HOME

Bahnstreik kompakt: Lokführer kritisieren "Chaosfahrplan" der Bahn

Seit 14 Uhr geht bei der Bahn nichts mehr: Züge des Nah- und Fernverkehrs sowie S-Bahnen werden bestreikt. Schon vorher aber fielen viele Verbindungen aus - hier das Wichtigste zum Lokführerstreik.

Tausende Pendler und Bahnreisende leiden an diesem Mittwoch zum zweiten Mal binnen acht Tagen unter massiven Zugausfällen: Der zweite bundesweite Lokführer-Streik läuft seit 14 Uhr. Betroffen sind der Fern-, Regional und Güterverkehr sowie die S-Bahnen. Je nach Schicht seien 2000 bis 5000 Kollegen im Ausstand, sagte Claus Weselsky, der Vorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, auf dem Leipziger Hauptbahnhof. Bereits seit Mitternacht gilt ein eingeschränkter Fahrplan im Fernverkehr. Der stern dokumentiert das Wichtigste zum Lokführerstreik, erklärt den Hintergrund und zeigt Alternativen für Reisende auf.

Notfahrpläne und 14 Stunden Stillstand

Die Deutsche Bahn versuchte, schon vor dem eigentlichen Streikbeginn mit Notfahrplänen gegenzusteuern. Damit fuhren allerdings schon vor dem Arbeistkampf weniger Züge also üblich´. Als Begründung führt die Bahn an, so könnten die Auswirkungen für Reisende minimiert und schnell nach dem Streik wieder zur Normalität zurückgekehrt werden. Die Lokführer dagegen sprechen von "perfiden Methoden", um die Streikenden in Misskredit zu bringen.

So galt seit Mitternacht - und damit bereits viele Stunde vor Streikbeginn - ein eingeschränkter Fahrplan im Fernverkehr. Zwei Drittel der Fernzüge fallen am Mittwoch aus, sagte ein Bahnsprecher. Seit Mittwochmorgen fuhren auch die Züge im Regionalverkehr nur noch eingeschränkt.

Mit Hilfe des Notfahrplans will die Bahn dafür sorgen, dass der Betrieb nach dem Ausstand wieder möglichst rasch anläuft und die Züge dort stehen, wo sie am Donnerstagmorgen gebraucht werden. Das Unternehmen plane so, damit zu Beginn des 14-stündigen Streiks nicht überall Züge an Bahnsteigen stehen, die dann nachts nicht gewartet werden können. "Ziel ist, morgen zu Betriebsbeginn überall planmäßig zu fahren", sagte der Sprecher.

Dennoch wird es auch morgen früh einige Zeit dauern, bis wieder alles normal läuft. Regional- und S-Bahnen sollen laut Bahn aber am Donnerstag die Pendler wieder pünktlich zur Arbeit bringen. Normalerweise dauert es viele Stunden bis nach einem Streik der Betrieb wieder normal läuft.

Der eigentliche Ausstand der Lokführer-Gewerkschaft GDL begann am Mittwoch um 14 Uhr und dauert bis 4 Uhr am Donnerstagmorgen. Dann sollen flächendeckend die Züge stehen bleiben - im Fern- und Regionalverkehr wie auch bei den S-Bahnen.

Gewerkschaft sauer über Notfahrpläne

Der Ersatzfahrplan des Unternehmens ärgerte die kampfbereiten Lokführer gewaltig: Gewerkschaftschef Weselsky kritisierte die Einschränkungen vor Streikbeginn als "Chaosfahrplan". Das Management der Deutschen Bahn habe "verantwortungslos" gehandelt, indem es bereits um Mitternacht begonnen habe, "den Fernverkehr aus dem Rennen zu nehmen", obwohl der Streik erst ab 14 Uhr angekündigt worden sei, sagte Weselsky. Schon seit 4 Uhr bestreike die Bahn zudem "ihren eigenen Nahverkehr".

Die Bahn arbeite mit "perfiden Methoden", um die eigenen Beschäftigten zu diskreditieren, sagte Weselsky. Tausende Lokführer und Zugbegleiter hätten seit Schichtbeginn um Mitternacht ihre Arbeitskraft angeboten, seien aber nicht eingeteilt worden. "Damit löst die DB ein Chaos aus, das durch nichts zu rechtfertigen ist. Jeder Fachmann weiß, dass kein Notfallfahrplan 14 Stunden vor dem Streik beginnen muss", hieß es in einer Mitteilung der GDL.

"Während die GDL die Öffentlichkeit 20 Stunden vor dem Streik informiert hat, um den Reisenden eine alternative Planung zu ermöglichen, hat das perfide DB-Management klammheimlich den Eisenbahnverkehr genau in der Zeit eingestellt, in der die Reisenden ihre Ziele noch erreichen wollten."

Service-Hotline und Live-Abfrage

Wer genau wissen will, ob Verbindungen stattfinden oder ausfallen, kann die kostenlose Service-Nummer 08000 99 66 33 der Bahn wählen oder auf der Reiseauskunft der Bahn im Internet nachsehen.

Verhärtete Fronten zwischen Bahn und GDL

Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber kritisierte das Vorgehen der Lokführer-Gewerkschaft als rücksichtsloses Treiben auf dem Rücken des Unternehmens und der Kunden. "Besonders dreist ist der flächendeckende Arbeitskampf, weil wir gerade verabredet hatten, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen", kritisierte Weber.

"Die GDL will nicht zusammenarbeiten - mit niemandem. Sie stellt Machtgelüste über vernünftiges Verhandeln", sagte Weber. Normalerweise werde erst geredet und dann gestreikt. Die GDL stelle dieses Prinzip auf den Kopf. Für Mittwochabend und Donnerstagmorgen seien vertrauliche Gespräche verabredet gewesen. "Diese Chance wird durch den Streik mutwillig vertan", so Weber.

Mehr als einen halben Tag bestreiken die Lokführer Nah- und Fernzüge. Viele Reisende steigen auf Busse um, hier ein Archivbild.

Mehr als einen halben Tag bestreiken die Lokführer Nah- und Fernzüge. Viele Reisende steigen auf Busse um, hier ein Archivbild.

Run auf Fernbusse

Die Fernbusbetreiber profitieren vom Streik der Lokführer. Wegen Hunderter Zugausfälle infolge des Arbeitskampfes steigen derzeit Berufspendler und Reisende häufiger bei den Bahn-Konkurrenten ein. "Die Buchungen steigen spürbar zwischen zehn und 20 Prozent an", sagte ein Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Omnibusunternehmer am Mittwoch. In einer solchen Situation hätten die Fernbus-Anbieter immer einen größeren Zulauf. Seit der Liberalisierung des Fernbusverkehrs auf Strecken innerhalb Deutschlands vor gut anderthalb Jahren buhlen rund 40 Anbieter um Marktanteile. Vor allem junge und ältere Menschen nutzen die Busse als günstige Alternative zu Bahn, Flugzeug und Auto.

Darum geht's bei dem Arbeitskampf

Bei dem Streik geht es um Verbesserungen für Arbeitnehmer - und um mehr Macht für die Gewerkschaft. So verlangt die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) für die Beschäftigten fünf Prozent mehr Lohn sowie die Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 37 von 39 Stunden. Kern des Konflikts ist aber, dass die Gewerkschaft dies nicht mehr allein für die 20.000 Lokführer fordert, sondern auch für rund 17.000 Zugbegleiter und Rangierführer. Diese will jedoch die größere Konkurrenzgewerkschaft EVG weiter vertreten. Sie hat im Gegenzug angekündigt, auch für ihre Mitglieder unter den Lokführern verhandeln zu wollen.

Die Bahn lehnt konkurrierende Abschlüsse für dieselbe Berufsgruppe und will unbedingt verhindern, dass die Lokführergewerkschaft GDL auch für Zugbegleiter, Bordgastronomen und Disponenten verhandelt und so in Konkurrenz zur Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft tritt. Das Unternehmen fürchtet konkurrierende Tarifverträge. Es verweist darauf, dass es schon mehrere Angebote gemacht habe.

... und morgen streiken die Germanwings-Piloten

Wenige Stunden nach Ende des Lokführerstreiks trifft schon der nächste Ausstand Reisende in Deutschland: So wollen die Piloten der Lufthansa-Tochter Germanwings am Donnerstag erneut in den Ausstand treten. Die Flugzeugführer würden von 12 Uhr bis 23.59 Uhr ihre Arbeit niederlegen, teilte die Piloten-Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) am Mittwoch mit.

Bedauerlicherweise habe Lufthansa alle Kompromissvorschläge der VC nicht aufgegriffen und mauere weiter, so die Gewerkschaft: "Deswegen müssen sich die Kunden in der nächsten Zeit auf weitere Streiks einstellen". Zuletzt hatten die Piloten bei Germanwings Ende August für sechs Stunden gestreikt. 116 Flüge fielen aus.

Insgesamt hat Cockpit seit April in sechs Streikwellen mehr als 4300 Flüge mit rund 500.000 betroffenen Passagieren ausfallen lassen. Im Tarifstreit geht es um die künftigen Übergangsrenten für 5400 Piloten und Co-Piloten der Fluggesellschaften Lufthansa, Lufthansa-Cargo und Germanwings. Die Lufthansa hat die bisherigen Regeln zum Jahresende 2013 gekündigt. Sie will erreichen, dass die Piloten frühestens mit 60 (bislang 55) Jahren in den bezahlten Vorruhestand gehen können. Zudem soll das durchschnittlich zu erreichende Austrittsalter von 58 auf 61 Jahre angehoben werden. Dazu wurden komplexe Übergangsregeln angeboten.

Zuletzt hatten die Piloten die Frachttochter Lufthansa Cargo bestreikt. Der zweitägige Ausstand vergangene Woche hatte nach Angaben der Lufthansa aber nur minimale Auswirkungen. Die Pilotengewerkschaft hatte daraufhin angekündigt "ein deutlicheres Zeichen setzen" zu wollen.

anb/DPA/Reuters/AFP / DPA / Reuters