Air Berlin Viel versprochen - wenig gehalten


Vom Gepäckverlader zum Chef von Air Berlin: Joachim Hunold hat eine steile Karriere hingelegt. Die Erfolgsgeschichte hat jedoch in den vergangenen Monaten einige Kratzer bekommen. Das Unternehmen steckt in einer tiefen Krise - und viele geben dem Management, das sich heute der Hauptversammlung in London stellt, die Schuld.
Von David Meiländer

Es gibt nicht viele Airline-Manager, die die eigene Branche schon von unten gesehen haben. Für Joachim Hunold gilt das nicht. Vor dreißig Jahren fing er als Gepäckverlader am Düsseldorfer Flughafen an. Heute ist er Chef der zweitgrößten Fluggesellschaft Deutschlands, die er auch noch selbst aufgebaut hat. Heute lädt die Fluglinie zur Hauptversammlung - und zwar nach London. Denn Air Berlin firmiert als Aktiengesellschaft britischen Rechts und organisiert daher die Hauptversammlung bereits zum zweiten Mal in der britischen Hauptstadt. Dies war bei deutschen Anlegervertretern auf Kritik gestoßen.

Eigentlich ist die Geschichte Hunolds und seiner Fluglinie eine Erfolgsgeschichte. Vielleicht wäre sie es auch geblieben, wenn der Treibstoff der Flugzeuge, das Kerosin, nicht zum größten Teil aus Öl bestehen würde. Je teurer dieses ist, desto weniger verdienen die Fluggesellschaften. "Die vergangenen drei Monate haben die Branche komplett auf den Kopf gestellt", sagt Per-Ola Hellgren, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg. In dieser Zeit stieg der Ölpreis um fast 35 Prozent auf über 135 Dollar pro Fass.

"Zu viel versprochen"

Auch für Air Berlin bedeutet das: Mehrkosten. Schon im Frühjahr rechnete die Fluggesellschaft mit zusätzlichen etwa 80 Millionen Euro, der heutige Erwartungswert wird eher darüber liegen. "Der Treibstoffanteil an den Gesamtkosten eines Fluges ist von zehn auf 40 Prozent gestiegen", sagt Konzernsprecher Peter Hauptvogel. "Viele Strecken rechnen sich einfach nicht mehr."

Vor einer Woche kündigte seine Firma deshalb ihr sogenanntes "Effizienzprogramm" an. Die Fluggesellschaft trennte sich von Teilen ihrer Flotte und auch bestimmte Strecken will sie in ihrem Winterflugplan nicht anbieten. Die gerade aufgebauten Linien nach Peking oder Shanghai etwa wurden ersatzlos gestrichen, obwohl sie erst seit Mai Teil des Programms sind. Die neuen Langstreckenflüge sollten vor allem Geschäftsleute anziehen. Insgesamt reduzierte Air Berlin sein Fernstrecken-Angebot um fast 30 Prozent. Die Streichungen waren aus Sicht der meisten Experten unausweichlich, nicht wenige hätten sich sogar ein noch härteres Vorgehen gewünscht. Denn die Stimmung an der Börse ist schlecht. Im vergangenen Jahr verlor die Air Berlin-Aktie über 70 Prozent ihres Wertes und steht heute bei 4,90 Euro. Eine englische Investmentbank reduzierte das Kursziel für Air Berlin, also den Aktien-Wert, den sie für angemessen hält, sogar auf zwei Euro. "Das Vertrauen des Marktes ist kaputt", sagt Martina Noß, Analystin bei der NordLB. "Das Management hat viele Fehler gemacht. Es hat immer wieder etwas versprochen, was es nicht halten konnte."

Das galt vor allem für die eigenen Gewinnvorhersagen, die Air Berlin gleich zweimal in Folge korrigieren musste. Zuletzt im vergangenen März, als das Unternehmen die Erwartungen um fast 50 Prozent auf 73 Millionen Euro zurück schraubte. "Wir haben nie falsche Versprechungen gemacht", rechtfertigt Air-Berlin-Sprecher Hauptvogel. "Unsere Berechnungen liefen ganz klar unter der Bedingung, dass der Ölpreis nicht weiter steigt."

Keine Reserven mehr

Eine Aussage, die von Seiten der Analysten heftig bestritten wird. "Das Management hat sich einfach verschätzt", sagt Per-Ola Hellgren von der Landesbank Baden-Württemberg. "Einmal ist das okay, aber wenn es so oft passiert, ist das Vertrauen halt irgendwann weg." Schon für das vergangene Jahr hatte Air Berlin seine Prognosen heftig nach unten korrigieren müssen. Weil sie sich bei den Übernahmekosten für LTU verschätzt hatte, machte die Firma im vergangenen Jahr nur 21 Millionen Euro Gewinn - ein Drittel weniger als 2006. "Hier hat es einige Managementfehler gegeben", sagt Hellgren.

Die LTU war die zweite große Übernahme von Air Berlin in den vergangenen Jahren. Zuvor hatte Konzernchef Joachim Hunold die DBA gekauft. Wenn das Kartellamt zustimmt, gehört ihm demnächst auch die Thomas-Cook-Tochter Condor. "Die Strategie der Firma ist ganz klar auf Wachstum angelegt", sagt Airline-Experte Per-Ola Hellgren. "Dafür hat sie in der Vergangenheit aber auch in Kauf genommen, weniger Gewinn zu machen."

Das rächt sich nun. "Die Branche ist generell sehr schwankungsanfällig", sagt Hellgren. "Darauf muss man als Fluglinie vorbereitet sein und Reserven zurücklegen. Sonst ist man bei einer Veränderung der Spritpreise schnell weg vom Fenster." Die Lufthansa sei dafür ein leuchtendes Beispiel. Sie könne auf ein großes Finanzpolster zurückgreifen. "Während sie nun erstmal aus ihren Reserven lebt, macht Air Berlin Schulden", sagt der Aktienanalyst.

Wird Air Berlin übernommen?

Immer mehr und immer weiter - aus Sicht der Experten hat es Konzernchef Joachim Hunold mit seiner Expansionsstrategie übertrieben. "Es gibt gesundes und ungesundes Wachstum", sagt Hellgren. "Wenn man größer wird, aber nicht mehr Gewinn macht, ist das immer schlecht."

Der Chef der Konkurrenzgesellschaft Ryanair, Michael O'Leary erklärte dieser Tage in einem Interview vollmundig, er rechne nicht damit, dass Air Berlin sich noch lange am Markt halten könne. Soweit will die Aktien-Analystin Martina Noß nicht gehen. "Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass Air Berlin in den nächsten Jahren von einem Konkurrenten geschluckt wird."

Niemand scheint also mehr an Joachim Hunold zu glauben, von dem man sich erzählt, er wäre am liebsten Pilot geworden. Nur aus gesundheitlichen Gründen war ihm dieser Weg verwehrt. Die Stelle als Gepäckverlader am Düsseldorfer Flughafen trat er erst an, als er durchs erste Jura-Staatsexamen an der Universität gefallen war."Klar, wir haben Probleme", sagt Konzernsprecher Peter Hauptvogel. "Aber eins ist auch klar: Innovationen entstehen aus Krisen." Vielleicht gelingt es Hunold abermals aus einer Not eine Tugend zu machen. Erfahrung darin hat er ja.


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