Abwerben angeblich kein Aderlass

Hat eine Klinik einen Auftrag erteilt, sucht die Leipziger Firma mit Hilfe von lokalen Mitarbeitern in Osteuropa einen geeigneten Bewerber. Dass das Abwerben für die betreffenden Länder einen Aderlass darstellen könnte, bestreitet Krzenck: "Dort gibt es keinen Mangel, und es handelt sich ja nicht um eine Völkerwanderung von Tausenden Ärzten." Kandidaten müssten dem Anforderungsprofil der suchenden Klinik entsprechen und gute Deutschkenntnisse besitzen, meint er: "Vor Vorstellungsgesprächen wird jeder Arzt noch von uns geprüft."

Die bisher überwiegend männlichen Bewerber seien meist zwischen 30 und 40 Jahre alt und mitnichten alle ledig gewesen, sagt Krzenck: "Einige wollen nur zwei, drei Jahre bleiben, andere ihre Familie nachholen. Für viele ist es ein Risiko, denn alle geben gute Stellen in ihrer Heimat auf." Für die Vermittlung plus verschiedene Garantien berechnet die Agentur drei Bruttomonatsgehälter. "Natürlich gab es auch Reinfälle, zum Beispiel ist eine polnische Ärztin kurzfristig abgesprungen, oder eine Klinik hat einen Rückzieher gemacht."

In Deutschland das fünffache Gehalt

Nach Angaben der Ärztegewerkschaft in Prag arbeiten derzeit mehr als 400 tschechische Ärzte in deutschen Krankenhäusern. "Grund ist oft die Bezahlung: In Tschechien bekommt ein Spitzenarzt umgerechnet 1000 Euro im Monat, in Deutschland ist es leicht das Fünffache", betont Vorsitzender Milan Kubek. Monatlich stelle die Ärztekammer etwa 25 Bescheinigungen für wechselwillige Mediziner aus, erzählt er. "Wir gleichen das mit Kräften zum Beispiel aus Weißrussland aus, zudem arbeiten derzeit nur rund 2 000 von insgesamt 33 000 tschechischen Ärzten im Ausland."

Gelegentlich stoße man in deutschen Krankenhäusern auch auf Vorbehalte, wenn man Ärzte aus Osteuropa vorschlage, meint Krzenck: "Die Situation ist für einige ungewohnt, und manchmal hat eine Klinik auch schon schlechte Erfahrung gemacht." Auf Dauer könne sich das deutsche Gesundheitswesen aber dieser Entwicklung nicht verschließen, glaubt er: "Die Ärztewanderung ist keine Einbahnstraße. Schon jetzt gehen viele deutsche Mediziner nach Skandinavien und England, wo sie mehr verdienen können."

Wolfgang Jung, DPA / DPA