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Unterwegs mit Wandergesellen: Keiner weiß, was der Tag bringt - und so soll es sein

Drei Jahre und drei Monate war die Hutmacherin Thoko Hancock auf Wanderschaft - Einblick in ein Leben nach ganz eigenen Regeln.

Von Katharina Kluin (Text) und Nina Weymann-Schulz (Fotos)

Auf der Walz

Der Tag ist jung, keiner weiß, was er bringt - und wo er enden wird. Genau so soll es sein, sagt Thoko, 2. v. l.

Heute hier, morgen dort,
bin kaum da, muss ich fort,
hab mich niemals deswegen beklagt.
Hab es selbst so gewählt,
nie die Jahre gezählt,
nie nach gestern und morgen gefragt.

Thoko Hancock war 21 und mitten in der Lehre, als sie das Lied von Hannes Wader zum ersten Mal hörte: auf der "Losgehfeier" eines Zimmermanns, der auf die Walz ging. Freunde hatten sie dorthin mitgenommen. Heute hier, morgen dort - Thoko mochte das Lied, die Stimmung, die Leute.

Und sie mochte die Idee, einfach mal nicht für den Lebenslauf zu leben, sondern nur für das Leben selbst.
Thoko Hancock ist Modistin, sie macht Hüte und anderen Kopfschmuck. Sie fand bald heraus, dass auch Modisten wandern, nein: "tippeln" dürfen. Dass eine Altgesellin sie einführen, nein: "losbringen" würde. Was man ihr nicht sagte, war, dass sie sich am ersten Tag der Wanderschaft rückwärts vom Ortsschild würde fallen lassen müssen - in die Arme der anderen Gesellen. Was sie dann, im September 2011, auch tat.
Drei Jahre und drei Monate war die Handwerkerin unterwegs. Ihre ehemalige Mitbewohnerin, die Fotografin Nina Weymann-Schulz, hat sie immer wieder begleitet.

500 Wandersleute sind unterwegs

Es gehen nicht nur Männer auf die Walz, gut zehn Prozent der knapp 500 Wandersleute sind Frauen. Es gehen nicht allein Zimmerleute los, sondern auch Goldschmiede und Glasmaler - oder Modisten. Einige sind in Schächten organisiert, so heißen ihre Vereinigungen. Andere reisen frei und tun sich unterwegs immer mal wieder mit anderen zusammen. Auch Thoko hat das so gemacht. Sie reiste von Modist zu Modist, gut 300 gibt es noch in Deutschland, um zu lernen und das Geld für die Weiterreise zu verdienen.

Thoko Hancock "bringt" Annika "los"

Zwei Jahre nachdem sie aufbrach, wird Thoko Hancock selbst zur Altgesellin: Sie "bringt" Annika nach einem festgelegten Ritual "los"


Die Wanderschaft der Handwerksgesellen steht auf der Warteliste für das immaterielle Unesco-Weltkulturerbe. Die wichtigsten Regeln der Tippelbrüder sind seit dem Mittelalter dieselben. Kein Wandergeselle darf sich seiner Heimatstadt auf mehr als 50 Kilometer nähern, um den Meistern dort keine Konkurrenz zu machen. Man trägt Kluft als ehrbares Mitglied der Handwerkerschaft und verhält sich: zünftig. Und niemand zahlt Geld für Reise oder Unterkunft. Wandersleute lassen sich mitnehmen, sie schlafen, wo sie dürfen.

"Ich weiß, dass es immer irgendwie weitergeht" 

Gut zwei Monate habe es gedauert, bis sie sich in dieser Unsicherheit einigermaßen sicher gefühlt habe, sagt Thoko.

So vergeht Jahr um Jahr,
und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt,
wie es war.

Sie habe gelernt, jeden Tag so zu nehmen, wie er kommt. Das habe ihr viele Ängste genommen. "Ich weiß, dass es immer irgendwie weitergeht." Und dass man auch ganz spontan viel Glück haben kann: Dann öffnet jemand unverhofft die Tür und lädt zum Essen am Kamin.

Dass man mich kaum vermisst,
schon nach Tagen vergisst,
wenn ich längst wieder anderswo bin,
stört und kümmert mich nicht.
Vielleicht bleibt mein Gesicht
doch dem ein oder anderen im Sinn.

Die Gemeinschaft ist da, sie trägt dich mit

Die Begegnungen sind flüchtig. Und doch sind Thoko viele Menschen wichtig geworden. Die Krankenschwester, die sie im Auto mitnahm und von der sie lernte, dass sie als allein reisende Frau viel sicherer ist als in so mancher Ehe - weil die Frau auf einer Station für Vergewaltigungsopfer arbeitete. Der Coach für Existenzgründer, durch den sie seither zweifelsfrei weiß, dass sie selbstständig arbeiten will. Oder Karin, die Modistin, von der sie so viel über Technik und Materialien erfahren hat, über Filze, Stoffe, Stroh, wie sonst nirgendwo.

Und immer wieder hat Thoko ein Stück des Weges mit anderen Gesellen geteilt. Hat sie losgebracht, hat sie heimgebracht, hat ihnen durch Krisen geholfen - und umgekehrt. "Die Gemeinschaft ist da, sie trägt dich mit, wenn du sagst, ich kann nicht mehr. Und zwar auch wörtlich: Dann teilen alle dein Gepäck unter sich auf und tragen es bis zum Abend für dich mit."

Fragt mich einer, warum
ich so bin, bleib ich stumm,
denn die Antwort darauf fällt mir schwer.
Denn was neu ist, wird alt,
und was gestern noch galt,
stimmt schon heut oder morgen nicht mehr.

Ein Hauch von Geheimbündelei

Thoko spricht nicht gern über sich, sie fühlt sich leicht missverstanden. Es existiert eine Art Einverständnis zwischen den Wandergesellen: dass ohnehin kein anderer versteht, was sie erleben und wie das ihren Blick auf die Welt verändert. Und so liegt über ihren Treffen auch ein Hauch von Geheimbündelei.

Ein bisschen außerhalb der Normen zu stehen, ein bisschen eigen zu sein, das gehöre dazu, sagt die Modistin. Viele ihrer Tippelbrüder seien ohnehin nicht allzu fest verwurzelt. Sie selbst ist auch so ein Freigeist, es liegt wohl in der Familie. Geboren wurde Thoko in Simbabwe, als Tochter eines Briten und einer Deutschen. Ihre Eltern sind Entwicklungshelfer, sie arbeiten auch heute noch für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, die Mutter in Bonn, der Vater in Bangladesch.
Manchmal träume ich schwer,
und dann denk ich, es wär
Zeit zu bleiben und nun
was ganz andres zu tun.

Gesellen fragen nach einem Dorfpfarrer

Die Gesellen fragen bei einem Dorfpfarrer in Sachsen-Anhalt nach einem Schlafplatz für die Nacht

Die Modistin hat einen Zimmermann kennengelernt auf der Walz und mit ihm Pläne gemacht: Sie will eine Hutwerkstatt auf dem Land und er, neben der Anstellung, ein kleines Gewerbe. Am 20. Dezember 2014 ist Thoko deshalb heimgekehrt, zuerst zu ihrer Mutter nach Bonn. Ihre Gefährten haben sie gebracht. Sie ist aufs Ortsschild geklettert und hat sich Freunden und Familie rückwärts in die Arme fallen lassen. Und dann haben sie gefeiert, in einer Schreinerei, und die alten Lieder geschallert. Thoko ist aus ihrer Kluft gestiegen, sie hat ihren selbst gemachten Zylinder abgelegt, wie das bei einer Heimkehrfeier Brauch ist. Die neuen Kleider haben sich herrlich leicht angefühlt in den Tagen danach, aber nun war Thoko auch immer auf der Suche: In der Kluft hatte in tausend Taschen immer alles seinen Platz gehabt.
Thoko Hancock, die Einheimische, würde jetzt eine Handtasche gebrauchen.

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  • Katharina Kluin