HOME

Eklat bei EADS: Neuer Chefkontrolleur schwänzt eigene Wahl

Der Chef fehlte: Der neue Mann an der Spitze des EADS-Verwaltungsrats hat sein Mandat mit einem Eklat begonnen. Arnaud Lagardère hatte Wichtigeres zu tun, als seiner Wahl beizuwohnen.

Ein leerer Stuhl und betretene Gesichter: Der Führungswechsel bei Europas größtem Luft- und Raumfahrtkonzern EADS ist von einem handfesten Eklat überschattet worden. Ausgerechnet der künftige Chefkontrolleur Arnaud Lagardère schwänzte am Donnerstag die Hauptversammlung in Amsterdam. Er wolle dem Vorgänger nicht die Show stehlen, ließ der schillernde Franzose Journalisten ausrichten.

Genau das tat er jedoch mit seinem überraschenden Fernbleiben. Seit Monaten steht der Wechsel des Vorstands- und Verwaltungsratsvorsitzes fest. Durch die Absage Lagardères wurde die Stabübergabe an der Vorstandsspitze fast zur nebensächlichen Formalie. Dem neuen Chef Thomas Enders (53) und seinem Vorgänger Louis Gallois (68) blieb nichts anders übrig, als die Peinlichkeit mit einem Lächeln zu überspielen. Auch Daimler-Finanzchef Bodo Uebber - der das "entschuldigte Fernbleiben" Lagardères verkündete - hatte sich wohl eine andere Amtsübergabe gewünscht. Der 52 Jahre alte Deutsche war in den vergangenen drei Jahren als EADS-Verwaltungsratschef der Chefkontrolleur des Riesenkonzerns.

Multi-Millionär mit schillerndem Leben

Der Übergang von Uebber zu Lagardère dürfte einen echten Epochenwechsel einleiten. Der 51 Jahre alte Franzose gilt als ebenso schillernde wie lebenslustige Größe in der europäischen Wirtschaftsszene. Er erbte 2003 von seinem Vater Jean-Luc den größten französischen Medienkonzern, der zugleich 7,5 Prozent an EADS hält. Dieses schwergewichtige Anteilspaket sowie ein komplexes deutsch-französisches Machtverteilungssystem sicherte ihm jetzt den Top-Posten.

Mehr Schlagzeilen als mit wirtschaftlichen Erfolgen machte Lagardère junior allerdings bislang mit seinem Privatleben. Immer wieder wird dem smarten Multi-Millionär vorgeworfen, sich all zu sehr auf seine Sportleidenschaft zu konzentrieren und das Medien- und Verlagsgeschäft ohne klaren Kurs schleifen zu lassen. Dem Unternehmen gehören Titel wie die Frauenzeitschrift "Elle", die Rechte an Asterix oder der Radiosender Europe 1.

Entmachtung des "Hofnarren" gescheitert

Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte die Kritik im vergangenen Sommer. Der stets gut gebräunte EADS-Großaktionär ließ sich da von einem Team des belgischen Klatschblatts "Le Soir Magazine" beim Turteln mit seiner rund 30 Jahre jüngeren Model-Freundin Jade Foret filmen. Selbst befreundete Manager schüttelten ungläubig den Kopf. "Dieser Film ist lächerlich, bestürzend, beunruhigend", kommentierte damals das Wirtschaftsblatt "La Tribune".

Der US-Investor Guy Wyser-Pratte bezeichnete den Franzosen als "Hofnarr" und als Manager, der nicht auf der Höhe des Geschehens sei. Er hatte sich bereits 2010 mit dem Franzosen angelegt. Weil er um den Wert seiner Beteiligung am Lagardère-Konzern fürchtete, wollte er den Unternehmens-Erben auf der Hauptversammlung über eine Statut-Änderung entmachten lassen. Das Projekt scheiterte allerdings - trotz einer seit Jahren enttäuschenden Entwicklung des Aktienkurses.

Thomas Enders als Gewinner?

Der Betroffene bezeichnete Gerüchte über sein mangelndes Interesse am Wirtschaftsleben mehrfach als lächerlich. Sein Privatleben bringe weder ihn selbst noch das Unternehmen in Gefahr, versuchte er vor wenigen Tagen die Lagardère-Aktionäre zu beruhigen. Er werde seine Freundin Jade sehr bald heiraten und erwarte im September ein Kind mit ihr. Das private Glück habe ihn im Berufsleben noch stärker gemacht. "Wenn ich gewusst hätte, dass es veröffentlicht wird, hätte ich das niemals akzeptiert", sagte Lagardère bereits im vergangenen Jahr der Wirtschaftszeitung "Les Echos" zu dem mittlerweile knapp 1,9 Millionen Mal angeklickten Internet-Video.

Die Zweifel an seiner Eignung als EADS-Verwaltungsratschef sind bis heute geblieben. Kritiker verweisen vor allem darauf, dass Lagardère bereits mehrfach betont hat, sich mittelfristig von seiner 7,5-prozentigen Beteiligung an dem Luftfahrt- und Rüstungskonzern trennen zu wollen. Dieser Entschluss stehe allerdings keineswegs im Widerspruch zu seinem Führungsanspruch im EADS-Verwaltungsrat, betont Lagardère immer wieder. Der Rückzug werde nicht vor der erfolgreichen Einführung des neuen Airbus-Langstreckenflugzeugs A350 erfolgen.

Großer Gewinner des "Falls Lagardère" könnte nach Meinung von Insidern der frühere Airbus-Boss Thomas Enders werden. Mit dem Wechsel an die Vorstandsspitze des Mutterkonzerns EADS dürfte ihm ein umstrittener und damit geschwächter Chef des Kontrollgremiums zu Gute kommen. Allerdings gibt es noch Lagardères Landsmann Jean-Claude Trichet. Der frühere Präsident der Europäischen Zentralbank wird als einer der neuen starken Männer im Verwaltungsrat gesehen.

Ansgar Haase, DPA / DPA