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E-Zigaretten boomen: Kampf um Raucher: Dampfst du schon oder rauchst du noch?

Zigaretten sind ungesund, teuer - und bekommen ernsthaft Konkurrenz. Der Markt der E-Zigaretten boomt. Das haben auch die großen Tabakkonzerne begriffen - und mischen beim eigentlichen Erzfeind mit.

Rauchen: E-Zigaretten boomen

E-Zigaretten boomen - das wissen auch die Tabakkonzerne und mischen auf dem Markt mit.

Erst das fauchende Geräusch, ein bisschen wie Darth Vader. Dann strömt eine stattliche Dampfwolke aus der kleinen Öffnung. Nein, die E-Zigaretten können mit dem lässigen Image der dauer-qualmenden Marlboro-Cowboys von früher nicht mithalten. Dennoch: E-Zigaretten boomen. 

In diesem Jahr wird der Umsatz von E-Zigaretten in Deutschland um 45 Prozent auf rund 400 Millionen Euro steigen, so schätzt der Verband des eZigarettenhandels. Bislang war man von einem Plus von 30 Prozent ausgegangen. Schon in den vergangenen Jahren wuchs der Markt mit richtig Tempo. Innerhalb von fünf Jahren hat sich der Umsatz mit elektrischen Zigaretten von fünf Millionen Euro auf 275 Millionen Euro (2015) gesteigert. Inzwischen gibt es mindestens 3,5 Millionen E-Zigarettenraucher in Deutschland.

Immer weniger Raucher

Zeitgleich werden immer weniger Tabakzigaretten verkauft. Im dritten Quartal 2016 sind laut Statistischem Bundesamt 11,3 Prozent weniger Zigaretten versteuert worden. Ein Grund für den weiteren Raucherschwund sind auch die Schockbilder, so die Statistiker. Zunächst hatte es Anfang 2016 einen Anstieg gegeben - den allerdings werten die Experten als Vorratsproduktion. Die Tabakhersteller hatten mehr produziert, denn die Schachteln ohne Schockbilder dürfen noch ein Jahr lang verkauft werden. Auf lange Sicht ist der Trend allerdings klar: Wurden im Jahr 2000 noch mehr als 139 Milliarden Zigaretten verkauft, sind es 2015 nur noch gut 81 Milliarden - ein Wert der seit 2012 stabil ist. Aber Tabakzigaretten sind sicherlich kein Wachstumsfeld mehr.

Wissenschaft schnell erklärt : E-Zigarette: Gesunde Entwöhnung oder pures Gift?

Jugendliche finden Rauchen uncool

Rauchen ist unmodern geworden, immer weniger Jugendliche greifen zur Kippe. "Das Rauchen gehört in Deutschland längst nicht mehr zum Lebensgefühl junger Menschen", sagt die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler. Und auch ältere Raucher gewöhnen sich um - und greifen zunehmend zur E-Zigarette. Die größte Käufergruppe sind Männer und Frauen ab 35 Jahre, so der Verband des eZigarettenhandels. Diese Entwicklung sehen auch die Tabakkonzerne. Auch sie drängen auf den Markt für elektrisches Qualmen - und wildern quasi bei der Konkurrenz.


So brachte der weltgrößte Tabakkonzern, die Altria Group, die unter anderem Marlboro oder L&M produziert, 2014 die MarkTen auf den Markt. Reynolds American, Hersteller von Camel, Winston und American Spirit, brachte im gleichen Jahr die E-Zigarette Vuse heraus. Anfang 2016 startete auch British American Tobacco (BAT) mit dem Vype ePen in den E-Kippen-Markt. "Die E-Zigarette wird Marktanteile dazugewinnen", sagt Jan Mücke, Geschäftsführer des Deutschen Zigarettenverbands. Ob nun klassische E-Zigaretten oder die neueste Idee - ein elektrischer Stift, in dem Tabak erhitzt, aber nicht verbrannt wird: Für die großen Tabakkonzerne würden diese Neuerungen eine signifikante Rollen spielen, meint Mücke. 

Die Konzerne haben spät reagiert. Doch inzwischen fassen sie Fuß auf dem Markt, den sie anfangs bekämpften. Nun gibt BAT Pressemitteilungen heraus, die einen Bericht im British Medical Journal (BMJ) zitieren. Darin heißt es, dass es "in England eine positive Korrelation zwischen dem vermehrten Konsum von E-Zigaretten und der Anzahl der erfolgreichen Versuche, [mit dem Rauchen] aufzuhören" bestehe. 

Dampfen statt rauchen - Studien fehlen

Das Geklapper für die E-Zigarette von einem Tabakkonzern überrascht wenig, zu aktiv sind die Unternehmen inzwischen in diesem Segment. Und brauchen die Werbetrommel - denn die E-Zigaretten stehen weiterhin in der Kritik. Klar ist, dass durch das Rauchen von Tabakzigaretten mehr schädliche Stoffe in den Körper gelangen als bei einer nikotinhaltigen E-Zigarette. Das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg sieht E-Zigaretten dennoch skeptisch: Sie erhielten das Rauchverhalten aufrecht, seien gesundheitlich bedenklich, untergraben die Tabakprävention und seien kein anerkanntes Mittel, um mit Rauchen aufzuhören. 

Das Bundesamt für Risikobewertung stuft die nikotinhaltigen wie auch nikotinfreien E-Zigaretten als "keine unschädlichen Erzeugnisse" ein. Die Risiken für die Gesundheit bestünden durch das Einatmen des Dampfes, unabhängig davon, ob der Nikotin enthalte oder nicht. Die Stiftung Warentest durchforstete 2015 allerlei Studien zu dem Thema. "Nach jetzigem Forschungsstand schadet Dampfen weniger als Rauchen", so das Urteil der Warentester. Doch das Suchtpotenzial sei nicht zu unterschätzen - und: Es fehlen Langzeitstudien. 

Wie schädlich sind E-Zigaretten?

Die Flüssigkeiten in den E-Zigaretten heißen Liquids und bestehen unter anderem aus Propylenglykol, Glyzerin, Aromen und teilweise auch Nikotin. Wie sie sich auf den Körper auswirken, kann noch nicht gesagt werden. Klar ist, dass das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft die Flüssigkeiten stärker regulieren will.

Ab 2017 könnte ein Mentholverbot für E-Zigaretten-Liquids kommen. Das würde die Branche empfindlich treffen, denn rund zwei Drittel des Gesamtumsatzes wird mit den Liquids erzielt und bei 50 bis 60 Prozent der im Handel befindlichen Liquids wird Menthol als geschmacksbildende Komponente verwendet. "Menthol ermöglicht die Reduktion der Nikotinkonzentration der Liquids. Basierend auf meiner langjährigen Erfahrung empfehle ich umstiegswilligen Rauchern, die mich um Rat fragen, stets die Verwendung eines mentholhaltigen Liquids", sagt Bernd Mayer, Leiter des Bereichs Pharmakologie und Toxikologie am Institut für Pharmazeutische Wissenschaften in Graz und Sachverständiger für elektrische Zigaretten im Deutschen Bundestag.

Sogar das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht Menthol weniger kritisch als das Gesundheitsministerium. "Im Gegensatz zu Tabakzigaretten setzen E-Zigaretten keine reizenden und irritierenden Verbrennungsprodukte frei. Eine durch Menthol erleichterte Inhalation ist bei diesen Produkten daher deutlich weniger relevant als bei Tabakzigaretten", sagte eine Sprecherin dem "Handelsblatt".

E-Zigaretten-Hersteller fürchten Überregulierung

E-Zigaretten mögen weniger schädlich sein als normale Tabakzigaretten - doch negative Auswirkungen auf den Körper bleiben. Als Ersatz zum Tabakkonsum oder zur Entwöhnung werden sie positiv gesehen, als niedrigschwelliger Einstieg in die Raucherkarriere werden sie kritisiert - gerade wenn es um jugendfreundliche Aromen wie Waldmeister oder Erdbeere geht.

Auf die Hersteller, meist mittelständische Unternehmen wie Posh Global, XEO, Innocigs oder EX-Trade, kommen wie auf die großen Tabakkonzerne neue Regulierungspläne zu. Wird aus der Idee Gesetz, haben die Hersteller ein großes Problem. Die entscheidenden Verhandlungen im Gesundheitsministerium sollen bereits im kommenden Monat stattfinden.