HOME

Estland: Die EU brachte Stabillität

Estland wird neuerdings in einem Atemzug mit Hongkong, Singapur oder Luxemburg genannt. Kein Wunder - der EU-Neuling gilt weltweit als einer der Staaten, der Unternehmen die größtmögliche Freiheit einräumt.

Das neueste Handymodell dicht ans Ohr gedrückt, grelles Krawattenmuster, Business-Lächeln - rein äußerlich könnte Ivo Hanilov auch in Paris oder Boston Geschäfte machen. "Aber hier in Estland läuft es doch ausgezeichnet", sagt der 33-jährige Jungunternehmer, der mit Immobilien handelt und hofft, "bald ein Call-Center zu gründen". Für Politik interessiert sich Hanilov "eigentlich nicht, warum auch?" Estland gilt weltweit als einer der Staaten, der Unternehmern größtmögliche Freiheit einräumt. Das "Wall Street Journal" nennt die baltische Minirepublik diesbezüglich in einem Atemzug mit Hongkong, Singapur und Luxemburg.

Niedrige Steuern ziehen Kapital an

Die Weltbank sieht in und um Tallinn (ehemals: Reval) die niedrigsten Steuern Europas, ausländische Investoren haben bereits Milliarden von Euro, Dollar und Rubel in das Land gebracht. Internet-Erfolgsgeschichten wie Hotmail und die umstrittene Musik-Tauschbörse KaZaa haben hier ihren Ursprung. 2004 legte das Bruttoinlandsprodukt um etwa sechs Prozent zu, der Durchschnittslohn von derzeit knapp 500 Euro ist der höchste der Region. "Uns geht's prima", meint Hanilov.

Und dann - typisch estnisch - gehen die Mundwinkel nach unten. "Russen", beginnt der studierte Ökonom: "Ach, eigentlich will ich nichts dazu sagen." 1,4 Millionen Einwohner hat Estland, und knapp ein Drittel sind ethnische Russen. Bis heute, 14 Jahre nachdem die ehemalige Sowjetrepublik ihre Unabhängigkeit wiedererlangt hat, ist jeder neunte davon ein so genannter "Staatenloser", jeder fünfte spricht fast kein Estnisch.

Ethnische Probleme mit Russen

Solche Parallelgesellschaften werfen Schatten auf die wunderbaren Daten der Volkswirtschaft. Im Kabinett sitzt ein Integrationsminister schräg gegenüber dem Kollegen von der Abteilung Wirtschaft. Staatspräsident Arnold Rüütel hat erst kürzlich eine Einladung nach Moskau ausgeschlagen, für normale bilaterale Beziehungen zwischen der ehemaligen Okkupationsmacht und der Baltenrepublik ist die Zeit offensichtlich noch nicht reif.

Ein Grenzvertrag wartet seit vielen Jahren auf Ratifizierung, noch immer gelten für estnische Exporteure an der Grenze zu Russland höhere Zölle als für andere Nationalitäten. Regelmäßig provozieren einflussreiche russische Politiker mit Vorwürfen, dass die slawische Minderheit in Estland diskriminiert werde.

Potenzial Richtung Osten unerschlossen

Im Außenministerium antwortet man diplomatisch gewandt: "Wir haben zuerst die Auflagen, dann auch fast alle Empfehlungen von EU, OSZE, UN und Europarat umgesetzt." Tatsächlich weisen die Statistiken nahezu keine Emigrationsbewegung in Richtung Riesennachbar Russland auf, obwohl - geschätzt - immer noch jeder sechste Einwohner einen russischen Pass sein Eigen nennt. "Nach Russland will eben keiner", sagt nicht nur Hanilov. Wirtschaftsanalysten wie etwa von der Weltbank weisen dennoch immer wieder auf das Potenzial hin, das Estland in Richtung Osten erschließen könnte.

Jakob Lemke/DPA / DPA