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Deflationsgefahr: Eichel: "Unverantwortliches Gerede"

Die Gefahr einer Deflation in Deutschland wird nach Angaben von Politikern, Wirtschaftsforschern und Gewerkschaftern immer größer. Bundesfinanzminister Eichel nannte Deflations-Spekulationen "unverantwortliches Gerede".

Politiker, Wirtschaftsforscher und Gewerkschafter haben vor einer Deflation in Deutschland gewarnt. Angstsparen, fallende Preise und ein starker Euro könnten die Wirtschaft weiter lähmen, erklärten mehrere Experten am Wochenende. Allerdings gab es auch Gegenstimmen, die in der aktuellen Lage Chancen sehen. Bundesfinanzminister Hans Eichel nannte Deflations-Spekulationen "unverantwortliches Gerede". Deflation gebe es nur, wenn die Preise auf breiter Front fielen. "Das ist nicht der Fall", sagte er der "Welt am Sonntag".

"Wirklich dramatische Entwicklung"

"Wer die Sorge vor einer Deflation wegwischt, ist in meinen Augen leichtfertig", sagte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, laut "Tagesspiegel am Sonntag". Der Euro werde weiter steigen und Druck auf die Preise ausüben. Er halte das für eine "wirklich dramatische Entwicklung", sagte der Experte. Der luxemburgische Zentralbankpräsident Yves Mersch, der dem erweiterten EZB-Rat angehört, sagte laut "Welt am Sonntag", es könne durchaus sein, dass Deutschland in den nächsten zwölf Monaten eine Deflation bekomme. Vermutlich werde diese aber nur vorübergehend sein. Besorgt äußerte sich Mersch über den raschen Anstieg des Euros. Er schloss eine baldige Zinssenkung nicht aus.

Ver.di-Chef Frank Bsirske betonte, die Gefahr einer "schleichenden Deflation" sei "außerordentlich ernst zu nehmen. Wenn jetzt auch der Internationale Währungsfonds auf das Deflationsrisiko hinweise, "dann gibt es allen Grund gegenzusteuern", sagte er laut "Welt am Sonntag".

Grüne: Hin und Her muss aufhören

Die Bundestags-Finanzausschuss-Vorsitzende Christine Scheel (Grüne) forderte nach Angaben des Blattes, das Hin und Her um immer neue Vorschläge müsse aufhören. Wenn jetzt wirklich Strukturreformen kämen, fassten die Menschen wieder Vertrauen, das Angstsparen höre auf, und es werde wieder mehr gekauft. Nach den Reform-Parteitagen von SPD und Grünen werde niemand mehr über Deflationsgefahr reden.

"Deutliche Zeichen einer Deflation" sieht der Zeitung zufolge der CSU-Mittelstandspolitiker Hans Michelbach. Die Talfahrt dauere so lange, bis Vertrauen in die Politik zurückkehre. Auch FDP-Finanzexperte Carl Ludwig Thiele mahnte, die Menschen wollten jetzt Taten sehen, nicht erst in einer Agenda für das Jahr 2010. "Deutschland ist bereits in einer Deflation", sagte Thiele und gab Rot-Grün die Schuld.

EZB-Direktor erwartet Aufschwung

Dagegen sagte EZB-Direktor Otmar Issing dem Sender N-TV, die EZB habe bisher keinen Beweis dafür, dass die Gefahr einer Deflation real sei. Zudem habe man alle Möglichkeiten, mit Zinssenkungen zu reagieren. Issing äußerte jedoch die Sorge, dass aus den derzeitigen Spekulationen Entwicklungen resultierten, für die es keinen Anlass gebe. Grundsätzlich stütze der Rückgang der Inflation die Kaufkraft. Es fehle aber noch am Vertrauen von Verbrauchern und Investoren. Er rechne aber damit, dass die Wirtschaft ab der zweiten Jahreshälfte "wieder besser läuft".

Auch Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise sieht mehr Chancen als Gefahren für die Konjunktur in Deutschland. Die Tatsache, dass die Importpreise sänken, sei noch kein Indiz für ein Deflation, sagte er der "Berliner Zeitung". Auch Heise betonte, dass Privathaushalte durch die Euro-Aufwertung mehr Kaufkraft hätten. Die niedrigeren Import-Preise könnten die Menschen animieren, mehr zu konsumieren und damit das Wachstum anzukurbeln.