Benzinpreis Schock an der Zapfsäule


Ein Benzinpreisschub von bislang nicht gekanntem Ausmaß schockiert die Autofahrer in Deutschland. Experten warnen vor den negativen Folgen auf Wirtschaft und Konjunktur.

Nach dem massiven Benzin-Preissprung sind am Donnerstagmorgen viele Tankstellen leer geblieben - wer noch nicht auf Reserve fuhr, verschob den Tankstopp und hoffte auf ein schnelles Abbröckeln der Preise. Doch die Rechnung ging nicht auf: am Nachmittag kam der nächste Schub von plus 4 Cent bei Benzin, so dass nun 12 Cent Aufschlag in nur 24 Stunden zu Buche stehen. Am Donnerstagnachmittag kostete der Liter Super dann im Schnitt laut Aral 1,42 Euro, Diesel lag bei 1,17 Euro. Schon Mittwoch hatten die drei größten Mineralölgesellschaften Aral, Esso und Shell die Preise für Superbenzin auf einen Schlag um acht Cent je Liter heraufgesetzt.

"Katrina" nur oberflächlich betrachtet Schuld

Bei oberflächlicher Betrachtung sind die Zerstörungen durch den Sturm "Katrina" die Ursache der Preisrallye: In den USA sind acht gigantische Raffinerien ausgefallen, das sind etwa 12 Prozent der US-Verarbeitungskapazität. Die erste davon, das Werk von Valero Energy, wird schon wieder angefahren und soll in zwei Wochen wieder voll arbeiten. Andere Raffinerien sind noch überflutet. Aus den Golf-Raffinerien werden große Teile der US-Ostküste versorgt. Doch der Sturm machte nur deutlich, wo die Schwäche der US-Energieversorgung liegt: Seit Jahrzehnten wurde keine neuen Raffinerien gebaut, weil die Konzerne den Kampf mit Umweltauflagen scheuten und das Geld lieber in Ölbohrungen steckten, was mehr Profit versprach. Weil aber der Benzinverbrauch steigt und steigt, kamen die Werke an ihre Grenzen und müssen praktisch rund um die Uhr auf voller Kraft laufen.

Trotzdem mussten die USA 2004 schon 90 Millionen Tonnen oder 10 Prozent des Verbrauchs an Fertigprodukten einführen. Das wiederum führte dazu, dass in Europa die Preise stiegen, weil US-Kunden in europäischen Raffinerien kauften. Wenn jetzt auch noch 12 Prozent der US-Verarbeitung fehlen, schießen die Preise für Benzin weltweit in die Höhe. Außerdem steht in den USA am ersten Montag im September das lange Wochenende um den Labor Day bevor. Millionen Bürger werden einen langen Autoausflug machen und den Spätsommer genießen. Und natürlich tausende Tonnen Benzin verbrennen. Schon haben erste US-Großhändler ihre Abgabe begrenzt.

Keine Trendwende erwartet

Dieser unstillbare Benzindurst - die USA sind der größte Energieverbraucher der Welt - saugt jetzt auch Europa leer: In Rotterdam ist der Preis für eine Tonne Benzin von 633 Dollar am 23. August auf 849 Dollar am Donnerstag gestiegen. Am Rotterdamer Markt bildet sich der Preis auch für Deutschland, obwohl die Versorgung der Tankstellen über deutsche Raffinerien läuft. Doch die klassische Berechnung für die Preise lautet: Rotterdamer Preis plus Fracht. Selbst wenn eine deutsche Raffinerie billiger produzieren könnte, würde das nicht den Tankstellenpreis senken. Denn warum sollte man in Deutschland das Benzin für weniger verkaufen als in Rotterdam zu erzielen wäre?

Auch in den nächsten Monaten sollte kein Autofahrer auf eine grundlegende Preiswende hoffen: Ein Preisrückgang kann nach Ansicht von Heino Elfert vom Fachdienst EID "vor dem Winter wohl nicht" mehr kommen. Dazu müssten zunächst die beschädigten US-Raffinerien repariert werden. Außerdem müsse das Ende der so genannten Driving Season in den USA abwartet werden. Die Energie-Expertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, erklärte, der Ölpreis könne sogar "in unermessliche Höhen" steigen. Nach ihren Beobachtungen sind etwa 20 bis 25 Dollar des jetzigen Ölpreises auf Spekulation zurückzuführen. "Und viele Spekulanten setzten auf weiter steigende Preise", sagte sei. Ihr Vorschlag: Eine Steuer auf Spekulationsgewinne. "Aber das ist nur international durchzusetzen und da ziehen eben nicht alle Länder mit.

USA greifen strategische Ölreserven an

US-Energieminister Samuel Bodman kündigte an, dass die strategische Ölreserve angezapft werden soll, um Ausfälle durch den Hurrikan auszugleichen. Wie viel Öl aus der 700 Millionen Barrel (je 159 Liter) umfassenden Reserve freigegeben wird, sagte Bodman nicht. Die Reserve wurde in den USA bisher erst ein Mal eingesetzt: im ersten Golfkrieg 1991. Die US-Regierung setzte zudem die Vorschriften für sauberes Benzin aus, um die Folgen des Hurrikans auf dem Energiesektor zu mildern. Danach sollen beispielsweise für 14 Tage in allen Teilen der USA die Begrenzungen für den Schwefelgehalt gelockert werden. Mit diesem Schritt solle die drohende drastische Verknappung von Benzin verhindert werden. Experten warnten in den USA vor einer Benzinpreiskrise.

Es ist wieder soweit: "Deutschlands Autofahrer ächzen" unter den hohen Spritpreisen, die "Benzinwut" geht um, wird geklagt. Bald dürften die aus Vorjahren bekannten "Ich-hab-die- Schnauze-voll"-Aufkleber folgen. Zur "Wutwelle", die regelmäßig bei Ölkrisen und in Wahlkämpfen, spätestens aber vor der Urlaubszeit anschwillt, gehören auch diverse Vorschläge von Politikern. Der Forderungs-Katalog umfasst zumeist: Steuersenkungen, ein Verkauf der nationalen Ölreserven, Fahrverbote, Maßnahmen gegen Tanktourismus oder mehr Biokraftstoffe und Öko-Autos. Wenn - wie dieser Tage - Urlaub, Wahlkampf und Ölpreis-Explosion zusammenfallen, überschlagen sich die Parteien mit alten und neuen Parolen nach dem Motto: Der Mann an der Zapfsäule entscheidet die Wahl.

Union und FDP an die nationalen Ölreserven

Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel und FDP-Chef Guido Westerwelle wollen die nationalen Ölreserven anzapfen. "Das sollte auch in Deutschland kein Tabu sein", meinte Merkel und verwies auf entsprechende Maßnahmen in den USA. Für Westerwelle wäre der Einsatz der strategischen Ölreserve eine "kluge und sinnvolle Möglichkeit", um die Bürger wenigstens ein Stückchen zu entlasten. FDP-Experte Rainer Brüderle meint, eine halbierte Reserve könne Wirtschaft und Verbraucher um bis zu 3,5 Milliarden Euro entlasten.

Klingt gut, ist aber nicht neu und aus Expertensicht "Unsinn". In den USA habe der Hurrikan Milliardenschäden angerichtet, heißt es. Von Notstand, Engpässen und Krise auch in Deutschland könne aber keine Rede sein. Politiker werfen seit Jahren ein Auge auf die noch 23 Millionen Tonnen Sprit und Öl, die für Krisen als Mindestreserve gebunkert werden. Die im Erdölbevorratungsverband organisierten Ölfirmen sind gesetzlich verpflichtet, Vorräte für 90 Tage vorzuhalten. Schon im Jahr 2000 wollte die FDP an die Reserven, damals kostete Rohöl 28 Dollar pro Barrel. Im Sommer 2004 meinte CDU-Vize Christoph Böhr, die Ölreserve sei ein Relikt aus alter Zeit.

Regierung will EU-weite Einheitlichkeit

Gefordert werden auch Schritte gegen "Tanktourismus" in Grenzregionen, weil Benzin und Diesel in Nachbarländern billiger sei. Billig-Tank-Chips für Bewohner wurden ins Gespräch gebracht oder verminderte und regional gestaffelte Mineralölsteuersätze. Die Bundesregierung lehnt Alleingänge ab und fordert einen höheren Mindest-Mineralölsteuersatz in der EU. Höhere Sätze waren im EU-Rat, der in Steuersachen einstimmig beschließt, bisher nicht durchsetzbar.

Autofahrer sollten auch über niedrigere Steuern entlastet werden, wird verlangt. Mineralöl- und Ökosteuer betragen 65,4 Cent je Liter bei Benzin und 47 Cent bei Diesel. Sie verändern sich auch nicht, wenn die Preise an der Zapfsäule steigen. Hinzu kommen 16 Prozent Mehrwertsteuer. Um den Benzinpreis auf einen Euro zu senken, müsste der Staat derzeit auf bis 20 Milliarden Euro verzichten. Offen ist, ob bei geringeren Steuern am Ende auch die Preise niedrig bleiben und Konzerne nicht zusätzlich verdienen. Im ersten Halbjahr 2005 ist das Mineralölsteueraufkommen jedenfalls um 5,8 Prozent gesunken.

Grüne: Auto auch mal stehen lassen

Grünen-Politiker fordern immer wieder, das Auto auch mal stehen zu lassen. Auch Zwangskurse zu Sprit sparendem Fahren wurden schon vorgeschlagen. Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) und Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) sprachen sich dafür aus, den Anteil von Biokraftstoffen zu erhöhen und die Abhängigkeit von Öl zu verringern. Auch sollten sparsamere Autos auf den Markt kommen.

Die Bemühungen der Bundesregierung für mehr Transparenz auf den Ölmärkten, um Preisspekulationen einzudämmen, zeigen bisher kaum Wirkung. 18 Dollar je Barrel soll der spekulative Anteil am Ölpreis betragen. Dabei dürfte es nicht bleiben. Längst wird an Finanzmärkten ein Ölpreisanstieg auf 100 Dollar je Barrel nicht ausgeschlossen. Wetten von Hedge-Fonds auf steigende Preise sind schon abgeschlossen.

mit AP, DPA und Reuters

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