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Beispielloser Wirtschaftsabsturz: War das schon der Tiefpunkt?

Minus 3,8 Prozent - die deutsche Wirtschaft ist zu Jahresbeginn geradezu kollabiert. Nicht mal während der letzten Ölkrise hat es einen solch heftigen Einbruch des Bruttoinlandsproduktes gegeben. Volkswirte sprechen von "Horrorzahlen", haben aber auch die Hoffnung, dass es von nun an bergauf geht - wenn auch sehr langsam.

Nach fünf Boomjahren in Folge hat die globale Wirtschaftskrise Deutschland wie kaum ein anderes Industrieland getroffen. Das Land steckt in der tiefsten Rezession der Nachkriegsgeschichte. Noch nie seit Beginn der Quartals-Erhebungen durch das Statistische Bundesamt im Jahr 1970 brach das Bruttoinlandsprodukt (BIP) so rasant ein wie im ersten Quartal 2009: Es sackte um beispiellose 3,8 Prozent ab. Das BIP sei geradezu "kollabiert", kommentiert Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer die desaströsen Zahlen. Volkswirt Stefan Bielmeier von der Deutschen Bank stellt fest: "Einen solchen Einbruch, der sich über vier Quartale beschleunigt, gab es noch nie. Nicht mal bei der letzten Ölkrise."

Schon ist von einer "Schockstarre" der Wirtschaft die Rede, die NordLB spricht von "Horrorzahlen". So schnell wird der Wachstumsmotor in Deutschland und weltweit nach einhelliger Expertenmeinung nicht wieder anspringen. Aber immerhin: Der Tiefpunkt der Wirtschaftskrise scheint überstanden. "Die hässlichen BIP-Zahlen sollten die Talsohle der aktuellen 'Großen Rezession' markieren", prognostiziert UniCredit-Volkswirt Alexander Koch. Deutsche-Bank-Volkswirt Bielmeier stimmt zu: "Wir gehen davon aus, dass das erste Quartal das schwächste sein wird." Ein nachhaltiges Wachstum sei allerdings frühestens im zweiten Quartal 2010 zu erwarten.

Der kräftige Einbruch der Wirtschaftsleistung von besorgniserregenden 6,7 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal 2008 hat alle großen Industriebranchen schmerzhaft getroffen: Die chemische Industrie berichtete von einem desaströsen ersten Vierteljahr 2009. Automobil-Hersteller erleiden am Weltmarkt teils kräftige Absatzeinbrüche und fahren in die roten Zahlen. Und auch der erfolgsverwöhnte deutsche Maschinenbau durchlebt eine dramatische Talfahrt.

Die Schattenseiten des Exportweltmeisters

Über all dem schwebt das Damoklesschwert der Weltkonjunktur, denn Deutschland ist als langjähriger Exportweltmeister wesentlich stärker von der Krise betroffen als andere: Wenn die globale Nachfrage einbricht, bekommen die heimischen Unternehmen das unmittelbar zu spüren. Deshalb erstaunt es nicht, dass die Wirtschaft in europäischen Nachbarländern wie Italien, Frankreich oder Spanien weniger stark absackte als die deutsche: Das BIP im Eurogebiet sowie in der EU mit 27 Staaten schrumpfte zu Jahresbeginn im Vergleich zu den drei Vormonaten um 2,5 Prozent. Den Rekord hält allerdings nicht Deutschland, sondern die Slowakei und Lettland mit minus 11,2 Prozent.

Umgekehrt lässt sich aber auch größere Hoffnung schöpfen, wenn US-Notenbankchef Ben Bernanke ein Ende der Abschussfahrt vorhersagt: "Wir rechnen weiterhin damit, dass die Wirtschaftsaktivität gegen Ende des Jahres wieder nach oben zeigt", erklärte er Anfang Mai.

Besserung für die Wirtschaft versprechen der zuletzt leicht angezogene Export, die weltweiten Konjunkturprogramme und die Niedrigzinspolitik der Notenbanken. Experten rechnen im Gesamtjahr dennoch mit einem BIP-Minus von mehr als sechs Prozent. Die Deutsche Bank hält vorerst die frühere Prognose von minus fünf Prozent für realistisch. "Aber es gibt jede Menge Risiken", sagt Bielmeier. So könnten etwa der Welthandel nicht wie erwartet anspringen oder die Konjunkturprogramme sich weniger stark auswirken. Zudem bestehe die Gefahr, dass die privaten Haushalte ihren Konsum drosseln. Denn am Arbeitsmarkt ist die Krise noch nicht in voller Wucht angekommen.

Harald Schmidt, DPA / DPA