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Daimler-Chrysler: Junge, komm bald wieder

Er wagte die Revolte gegen Daimler-Chef Schrempp - und musste gehen. Nun könnte Automanager Wolfgang Bernhard als Mercedes-Sanierer zurückkehren.

Dieter Zetsche, 52, ist am Ziel seiner Karriereträume: Ab Januar 2006 wird er an der Spitze von Daimler-Chrysler stehen. Zwar hat Jürgen E. Schrempp, 60, den Weltkonzern in den vergangenen zehn Jahren ziemlich lädiert, aber Zetsche können harte Sanierungsbrocken nicht schrecken.

Bei der Rettung des maroden Autobauers Chrysler in den USA hat er ein Blutbad angerichtet: 26 000 Leute entlassen, den Traditionskonzern komplett umgekrempelt - und wieder in die Gewinnzone geführt. Nun bereitet sich der Mann mit dem markanten Schnauzbart auf seinen Auftritt in der Stuttgarter Zentrale vor - und hat fünf Monate vor seinem offiziellen Arbeitsbeginn einige Weichen bereits gestellt.

Bevor der neue Boss

in der vergangenen Woche in die Ferien nach Alaska startete, vertraute er einem kleinen Kreis im Konzern eine überraschende Personalplanung an: Wolfgang Bernhard, 44, mit dem Zetsche in den USA jahrelang eng zusammengearbeitet hat, könnte im Sommer 2006 zu Daimler-Chrysler zurückkehren. Er solle dann Chef der Nobelmarke Mercedes werden. Bis dahin werde er, Zetsche, die Geschicke von Mercedes lenken. Der noch amtierende Mercedes-Chef Eckhard Cordes hatte faktisch seinen Rückritt erklärt, nachdem Zetsche zu Schrempps Nachfolger ausgerufen wurde (stern Nr. 32/2005: "Der getäuschte Eckhard").

Offiziell will Daimler-Chrysler die Personalie "nicht kommentieren". Zurzeit ist Wolfgang Bernhard noch als Chef der Marke Volkswagen unter Vertrag. Erst im Februar hatte ihn VW-Chef Bernd Pischetsrieder nach Wolfsburg geholt, zunächst als Vorstand ohne Geschäftsbereich. Seit Mai ist er als VW-Markenchef verantwortlich für Golf, Polo, Passat und Co. Auch bei VW will man zur Personalie Bernhard "keinen Kommentar" abgeben.

Bernhards Abgang

träfe den ebenfalls affärengeplagten Volkswagen-Konzern schwer. Gerade erst hatte Bernhard den Kampf gegen die viel zu hohen Produktionskosten in den deutschen VW-Werken aufgenommen und dabei erste Erfolge verbucht. Außerdem kündigte er für VW ein Modellfeuerwerk an, mit dem er Umsatz und Ertrag steigern will. Aber heimisch fühlt er sich bei VW offensichtlich noch nicht. Bernhard machte sich bisher nicht einmal die Mühe, ein Haus zu suchen und seine Familie nachzuholen.

Frau und Kind wohnen noch immer am Chrysler-Sitz Detroit, während Bernhard in Wolfsburg im Hotel nächtigt. Wolfgang Bernhard gilt als Talent in der deutschen Automobilindustrie: Der gebürtige Allgäuer, der sich sein Studium unter anderem als Straßenmusiker verdiente, verbrachte fast sein gesamtes Berufsleben bei Daimler-Chrysler.

Als junger McKinsey-Berater betreute er in den 90er Jahren den Produktionsstart der alten S-Klasse und machte dabei so viel Eindruck, dass er von Mercedes abgeworben wurde. Nach einer Station als Geschäftsführer der konzerneigenen Tuningfirma AMG schickte ihn Daimler-Chrysler-Boss Schrempp Ende 2000 zusammen mit Dieter Zetsche in die USA, um den angeschlagenen Fusionspartner Chrysler zu sanieren.

In den USA

nannten sie ihn schon bald einen "car guy", frei übersetzt: einen Autonarren, in Stuttgart bekam er den Spitznamen "James Benz" verpasst - wegen seines glatten Äußeren und der oft tödlichen Schärfe seiner Entscheidungen. Mit dem ruhigeren Zetsche verbindet Bernhard eine Freundschaft, sofern das bei Managern dieses Kalibers möglich ist. Zetsche hat das Verbindliche, das dem rastlosen Bernhard bis heute fehlt. Anfang 2004 war es genau diese Kampfeslust, die ihn aus dem Daimler-Chrysler-Universum katapultierte: Bernhard wagte im Vorstand den offenen Aufstand gegen Konzernchef Schrempp.

Es ging um neue Milliarden für die marode Mitsubishi-Beteiligung. Schrempp wurde damals überstimmt, es floss kein frisches Geld nach Japan. Doch Bernhard, der Wortführer der Revolte, musste gehen, obwohl er bereits als neuer Mercedes-Chef ausgerufen worden war. Statt seiner bekam damals Eckhard Cordes den Posten. In Stuttgart ist Bernhard bestens verdrahtet. Als neuer "Mr. Mercedes" wäre er die Idealbesetzung, um die unter Qualitäts- und Absatzproblemen leidende Nobelmarke, die er schon vor über einem Jahr öffentlich einen "Sanierungsfall" nannte, wieder flott zu machen. Das größte Handicap dabei dürfte sein angegriffenes Verhältnis zum Betriebsrat sein. Dort gilt Bernhard als "Kosten- und Personalkiller".

Die Leute im Betriebsrat

"werden ganz schön aufheulen", meint ein Konzernmann, nachdem er in Zetsches Pläne mit Bernhard eingeweiht worden war. Dafür dürfte Bernhard das Wohlwollen der Aktionäre sicher sein: Wie hoch die Mitarbeit des furiosen Managers in einem Autokonzern von Anlegern eingeschätzt wird, zeigt der imposante Kursanstieg der Volkswagen-Aktie am Tag seiner Berufung vor einem knappen Jahr: plus acht Prozent. Bei Zetsches Getreuen fand die Personalie großen Zuspruch.

Zetsche jedenfalls verabschiedeten sie gut gelaunt in den Urlaub. Noch einmal will der künftige Boss des Weltkonzerns die Weite des amerikanischen Kontinents genießen, bevor er in Bullshit-Castle (so hatte Vorgänger Schrempp die Zentrale in Stuttgart-Möhrigen abschätzig genannt) aufräumt.

Jan Boris Wintzenburg, Rainer Nübel / print