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ZEW-Barometer auf Talfahrt: Börsianer trauen dem Braten nicht

Die Wirtschaft ist im Frühling im Rekordtempo gewachsen, doch die Börse tritt auf die Euphoriebremse: Analysten und Anleger blicken überraschend skeptisch auf die kommenden Monate - das ZEW-Konjunkturbarometer sank auf den tiefsten Stand seit über einem Jahr.

Trotz des konjunkturstarken Frühlings schauen Börsenprofis skeptisch in die Zukunft. Das ZEW-Barometer für die Erwartungen der kommenden sechs Monate sank im August überraschend deutlich um mehr als sieben Punkte auf 14 Zähler, wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag mitteilte. Es war der vierte Rückgang in Folge. Das Barometer notiert zudem so niedrig wie seit April 2009 nicht mehr. Analysten hatten im Mittel mit einem leichten Rückgang auf 21,0 Punkte gerechnet.

ZEW-Präsident Wolfgang Franz erklärte, den befragten 284 Analysten und institutionellen Anlegern sei die aus einzelnen Branchen gemeldete Wachstumseuphorie offenbar nicht ganz geheuer. "Der Rückgang des Indikators deutet nun darauf hin, dass das enorme Wachstum des zweiten Quartals nicht aufrecht erhalten werden kann", sagte der Wirtschaftsweise. "Auf Grund der deutschen Exportabhängigkeit geht das größte Risiko für die Konjunktur von einer schwachen wirtschaftlichen Entwicklung wichtiger Außenhandelspartner, wie etwa den anderen Euroländern und den USA, aus."

Aktuelle Lage rosig

Die aktuelle Lage bewerteten die Investoren und Analysten dagegen wie in den vergangenen 15 Monaten besser. Der entsprechende Index kletterte um 29,7 auf 44,3 Punkte.

Im Frühjahrsquartal hatte die deutsche Wirtschaft überraschend kräftig zugelegt: Das Wachstum von 2,2 Prozent zum Winter war das stärkste seit rund zwei Jahrzehnten. Ökonomen rechnen nun für das Gesamtjahr mit einem Anstieg der Wirtschaftsleistung von drei Prozent und mehr.

Industrie: "Wir ziehen den Karren aus der Krise"

Vor allem in der Industrie herrscht beste Laune, sie schraubte ihre Konjunkturerwartungen deutlich nach oben. "Wir freuen uns jetzt über den Aufschwung. Wir rechnen sogar, dass wir in diesem Jahr es schaffen könnten, drei Prozent Wirtschaftswachstum hinzukriegen", sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Werner Schnappauf. Das seien 72 Milliarden Euro mehr an Brutto-Wertschöpfung in Deutschland. "Das sind vielleicht 18 Milliarden mehr in der Steuerkasse von Herrn Schäuble", sagte Schnappauf. "Das heißt also, die Industrie zieht den Karren raus aus der Krise."

Als unstrittig unter Experten gilt allerdings, dass sich die Konjunkturdynamik mit Auslaufen der weltweiten Staatshilfen abkühlt. Das dürfte auch die exportlastige deutsche Wirtschaft zu spüren bekommen, wie stark ist allerdings umstritten.

joe/Reuters/AFP/DPA / DPA / Reuters
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