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Bio-Lebensmittel: Der Bio-Angriff: Wie Aldi, Lidl und Co. die Branche überrollen

Aldi, Lidl und Edeka verkaufen immer mehr Bio-Produkte – und greifen damit etablierte Bioläden und Bio-Supermärkte an. Alnatura sucht nach neuen Partnern, die Kleinen fürchten das Schicksal von Tante Emma.

Bio

Bio soweit das Auge reicht

DPA

Bio-Lebensmittel haben den Sprung von der Nische in den Mainstream geschafft. Fast 11 Milliarden Euro gaben die Bundesbürger 2018 nach Angaben des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft für Bio-Lebensmittel aus, 5,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Doch so manchem Bio-Händler von nebenan bleibt der Freudenschrei über die Entwicklung im Halse stecken. Denn je größer der Kuchen wird, desto härter wird die Konkurrenz. Erst kamen die Bio-Supermärkte, jetzt bieten sogar die konventionellen Discounter ihren Kunden immer mehr Produkte in Bio-Qualität an.

So kooperiert etwa Discounter Lidl seit etwa einem Jahr mit dem Anbauverband Bioland – und hat den Umsatz mit Bio-Produkten seitdem um 44 Prozent gesteigert. Lidls Bio-Marktanteil liegt zwar noch bei bescheidenen drei Prozent, soll aber auch im kommenden Jahr stark wachsen. Dass Bio beim Discounter funktioniert, beweist Konkurrent Aldi schon länger. Ob man's glaubt oder nicht: Aldi Nord und Süd kommen mit ihren rund 300 Bio-Artikeln - darunter Eigenmarken, aber auch die Traditionsmarke Schneekoppe - auf einen Marktanteil von fast 15 Prozent. Damit sind die Aldis Marktführer für Bio-Lebensmittel in Deutschland. Nächstes Ziel: Die Bio-Marktführerschaft für ganz Europa.

Auch Kaufland ist auf den Bio-Zug aufgesprungen. Neben Eigenmarken in Bio-Qualität hat die Lebensmittelkette seit Februar Bio-Produkte des Anbauverbands Demeter im Sortiment – bis Jahresende sollen es 200 Demeter-Produkte sein. Und Deutschlands größte Supermarktkette Edeka glaubt so sehr an das Bio-Geschäft, das sie mit "Naturkind" sogar einen neuen Bio-Markt aus der Taufe gehoben hat. In Hamburg und im bayerischen Dinkelsbühl wurden gerade die ersten beiden Naturkind-Läden eröffnet. Wenn die gut laufen, wird das Konzept in Serie gehen.

Alnatura sucht nach neuen Partnern

Die Bio-Offensive des konventionellen Lebensmittelhandels wirbelt die Branche gehörig durcheinander. Auch die Bio-Supermärkte, die einst den kleinen Fachhandel aufmischten, müssen lernen, dass sie nicht mehr die größten Fische im Wasser sind. Das musste zum Beispiel Alnatura erfahren. Die nach Denn's zweitgrößte Bio-Supermarktkette Deutschlands betreibt nicht nur 134 Märkte in 61 Städten, sondern verkauft seine Produkte auch bei Edeka und den Drogeriemärkten Rossmann, Müller und Budni.

Doch wie es laufen kann, wenn Partner zu Konkurrenten werden, hat der Streit mit der Drogeriemarktkette dm gezeigt. Bei seinem einst wichtigsten Handelspartner ist Alnatura seit 2014 sukzessive aus dem Regal verschwunden und mittlerweile komplett draußen. dm verkauft stattdessen seine eigene Biomarke. Das Ganze mündete in einen hässlichen Familienstreit, in dem die verschwägerten Firmenchefs Götz Werner (dm) und Götz Rehn (Alnatura) vor Gericht jahrelang um Markenrechte und offene Rechnungen rangen.

Auf den Wegfall von dm als Umsatzbringer hat Alnatura mit noch mehr eigenen Läden und neuen Handelspartnern unter anderem in Frankreich reagiert. Nach Konzernangaben gibt es Alnatura-Produkte heute in 12.500 Filialen von Handelspartnern in 15 Ländern. Der Umschwung nach dem Aus bei dm ist geschafft: Im Geschäftsjahr 2018/2019 steigerte Alnatura den Umsatz um 9,5 Prozent auf rund 900 Millionen Euro.

Und der nächste Coup ist bereits in Planung. Nach einem Bericht der Lebensmittelzeitung will Alnatura künftig nicht nur Handelsketten, sondern auch kleine Bioläden beliefern und daraus eine Art Franchisemodell machen. Konkrete Vereinbarungen gibt es zwar noch nicht und von einem Franchise-Modell will man bei Alnatura nicht sprechen. Doch dass kleine Bioläden in den Fokus gerutscht sind, bestätigt Alnatura. "Wir prüfen aktuell, inwieweit wir in Zukunft selbstständige Bio-Kaufleute durch attraktive Sortimente unterstützen können. Dabei wollen wir nicht die Aufgabe eines klassischen Bio-Großhändlers erfüllen", sagt eine Alnatura-Sprecherin auf stern-Anfrage.

Sterben die kleinen Biomärkte?

Bio ist also raus aus der Nische. Aber wie viele kleine Bioläden den Boom überleben, wenn Bio auch zu Aldi-Preisen zu haben ist, scheint fraglich. Fast zwei Drittel des Umsatzvolumens mit Bioprodukten entfielen laut einer GfK-Studie 2018 auf Supermärkte, Discounter und Drogeriemärkte.

Und das wird wohl weitergehen: Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) spricht in seinem Branchenreport 2019 von einem "Trend zu größeren Flächen und zur Filialisierung". Der Anteil der Filialen an allen Biomärkten nehme zu. Die Großen verdrängen die Kleinen. Obwohl Umsatz und Verkaufsfläche für Bio-Produkte wachsen, standen laut BÖLW im vergangenen Jahr 50 Neueröffnungen 100 Schließungen gegenüber. "Kleinere und mittlere Läden wurden häufiger geschlossen", heißt es in dem Report.

"Wir vermissen eure Empörung", beschwerte sich kürzlich ein Berliner Bioladen in einem öffentlichen Brief, nachdem in der Nachbarschaft die dritte Filiale eines großen Bio-Supermarktes aufgemacht hatte. Ein aggressiver Verdrängungswettbewerb passe nicht zu den Werten der Bio-Branche, schrieben die Ladenbesitzer.

Doch es scheint, als ob sich das Schicksal der konventionellen Tante-Emma-Laden wiederholen könnte. "Der Wahnsinn der traditionellen Einzelhandelsentwicklung wird bei den Biomärkten nachvollzogen", sagte Joachim Riedl, Professor für Marktforschung und Vertrieb an der Hochschule Hof der "taz". "Langfristig, also auf Jahre und Jahrzehnte betrachtet, wird es zu einem Ladensterben kommen, der die Kleinen am Markt betrifft."

Quellen: Lebensmittelzeitung / taz / BÖLW / Alnatura