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Börsen: Der programmierte Absturz

An den Börsen grassiert die Angst vor einem zweiten Lehman-Desaster. Die Deutschen lässt das kalt, sie halten eh kaum noch Aktien. Es regiert ein neuer Anlegertypus - und der folgt Computern.

Von C. Kirchner, J. Kubsovba und J. Lörchner

Nach jedem Börsenkrach, den Gottfried Heller hinter sich hat, zieht er mit einem Bleistift neue Spalten und Zeilen auf ein weißes Din-A-4-Blatt. Quer trägt er die Jahre ein, längs die Bewegungen von Öl, Dollar, Staatsanleihen und Indizes. Besonders herbe Verluste hat Heller mit einem gelben Textmarker angestrichen. "Sehen Sie hier", sagt Heller, "der Dow, über 20 Prozent Minus - an einem Tag! Oder hier, der Dollar - einfach halbiert!"

Heller ist Vermögensverwalter, mit 76 Jahren ein Urgestein der Branche. 1970 hat er zusammen mit dem 1999 verstorbenen André Kostolany die Vermögensverwaltung Fiduka gegründet, heute ein 15-Mann-Büro in der Münchener Kaufingergasse.

Das erste Krisenkästchen auf dem Blatt vor Hellers Nase stammt aus dem Jahr 1972, das letzte von 2008. Nach allem, was über die vergangene Börsenwoche gesagt wurde, müsste Heller eigentlich dringend eine neue Spalte auf seiner Seite ziehen. "Blutbad", "Vorhof zur Hölle", "Massaker" waren die Etiketten für Talfahrt der Börsen rund um den Globus. Heller aber wird seinen Zettel nicht anrühren. Er beugt bloß seinen großen, grauen Kopf etwas vor, hebt eine Augenbraue und senkt die Stimme: "Ganz ehrlich? Das war doch schon fast lächerlich. Das ist doch nichts, was einen aus dem Bett reißt."

Einen Gottfried Heller vielleicht nicht. Aber an den Börsen sind längst Investoren eines anderen Schlags unterwegs. Das erste Abbröckeln der Kurse vergangene Woche, so sind sich Experten einig, war eine verzögerte Reaktion auf das nur unzureichend gelöste Schuldenfiasko in Europa und den USA. Beschleunigt wurde der Abwärtstrend dann aber durch andere Mechanismen, denn an den Märkten hat es in den letzten Jahren einen Trendwechsel gegeben, den ausgerechnet das Lehman-Desaster noch einmal entscheidend beschleunigt hat: Etwas aussitzen - das können inzwischen noch die wenigsten. Egal ob Profis oder Private: Aus zwei Crashs binnen gut zehn Jahren haben sie gelernt, dass wenn es kracht, es so richtig kracht. In der Krise zwischen 2000 und 2003 verlor der Dax in der Spitze über 70 Prozent und 2008 und 2009 wieder rund 55 Prozent.

Niemand hält dagegen

Weil aber der Dax mit aktuell 6200 Punkten auf einem Niveau notiert, das er schon einmal 1998, 2000, 2005, 2008 und nun eben wieder 2011 inne hat, versuchen Anleger nach einem verlorenen Aktienjahrzehnt und mit der Lehman-Erfahrung in den Knochen ihre Rendite über die Verlustvermeidung zu optimieren: Brechen die Kurse ein, werden Verluste begrenzt und Aktien gnadenlos verkauft - was den Abwärtstrend nochmals verschärft. In vielen Fondsgesellschaften und Handelsabteilungen der Banken haben die Risikomanager das Kommando übernommen.

Deren Sicherungsmodelle heißen "Short Future", "Constant Proportion Portfolio Insurance", "Stop Loss" oder "Direct Hedge", machen aber im Kern alle das gleiche: Sie verkaufen, wenn die Kurse zu stark fallen. Und so hält auch kurzfristig niemand mehr dagegen, wenn der Dax - wie in den vergangenen Tagen - acht Handelstage in Folge und um 15 Prozent einbricht.

Halten oder mal dagegen halten würden etwa die Privatanleger, meint Heller. Doch die haben sich schon vor langer Zeit in Massen von den Börsen verabschiedet. Die Zahl der direkten und indirekten Aktionäre in Deutschland ist binnen zehn Jahren um rund 37 Prozent auf nur noch 8,1 Millionen gesunken. Allein im vierten Quartal 2008 - nach der Lehman-Pleite - haben Kleinanleger Aktien im Wert von 33 Milliarden Euro netto verkauft. Und die seit März 2009 währenden Rally? Hat kaum jemanden wieder angelockt. Netto halten deutsche Privatanleger seitdem Aktien im Wert von etwa einer Milliarde Euro. Aber beständige Anleger fehlen den Börsen nun.

"Wenn noch Millionen Privatanleger da wären, würde so etwas wie vergangene Woche nicht so schnell passieren", sagt Heller. Viele Privatanleger hätten ihre Aktien früher wie Unternehmensanteile gekauft und auch entsprechend behandelt, sich mit den Ergebnissen und Entscheidungen der Firmen auseinandergesetzt, und Krisenzeiten auch mal durchgehalten.

Da inzwischen aber kaum noch jemand Aktien hat, schüren die Turbulenzen an den Märkten in der Bevölkerung höchstens neue Sorgen um die Konjunktur, nicht aber um die eigenen Anlagen. Davon zeugt ein Besuch in der Taunussparkasse Bad Homburg. Im etwa 20 Kilometer entfernten Frankfurt rauschen vergangenen Freitag gerade die Kurse in den Keller. Anlageberater Peter Krissel tangiert das wenig. Seine 2000 Kunden auch nicht. Der letzte Verkauf eines aktienorientierten Produkts? "Ist schon längere Zeit her", so Krissel. "Die Kunden sind konservativ in ihren Entscheidungen" Der Renner zur Zeit: "Der einjährige Sparbrief. Das ist eine Lösung, die die Kunden kennen, sehr schätzen und mit der sie auch gute Erfahrungen gemacht haben", sagt Krissel. 1,75 Prozent sind damit derzeit drin. Macht real nicht einmal einen Inflationsausgleich.

Automatisierte Massenverkäufe

Und so zocken an den Börsen jetzt vor allem institutionelle und ausländische Investoren. Waren vor zehn Jahren gerade mal knapp ein Drittel aller Dax-Aktien in ausländischer Hand, sind es heute über die Hälfte. "Der Privatanleger hatte im schlimmsten Fall seine Frau im Nacken, die ihn mahnte, keine Dummheiten zu machen", sagt Heller. "Aber bei einem Profianleger stehen gleich Mandat und Job auf dem Spiel, wenn er bestimmte Bewegungen nicht mitmacht. Der Druck ist enorm."

Viele Investoren fühlen sich daher am wohlsten, wenn sie im Gleichschritt mit der Herde marschieren. Und so passiert es dann, dass sich die Volkswagen-Vorzugsaktie ab 2004 zunächst mehr als versechsfacht, anschließend viertelt, danach wieder versechsfacht und nun binnen zehn Tagen um ein Viertel einbricht. Wer das mitmacht, braucht gute Nerven - oder emotionslose Computerprogramme. Hohe Volumina werden - auch gerade jetzt zur Urlaubszeit - von Autopiloten bewegt, die beim Unterschreiten bestimmter Marken automatisch verkaufen - und weitere Massenverkäufe auslösen. "Der Witz ist, dass die meisten auch noch die gleichen Programme mit den gleichen Mechanismen nutzen", sagt Heller.

Hellers Kritik ist nicht bloß die Sehnsucht eines alten Mannes nach früheren Zeiten. Das hektische Hin und Her macht auch jüngeren Kollegen zu schaffen. Anko Beldsnijder ist 43 und Fondsmanager. Er arbeitet bei Mainfirst, einer kleineren Fondsboutique in Frankfurt. Am Wochenende ist er oft in Berlin, so wie auch gestern. In einem Café am Berliner Kollwitzplatz erzählt er, wie sich die Handelsplätze verändert haben.

Zu Zeiten des Neuen Markts war Beldsnijder zeitweise so etwas wie ein Fernsehstar, obwohl er eher Spezialist für das ist, was er "Qualitätsaktien" nennt - Firmen mit geringer Verschuldung, soliden Wachstumsraten, niedriger Zyklik im Geschäft, Firmen wie den Pharmakonzern Roche oder den Lebensmittelhersteller Danone - kurz: So ziemlich genau das, was in einem fulminanten Aufschwung keiner haben will, aber in einer Krise dann doch mit abstürzt, weshalb es auch seit einiger Zeit in Beldsnijders Fonds nicht so gut läuft.

Wendepunkt wie die Lehman-Pleite

"Was in der Fonds-Branche schon seit einer ganzen Weile läuft, hat immer wenig mit Investieren zu tun", sagt Beldsnijder. "Viele sind gezwungen, wie ein Hedge-Fonds zu arbeiten, die Schalter werden schnell umgelegt: Rein ins Risiko, raus aus dem Risiko, rein in Aktien, raus aus Aktien. Die Fundamentaldaten der Firmen spielen fast eine untergeordnete Rolle."

Beldsnijder muss daher auch nicht lange überlegen, was in den vergangenen zehn Jahren die größte Veränderung seiner Branche war. "Die Anlagehorizonte werden kürzer, und die gesamtwirtschaftlichen Faktoren spielen für die Unternehmen eine weit größere Rolle als noch vor zehn Jahren", sagt Beldsnijder. Und ob eine Firma gut mit Geld wirtschafte oder nicht, spiele keine Rolle. Geld kann sie dank Niedrigzinspolitik jederzeit billig besorgen. "Belohnt wurde, wer den heißesten Reifen fuhr, während konservative Unternehmen mit hohem Cashbestand schlimmstenfalls von Finanzinvestoren übernommen wurden", sagt Beldsnijder.

Die aktuelle Situation? Sieht er skeptisch, spricht oft von Wendepunkten. Einige Parallen zur Lehman-Pleite sind latent: Etwa die Verkettung gleich mehrerer Ereignisse, die für sich genommen harmlos wären, in der Kombination aber ein böser Mix sind. "Wenn mehrere Leute im Gleichschritt über eine Brücke gehen, kann sie eine Eigenresonanz entwickeln, bis sie einstürzt", so Beldsnijder. Derzeit marschieren die Konjunktursorgen, die Herabstufung der Bonität der USA durch Standard & Poor's, die Schuldenprobleme über die Nerven der Anleger. Und falls letztere jetzt eine Eigenresonanz entwickeln, müsste Gottfried Heller doch noch eine neue Spalte anlegen.

FTD