HOME

Bahnreise: Raus aus der roten Zone

Eine Deutschland-Rundreise während des größten Bahnstreiks in der BRD-Geschichte? Die Strecke München bis Berlin war stern.de-Reporter Sebastian Wieschowskie noch lange nicht spektakulär genug. Deshalb reiste er von Berlin nach Schwerin - wo bis zu 90 Prozent der Züge ausfallen.

Freitag, 07:00 Uhr, Schwerin: An normalen Tagen benötigt ein Intercity von Rostock nach Schwerin genau 54 Minuten. Heute ist jedoch kein normaler Tag - und die Bahn wird zwischen den Städten zum Bus. Zwei Stunden gondelt das Vehikel durch die mecklenburgische Pampa. 112 Busse werden nach Bahnangaben im Nordosten zusätzlich eingesetzt.

Allerdings mussten laut Bahn auch zahlreiche Linien, wie in Rostock zum Seehafen oder zwischen Neustrelitz und Stralsund, eingestellt werden. Und Busfahren wollen am Freitagvormittag nur wenige. Ganze vier Passagiere besteigen den weißen Reisebus. "Ich weiß von Arbeitskollegen, dass sie Fahrgemeinschaften gebildet haben", berichtet Erika Rosenau aus Bützow. "Aber wenn ich mit dem Auto fahre, muss ich Geld draufzahlen, welches ich nachher nicht zurück kriege", erklärt die Büroangestellte.

Ihren Heimatort steuert der Ersatzbus glücklicherweise an - Pendler aus Schwaan und Blankenberg haben das Nachsehen, diese Halte auf der Strecke Rostock-Schwerin werden nicht bedient.

Auf der Streikkarte der Deutschen Bahn liegt Schwerin inmitten der roten Zone - zwischen 70 und 90 Prozent aller Verbindungen fallen hier aus, noch mehr als in Sachsen. Gestern sind laut Bahn und GDL im Nordosten nur etwa zehn Prozent der Züge gefahren. Auch am Freitag improvisiert die Bahn in Mecklenburg-Vorpommern: Die Ost-West-Verbindung von Pasewalk über Neubrandenburg bis Güstrow und von Neustrelitz nach Waren bis nach Westmecklenburg haben private Mini-Bahngesellschaften wie die Ostseelandverkehr GmbH oder die Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft übernommen. Und der Blick auf die Verbindungstafel im Schweriner Hauptbahnhof verrät: Schwerin liegt im tiefroten Bereich der roten Zone.

Regionalbahnen nach Wismar, Hagenow oder Ludwigslust sowie Intercity-Verbindungen - "Totalausfall" wäre in Schwerin eine gute Beschreibung für den Ausstand. Dementsprechend hoch ist die Hilflosen-Quote vor dem prächtigen Gründerzeitgebäude des Schweriner Hauptbahnhofs, der zwischen 2002 und 2005 modernisiert wurde. Die Stimmung ist angespannt, Reisende schimpfen und irren auf dem Bahnhofsvorplatz umher auf der Suche nach Busverbindungen.

Doch es gibt auch heitere Momente: Fünf Fahrschüler des Gymnasiums Fridericianum entscheiden sich vor dem Reisezentrum für einen ausgiebigen Stadtbummel. "Wir haben uns eben 'nen Verspätungszettel vom Schalter abgeholt", sagt der 16-jährige Tobias und deutet auf ein grünes Stück Papier - der Persilschein für einen Vormittag ohne Mathe, Physik und Bio. Und das unglaubliche Wunder von Schwerin fährt dann endlich um 9:24 Uhr ab - ein Intercity über Hamburg, Düsseldorf und Mannheim nach Stuttgart. "Pünktlich" steht auf der Anzeigetafel, ein Wort, welches Bahnreisende in Schwerin sonst verlernt haben dürften.

Freitag, 11:00 Uhr, Hamburg:

Den Schweriner kann so leicht nichts erschüttern - auch nicht die Zug-Ausfallquote von 50 Prozent. Hamburg ist der Übergangsbereich von der streikgeplagten roten Zone in den halbwegs normalen Bahnfahr-Alltag - und bei früheren Streiks bereits mit einem blauen Auge davon gekommen. Auf der Bahn-Webseite wechselt die Färbung des Stadtstaates stündlich zwischen Gelb und Grün - laut der Deutschen Bahn fuhren am Freitagmorgen die Hälfte der S-Bahnen und Nahverkehrszüge sowie zwei Drittel der Fernzüge.

An chaotische Zustände wie in Schwerin und Leipzig ist hier nicht zu denken, die große Anzeigetafel in der historischen Wandelhalle zeigt nur vereinzelte Zugausfälle und Verspätungen an. Alle Züge nach Schleswig-Holstein fahren planmäßig.

Freitag, 15:00 Uhr, Frankfurt:

Die Flucht aus der roten Streikzone in den "grünen Bereich" ist endgültig gelungen. So zumindest hat die Bahn das Bundesland Hessen in seiner Streikkarte eingefärbt, weil hier mindestens siebzig Prozent der Züge fahren - ein Zustand, der außerhalb der Vorstellungskraft aller Schweriner, Berliner und Leipziger liegen dürfte. Auf dem Frankfurter Hauptbahnhof kehrt dank des Superstreiks endlich mal Ruhe ein. "Weniger Kunden, weniger Züge, weniger Hektik", so lautet das Fazit einer jungen Frau in der Brezelbude vor der wichtigsten Verkehrsdrehscheibe Deutschlands.

Und sowieso sind viele der Wartenden echte Hardcore-Bahnfahrer mit gefülltem Bahn-Bonus-Konto, Comfort-Karte und einem Heimweg von mehreren hundert Kilometern. Einer davon ist Karl-Josef Brack. Der 52-jährige Angestellte einer Versicherung reist jeden Tag aus Würzburg an, 90 Minuten dauert die Fahrt, heute sind es 30 Minuten mehr. Das stört Brack nicht sehr, sagt er zumindest, und schiebt mit einem müden Versicherungsvertreter-Singsang nüchtern hinterher: "Verspätungen gibt es an anderen Tagen auch." Ob er sich für das Gedicht erwärmen kann, welches die Frankfurter Rundschau heute auf ihrer Titelseite abdruckt?

Der Lyriker Durs Grünbein wollte alle diejenigen, die in den vergangenen 48 Stunden nur Mobilitätsgroll wie "Wegen des Streiks der Gewerkschaft Deutscher Lokführer" oder "fällt aus" oder "verspätet sich um voraussichtlich 60 bis 90 Minuten" in den Ohren hatten, mit sanften Klängen erfreuen und textete kurzerhand ein Gedicht. Inspiration durch den Bahnstreik? Grünbein dürfte darauf zumindest in Frankfurt ein Monopol besitzen. Schön ist sein "Trostlied für Bahnreisende" allemal. Und wer vor lauter Hunger für Poesie nicht empfänglich ist, bekommt in Frankfurt von Bahnmitarbeitern etwas gute Laune mit heißem Tee, Kaffee, Wasser und Croissants verpasst.

Im Vergleich zum ostdeutschen Bahn-Totalausfall wirkt Hessen wie der Kollateralschaden des Kräftemessens zwischen Bahnchef Mehdorn und GDL-Führer Schell. Wie Bahn-Sprecher Torsten Sälinger in Frankfurt sagte, fuhr im Rhein-Main-Gebiet gestern und heute jede dritte S-Bahn. Im Regionalverkehr seien 70 Prozent der Züge unterwegs. Die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) setzt auf zahlreichen U-Bahn-Linien längere Züge ein.

Im Rhein-Main-Gebiet stockte zwar der Verkehr, größere Staus und das befürchtete Chaos blieben laut dem Landesamt für Straßen- und Verkehrswesen jedoch aus. Völliger Stillstand herrschte lediglich auf den S-Bahn-Linien 7 und 9. Die S 2 und S 4 verkehrten nicht auf der gesamten Streckenlänge. Verbessert hat sich die Lage zwischen Frankfurt und Aschaffenburg - hier fuhren gestern keine Regionalzüge, heute waren schon wieder vier Züge je Richtung unterwegs.

Ruhig blieb es auch in Nordhessen: Bis auf die gestrichenen Intercity-Züge trafen alle Züge ein. Das Ende des größten Streiks in der bundesrepublikanischen Geschichte ist - zumindest in Hessen - absehbar. Die Lage in Schwerin ist laut Bahn-Internetseite jedoch unverändert: "Dieser Zug fällt aus" ist auch am Freitagnachmittag immer noch der wohl meistgelesene Satz der Landeshauptstadt.