Boris Nemzov "Russland wird das Gas ausgehen"


Zu Zeiten Boris Jelzins war Boris Nemzow russischer Energieminister, ein neues Buch über Gasprom widmet ihm ein Kapitel. Im Interview mit stern.de sagt er, warum der Konzern vor einer Krise steht und Russland ein desolates Gasdefizit droht.

Sie waren unter Boris Jelzin Minister für Brennstoff und Energie. Jetzt sagen Sie Russland ein katastrophales Gasdefizit im Jahr 2010 voraus.

Seit sieben Jahren stagniert die Gasproduktion von Gasprom quasi. Gleichzeitig wächst die russische Wirtschaft um durchschnittlich sechs Prozent jährlich. Da muss es zwangsläufig zu einem Defizit kommen. 2010 werden um die 70 Milliarden Kubikmeter Gas fehlen, das ist in etwa der Jahresverbrauch der Ukraine.

Deutschland hängt zu einem Drittel von russischem Gas ab. 2008 steigen die Gaspreise voraussichtlich um 20 Prozent. Ist das schon ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen kann?

Die Preisentwicklung im Westen hat nichts mit dem drohenden Defizit zu tun, sondern liegt daran, dass sich das Öl so verteuert hat. Die Krise bei Gasprom wirkt sich vermutlich auch nicht bis nach Europa aus. Auf so einen Konflikt will es der Kreml nicht ankommen lassen.

In Europa herrscht jetzt schon die Angst, der Kreml könnte den Gashahn eines Tages zudrehen, etwa um Regierungen unter Druck zusetzen.

Es gibt Verträge, und an die muss sich auch Gasprom halten. Eine Verletzung würde enorme Sanktionen nach sich ziehen. Außerdem würde Russland eine Menge Geld verlieren, wenn es seinen Lieferverpflichtungen nicht nachkommt. Und Geld lieben sie bei Gasprom alle. Darauf will keiner verzichten.

Also macht sich eine Krise vor allem in Russland bemerkbar?

Ja, in Russland werden die Gaspreise extrem steigen. In der Industrie ist das jetzt schon der Fall, um etwa 15 Prozent jährlich. Außerdem nimmt die Korruption zu. Ein Defizit heizt die Korruption grundsätzlich an. Es heißt: Wenn du Gas willst, musst du Schmiergeld zahlen. Ich rechne mit einem blühenden Schwarzhandel.

Und in den Wohnungen werden die Menschen im Kalten sitzen, oder sie gehen gegen die Preiserhöhungen auf die Straße?

Weder noch. Für die Versorgung der Haushalte reicht die Energie. Und die Preiserhöhungen nehmen die Menschen einfach so hin. Solange alle ihr Gehalt bekommen und die Pensionen pünktlich gezahlt werden, geht in Russland niemand auf die Straße. Dafür sorgt schon die tägliche Gehirnwäsche des Staatsfernsehens.

Aber irgendwann muss die Situation doch eskalieren. Was dann?

Schuld an allem ist, dass Gasprom eine künstlich geschaffene, von der Politik kontrollierte Monopolstellung genießt. Andere russische Firmen wie Surgurneftegas oder Lukoil fördern ebenfalls Gas, doch Gasprom verweigert ihnen die Nutzung seiner Gasleitungen. Wenn es also zu einer ernsten Krise kommt, wird der Gasmarkt liberalisiert. Dann können alle Anbieter die Gasprom-Pipelines nutzen und ihre Energie verkaufen.

Sie sagen, Gasprom würde seine Konkurrenten erpressen, ihr Gas zu Billigstpreisen abzugeben. Das wiederum lohnt sich für die betroffenen Firmen nicht, so dass sie große Mengen, die bei der Erdölproduktion entstehen, lieber abfackeln.

Weil das ganze Gasprom-System Putins Erfindung ist, können sich die Unternehmen auch nicht dagegen wehren. Ihnen bleibt die Hoffnung, dass es unter dem neuen Präsidenten Dmitrij Medwedjew besser wird.

Wird es das? Medwedew ist Aufsichtsratschef von Gasprom.

Er hängt sehr von Putin ab. Und daran ändert sich nach den Wahlen im März zunächst sicher wenig. Aber Medwedjew ist ein kluger Mann. Ich denke schon, dass er den Gasmarkt früher oder später liberalisiert.

Warum investiert Gasprom nicht in seine Infrastruktur, erschließt neue Lagerstätten und erhöht seine Fördermengen?

Gasprom ist ein hochkorruptes völlig uneffektives Unternehmen. Bevor da jemand Geld in überalterte Förderanlagen investiert oder neue Lagerstätten erschlossen werden, machen sich erstmal alle die Taschen voll. Es wird so lange geklaut, bis nichts mehr geht. Deshalb ist die Krise unausweichlich.

Interview: Andreas Albes

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