Emissionshandel Müll für den Umweltschutz


Gut die Hälfte der deutschen Haushaltsabfälle könnte zur umweltschonenden Energiegwinnung genutzt werden. Neue Aufbereitungstechniken machen Brennstoff aus Müll auch wirtschaftlich attraktiv.
Von Rolf-Herbert Peters

Rennerod im Westerwald. In der Müllaufbereitungsanlage greift Eberhard Grüneklee in einen säuerlich riechenden Haufen aus grau-bunten Flocken. Genüsslich lässt er sie durch die Finger rieseln. "Das ist richtig guter Brennstoff", triumphiert der promovierte Bodenchemiker. Eine Woche zuvor war die Trockenmasse noch pampiger, stinkender Hausmüll.

Grüneklee leitet die Entwicklungsabteilung

der Entsorgungsfirma Herhof mit Stammsitz in Solms. Die Hessen veredeln den gesamten Müll des Westerwaldkreises - 100.000 Tonnen jährlich - zu Brennstoff. Zudem haben sie Städte wie Dresden, Trier und Venedig unter Vertrag. Der Abfall wird zunächst zerhackt und sieben Tage lang getrocknet. Dann schleusen Computer-gesteuerte Maschinen Recyclingmaterial heraus: Eisen, Buntmetalle, Batterien, aber auch Porzellan, Ton und Glas. Der Rest, rund die Hälfte der ursprünglichen Müllmenge, bleibt als Futter für Industrieöfen übrig.

Das so genannte Trockenstabilat brennt fast so ergiebig wie Braunkohle, belastet die Umwelt aber deutlich weniger mit dem Treibhausgas Kohlendioxid. Denn es besteht zu rund drei Vierteln aus Biomasse wie Salatblättern oder Kaffeefiltern, Baumwollsocken oder Holzlöffel, Brotkrusten und Zeitungsschnipsel. Was deren Grundstoff, die Pflanzen, im Laufe ihres Lebens an Kohlendioxid absorbiert haben, geben sie beim Verbrennen wieder ab - ein natürliches Nullsummenspiel.

Bis vor wenigen Jahren war Kohlendioxid kein Thema, und die Industrie fürchtete versteckte Schadstoffe im Stabilat - Herhof blieb auf seiner Produktion sitzen. Doch jetzt stehen die Einkäufer Schlange. Denn seit dem 1. Januar ist das Emissionshandelsgesetz in Kraft (siehe "Mehr zum Thema"). Nun müssen Kohlendioxid-Schleudern wie Kohlekraftwerke, Zementfabriken oder Papierhersteller den Ausstoß des Klimakillers deutlich senken. Der emissionsarme Brennstoff kommt ihnen hierfür gerade Recht. "Wir können die Nachfrage nicht mehr stillen", sagt Herhof-Vertriebschef Andreas Puchelt.

Für den Kraftwerkskonzern Vattenfall etwa,

den Betonhersteller Readymix oder den Zewa-Hersteller SCA, die alle an Trockenstabilat glauben, kann der kalorienreiche Kehricht bares Geld bedeuten. Für jede Tonne Kohlendioxid, die bei der Produktion anfällt, benötigen sie künftig einen Berechtigungsschein. Allein Vattenfalls Braunkohlekraftwerk Jänschwalde bläst täglich bis zu 80.000 Tonnen Kohlendioxid in den Himmel.

Zwar liefert das Umweltbundesamt allen Betroffenen eine kostenlose Grundausstattung an Zertifikaten. Doch die können schnell aufgebraucht sein, etwa wenn die Produktion steigt. Umgekehrt dürfen Betriebe nicht benötigte Scheine an bedürftige Unternehmen weiterverkaufen - ein lukratives Zusatzgeschäft. Außerdem müssen Kunden den Brennstoff - bislang - nicht zahlen, sondern erhalten pro Tonne bis zu 30 Euro von Herhof - als Lohn für die Müllentsorgung.

Der renommierte Wissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker, Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, hält die Produktion von Stabilat "nicht nur für ökonomischer, sondern auch für viel vernünftiger als die konventionelle Müllverbrennung - schon deshalb, weil Schwermetalle vorab ausgeschieden werden."

Obwohl alles für Brennstoff aus Müll spricht,

ist er ein knappes Gut. Rund eine Million Tonnen werden pro Jahr fabriziert - theoretisch könnte die Hälfte der 35 Millionen Tonnen deutschen Siedlungsabfälle Energie erzeugen. Teure Primärenergiequellen wie Kohle, Öl oder Gas würden geschont, die Müllmenge reduziert. Doch noch fehlt eine Lobby. Kommunalpolitiker lassen ihren Abfall lieber in Deponien verbuddeln oder in Müllverbrennungsanlagen (MVA) verfeuern. Diese Vorliebe ist doppelt ungesund für das Klima: Aus den stinkenden Halden diffundiert Methan - das Gas trägt 21 Mal stärker zur globalen Erwärmung bei als Kohlendioxid.

Ab dem 1. Juni 2005 darf unbehandelter Abfall nicht mehr in der Landschaft vergraben werden. Es wird allerdings wohl jede Menge Ausnahmegenehmigungen geben, und der Großteil des vormals deponierten Unrats landet dann unsortiert in den 58 MVA der Republik.

Eftstadt bei Köln. Thomas Glorius betritt die Lagerhalle der Aufbereitungs- und Konditionierungsanlage für energiereiche Abfälle (AKEA). "Das ist unsere weiße Kohle", strahlt er und zeigt auf die Berge von Müllspreu, der in hausgroßen Bunkern lagert. Glorius ist Entwicklungschef für Sekundärbrennstoffe bei der RWE Umwelt AG, die kürzlich vom Lünener Entsorgungskonzern Rethmann gekauft wurde. Der Doktor der Energieverfahrenstechnik lässt den Hausmüll mit Infrarotsensoren und lernfähigen Computern analysieren. Luftdüsen, Rüttelsiebe und andere Abscheider lesen anschließend Wertstoffe aus, übrig bleibt ein nachweislich schadstoffarmer Brennstoff namens SBS. "Dank des hohen biogenen Anteils", sagt Glorius, "sind wir mit SBS bei der Emission von Kohlendioxid allen fossilen Brennstoffen überlegen, selbst dem Erdgas."

Mit dem Verfahren könnte sogar der gelbe Sack

in die graue Tonne: Die RWE-Maschinen sortierten in einem Großversuch zwanzig Mal mehr Energieträger und fünfmal mehr Recycelmaterial aus dem Hausmüll als Menschenhände.

Auf den Müll mit dem gelben Sack, fordern deshalb mehr und mehr Fachleute. "Die heimische Trennung ist, von Altpapier einmal abgesehen, völlig ineffizient", sagt Ludwig Leible vom Institut für Technologiefolgenabschätzung und Systemanalyse.

Herhof-Vertriebschef Puchelt bemängelt vor allem, dass fast die Hälfte des Sammelguts mit dem Grünen Punkt in der Müllverbrennung landet, weil es verunreinigt ist. Die neue Technik werde sogar damit fertig. Selbst die schadstoffreichen Mülldeponien ließen sich zurückbauen. Herhof hat seine Maschinen bereits mit Dreck aus der alten Halde in Rennerod gefüttert. Hinten heraus kamen tonnenweise verwertbare Stoffe - und ein großer Haufen Brennstoff.


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