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Baumärkte: Kettensägenmassaker

Baumärkte in Deutschland liefern sich einen Preiskampf bis aufs Teppichmesser. Zum Beispiel bei den Filialen von Praktiker und Hornbach in Saarbrücken. Vorsicht! Verletzungsgefahr!

Markus Bender, 33, graut es vor dem neuen Tag. Mit müden Augen steht der Leiter des Hornbach-Marktes in Saarbrücken an der Einfahrt zum Parkplatz und rüstet für die Materialschlacht. An der Mainzer Straße hat er ein grell orangefarbenes Transparent aufgehängt: "Hornbach schlägt jeden Preis. Garantiert. Das gilt auch für Aktionen von Praktiker."

Wenn in zwei Stunden die Läden öffnen, wird sein Nachbar, ein Praktiker-Baumarkt, wieder einmal seine gefürchtete "20 Prozent auf alles außer Tiernahrung"-Attacke fahren. Um acht Uhr wird der erbarmungslose Preiskampf um Bohrmaschinen, Brausetassen und Begonien einsetzen, den Praktiker seit vergangenem Jahr etwa alle drei Monate auslöst und den Hornbach mit seiner Tiefpreisgarantie retourniert. Nirgendwo in Deutschland lässt sich die Selbstzerfleischung einer Branche besser beobachten als in der Saarmetropole, wo - Wand an Wand - die Nummer zwei und vier des Marktes die Preissägen kreischen lassen. Praktiker gegen Hornbach. 10 750 gegen 6009 Quadratmeter organisierte Knauserei. "20 Prozent auf alles" gegen "10 Prozent auf alles, was die anderen billiger anbieten". Tiefstpreisgarantie gegen Tiefstpreisgarantie. Ein Kettensägenmassaker.

Die Marschrichtung geben Praktiker und Hornbach vor. Und die heißt: runter mit den Preisen. Die Agentur Focus Marketing & IT-Research hat für den stern zwei Warenkörbe "Renovieren" und "Garten" zusammengestellt und stichprobenartig getestet, wo sie am billigsten sind. Danach liegen die beiden Kampfhähne vorn - Wettbewerber sind oft doppelt so teuer. "Es herrscht eine hohe Preisaggressivität im Markt - und ein Ende ist nicht abzusehen", sagt Martin Felberbauer, Geschäftsführer der Research-Agentur.

Derweil zerbröseln die Margen der Baumarktbranche wie Stahlbeton unter dem Hilti-Bohrhammer. Der Umsatz pro Quadratmeter, das Maß aller Dinge im Handel, brach in den vergangenen zehn Jahren um ein Fünftel auf 1500 Euro ein.

Die ausgewiesenen Gewinne

dümpeln irgendwo bei ein bis zwei Prozent - mit fallender Tendenz. Immer häufiger muss das Personal dran glauben - was auch für Kunden fatal ist; sie klagen laut Marktstudien vor allem über miserable Beratung. Experten behaupten, dass schwarze Zahlen nur noch auftauchen, weil manche Firma im Ausland gutes Geld verdient oder Mutterkonzerne tapfer zuschießen.

Es ist acht Uhr in Saarbrücken. Bei Praktiker öffnen sich die Tore für die Schnäppchenjäger. Filialleiter Andreas Toibner, 36, streift zwischen den Regalen mit den 80 000 Artikeln immer mal wieder zum Notausgang in der Elektroabteilung. Dort linst er durch die Türscheibe rüber auf den Hornbach-Parkplatz. "Wenig los heute", sagt er zufrieden. Werbung wirkt. Für die 20-Prozent-Aktion hat er nicht nur die umliegenden Haushalte mit Prospekten und Handzetteln überschwemmt, sondern zusätzlich zwei gemietete Opel Agila mit Praktiker-Werbung an strategisch wichtigen Punkten für Bastler geparkt: die Mainzer Straße runter vor dem Burger King und im Grünstreifen vor dem Hela-Baumarkt, einem Lokalmatadoren.

Unterdessen verlassen die ersten Hamsterkäufer den Praktiker-Markt. Eine Frau balanciert ein Dutzend Packungen Grillanzünder zwischen Armen und Kinn zum Fahrzeug und stürzt mangels Sicht fast in die "Roschtwurschtbud". Ein anderer Kunde, der aus dem benachbarten Frankreich angereist ist, lädt hastig aus seinem Auto originalverpackte Heizkörper auf einen Einkaufswagen und schiebt sie zur Infotheke. Er hat die Radiatoren vor 14 Tagen hier beschafft und gibt sie nun retour - um sie gleich darauf mit 20 Prozent Nachlass zurückzukaufen.

Noch cleverer

agiert ein Einheimischer. Er zahlt eine Bosch-Bohrmaschine an der Kasse - "nur weil ich den Kassenbon brauche." Damit geht er hinüber zu Hornbach, ersteht die gleiche Maschine noch einmal, legt an der Kasse den Praktiker-Bon vor und lässt sich auf den bereits reduzierten Preis noch einmal zehn Prozent einräumen - wie es die Hornbach-Tiefstpreisgarantie verspricht. Anschließend gibt er das Praktiker-Gerät zurück. So treibt man 20 auf fast 30 Prozent Rabatt. Das hat Heuschrecken-Qualität.

Der Geiz, den die Unternehmen mit ihrem Preisgemetzel fördern und pflegen, haftet mittlerweile an den Kunden wie Montageschaum an der Echtholzzarge. Durchschnittlich 478 Euro investiert jeder Deutsche pro Jahr ins Selbermachen, und die dreht er mehrfach um.

Mittlerweile kaufen sich die Handelskonkurrenten sogar gegenseitig die Regale leer. Die Ladenpreise sind so tief, dass der Einkauf nicht mehr mithalten kann. Praktiker-Manager Toibner hat Mitarbeiter vom Konkurrenten Bauhaus erwischt, die für einige Tausend Euro Produkte bei ihm erstanden und sie später im eigenen Markt feilboten - "da waren noch unsere Etiketten drauf". A uch Hornbach-Chef Bender überraschte zwei Mitarbeiter des Globus-Baumarktes aus dem benachbarten Völklingen, als sie "400 Stangen fuffzehner Kupferrohr" in ihren Van luden. Die hatten sie mit 30 Prozent Rabatt bei ihm ergattert. Erst wollte Bender sie vom Hof jagen. Dann dachte er: "Egal, Umsatz ist Umsatz."

Das war noch anders

im Januar, als Praktiker erstmals "20 Prozent auf alles außer Tiernahrung" gewährte. Da drückte sich ein Praktiker-Mitarbeiter mit 20 Bosch-Ixo-Akkuschraubern Richtung Hornbach-Kasse. 30 Prozent wollte auch er rausholen. Angeblich rein privat. Da platzte Bernd Schreiber, dem Filialvize von Hornbach, der lila gestreifte Dienstkragen. Es kam zum Handgemenge. Schreibers Ellenbogencheck, behauptete das Opfer später, hätte ihn in einen Hochdruckreiniger geschleudert. Sein Arzt attestierte ihm Prellungen und Schürfwunden. Da war nichts, beteuert Schreiber, der nun eine Anzeige am Hals hat.

"Mal ehrlich", fragt Schreiber reumütig, "wer hat denn in Deutschland was von der Rabattschlacht? Wir verdienen nichts mehr an unseren Waren, die immer häufiger in China produziert werden, wodurch hier Arbeitsplätze verloren gehen."

nd Qualität. Allein in den letzten Monaten kamen unzählige Produkte aus Asien in die Märkte, die bisweilen lebensgefährlich sein können. Hunderttausende Billig-Rauchmelder, die nicht funktionierten. Hunderttausende Motorkettensägen, deren Gashebel bei laufendem Motor arretiert. Und fast 100 000 miserabel verarbeitete Verteilerstecker, Stromstöße nicht ausgeschlossen. Billig auf Dübel kommt raus.

Bei der Unternehmensberatung Ernst & Young geht man davon aus, dass nur drei der 14 großen Ketten das Jahr 2015 erleben werden. Joachim Bengelsdorf, Chefredakteur des Branchendienstes DIY, schätzt, dass mindestens 800 der 4274 Baumärkte (Gesamtumsatz: 17,4 Milliarden Euro) in den kommenden fünf Jahren sterben: "Dieser Prozess geht jetzt los." Laut Ernst & Young macht fast keine Kette in Deutschland Gewinn, wenn man die Kapitalkosten, also etwa die Zinsen für die Vorfinanzierung des Warenbestands, ehrlich in die Bilanz einbezieht. Hornbach, als Einziger börsennotiert, musste im Juni eine Gewinnwarnung ausgeben, angeblich wegen des Schmuddelwetters im März.

Praktiker zerschredderte

2002 und 2003 rund 55 Millionen Euro; für 2004 feiert der Mutterkonzern Metro zwar einen Gewinn von 59 Millionen Euro - doch wohl nur, weil wegen einer neuen Bilanzierungsmethode hohe Abschreibungen entfielen.

Die Metro will Praktiker bis zum Jahresende loswerden. Nach stern-Informationen prüfen unter anderem die Private-Equity-Finanzinvestoren CVC Capital und Cinven einen Kauf, der in den nächsten zwei Monaten über die Bühne gehen dürfte. Der Käufer wird wohl ein bis zwei weitere Ketten erwerben, um sofort stark im Markt zu stehen. Heißeste Kandidaten: Max Bahr, Toom, Globus und Marktkauf.

"Wir müssen damit rechnen", sagt Vorstandschef Albrecht Hornbach, "dass das Preisniveau auch in den kommenden Jahren um jeweils ein Prozent sinkt." Was schon ein Erfolg wäre: Zwischen 2002 und 2005 rutschten die Preise bei Hornbach um insgesamt zehn Prozent. An der Wand in seinem Besprechungsraum der Bornheimer Zentrale hängen schon die Entwürfe für die nächsten Schmähplakate gegen Praktiker: "47 Prozent für alle 120-Jährigen." "80 Prozent für jeden, der alle Achttausender bestiegen hat."

Hornbach versucht,

mit neuen Konzepten die Zukunft zu sichern. Im April wurde in Bornheim der erste Drive-in eröffnet. 340 Kunden pro Tag fahren mit ihrem Pkw durch die überdachten Straßen mit den Regalen, laden Zementsäcke oder Waschbetonplatten in den Kofferraum und tuckern mit schrägstehenden Rädern zur Autokasse. Knauber schwenkt um auf Baumarkt light und bietet kaum mehr Baustoffe, dafür aber Spielwaren und Büromaterial. Helfen wird das alles kaum, denn die Kunden wählen ihren Baumarkt laut Marktstudien vor allem nach drei Kriterien aus: Nähe, Sortiment und Preis.

Wie also rauskommen aus der alles zersetzenden Tiefpreisspirale? Am Wallrafplatz im Schatten des Kölner Doms sucht John Herbert bei einer Tasse Tee nach einem Ausweg. Er waltet als Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Heimwerker-, Bau- und Gartenfachmärkte (BHB), dem auch Lieferanten angehören. Praktiker und Bauhaus, ebenfalls ein führender Tiefstpreisfighter, haben den Verein längst verlassen.

BHB-Chef Herbert weiß: Die Marktbetreiber werden sich weiter unterbieten und versuchen, die Rabatte den Herstellern aufzudrücken - wer nicht mitmacht, wird ausgelistet. "Die Verhältnisse zwischen Handel und Industrie waren noch nie so schlecht wie heute", sagt Herbert. Anfangs konnten sich die Tierfuttergrossisten dem Druck der Märkte erfolgreich widersetzen, deshalb musste Praktiker seine Produkte bei der Rabattschlacht ausklammern. Heute ist es nur noch ein listiger Werbegag. Jeder soll wissen: Praktiker führt auch Tiernahrung.

50 Kilometer weiter östlich

beim Marktführer Obi in Wermelskirchen haben die Mitarbeiter den dicksten Fisch im Kantinenaquarium Sergio genannt. Nach ihrem Chef, dem Italiener Sergio Giroldi. Weil sie dem Obi-Boss zutrauen, das brotlose Baumarktgeschäft in die alten goldenen Zeiten zurückzuführen. Wie es Obi derzeit wirklich geht, ist kaum auszumachen, zu undurchsichtig ist das Zahlenwerk, das die Tengelmann-Tochter veröffentlicht.

"Der Preiskampf wird niemals enden", sagt Giroldi. "Denn immer wird jemand kommen, der produktiver, attraktiver ist und anderen Marktanteile wegnimmt." Fünf bis sechs Rivalen, mehr vertrage der Markt nicht. "Wir werden alles tun, um Anführer des Konsolidierungsprozesses zu werden." Obi könnte eine Dachmarke werden, unter die schwache Firmen schlüpfen. Zum Segen der Stadt Wermelskirchen und der Firma. Urbi et obi.

Zurück nach Saarbrücken. Gegen Mittag ist der erste Ansturm bewältigt. Bei Praktiker tummeln sich die Kunden nun vor der "Roschtwurschtbud". "Bislang ein voller Erfolg", bilanziert Andreas Toibner, der Praktiker-Manager, den Start der "20 Prozent auf alles außer Tiernahrung"-Aktion. Dabei klingt er wie König Pyrrhus, der Herrscher von Epirus, der nach einer verlustreichen, aber gewonnenen Schlacht gegen die Römer klagte: "Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!"

Rolf-Herbert Peters / print