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Eurokrise Was der deutschen Wirtschaft Angst und Mut macht


Die Konjunktur hat an Schwung verloren. Doch Deutschland steht besser da als der Rest Europas - noch. Was unsere Wirtschaft jetzt bremsen könnte und worauf sie hoffen darf.

Deutschland hat sich im zweiten Quartal erneut vom Abwärtstrend in Europa abgekoppelt. Während das Bruttoinlandsprodukt in der Eurozone um 0,2 Prozent schrumpfte, wuchs die deutsche Wirtschaft um 0,3 Prozent. Allerdings mehren sich die Hinweise darauf, dass auch Europas größte Wirtschaftsmacht in der zweiten Jahreshälfte in den Abwärtsstrudel geraten könnte. Die Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten sind auf den tiefsten Stand in diesem Jahr gesunken. Der entsprechende Index des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) fiel im August zum Vormonat um 5,9 Punkte auf minus 25,5 Zähler. Volkswirte hatten dagegen mit einer leichten Erholung auf minus 19,3 Punkte gerechnet.

stern.de zeigt, was der deutschen Wirtschaft Angst und Mut macht:

Die Angstmacher:

Schuldenkrise: Von der Misere in den anderen Euroländern wird sich Deutschland nicht dauerhaft abkoppeln können. Erste Warnsignale gibt es bereits: Die Unternehmen investierten im Frühjahr bereits das zweite Quartal in Folge weniger in Maschinen, Fahrzeuge und andere Ausrüstungen. Sie scheuen angesichts des ungewissen Ausgangs der Eurokrise größere Ausgaben. Das dämpft Wachstum und Beschäftigung. "Die Schuldenkrise in einigen Ländern des Euroraums wirkt erneut belastend, schürt Verunsicherung und führt zu Zurückhaltung in der Wirtschaft", warnt das Bundeswirtschaftsministerium.

Weltkonjunktur:

Auch in der Weltwirtschaft knirscht es gleich an mehreren Ecken. China droht in diesem Jahr das langsamste Wachstum seit mehr als einem Jahrzehnt, Brasiliens Boom hat sich überraschend abgeschwächt, Indien wird durch Stromausfälle immer wieder lahmgelegt und die weltgrößte Volkswirtschaft USA kommt wegen der hartnäckig hohen Arbeitslosigkeit auch nicht richtig in Schwung. "Die Erholung der Weltwirtschaft bleibt fragil", fürchtet das Wirtschaftsministerium. Für die exportabhängige deutsche Industrie sind das keine guten Nachrichten. Ihre Auslandsaufträge fielen im Juni bereits um 1,5 Prozent.

Inflation:

Mit 1,7 Prozent ist die deutsche Teuerungsrate so niedrig wie seit Herbst 2010 nicht mehr. Doch viele Experten sagen einen kräftigen Anstieg voraus. Erste Vorboten dafür gibt es bereits: Benzin ist wieder merklich teurer geworden. Auch viele Waren des täglichen Bedarfs kosten deutlich mehr - darunter eine Reihe von Lebensmitteln, für die die Verbraucher wegen Dürre und Missernten in vielen Staaten tiefer in die Tasche greifen müssen. Im Juli kostete Mehl fast ein Drittel mehr, Zucker gut ein Fünftel mehr. Experten rechnen deshalb damit, dass die Teuerungsrate im Herbst wieder über der Zwei-Prozent-Marke liegen wird, bis zu der die Europäische Zentralbank (EZB) von stabilen Preisen spricht.

Da die EZB jede Menge billiges Geld in die Wirtschaft gepumpt hat, droht eine weitere Geldentwertung. "Das bildet mittelfristig den Boden für deutlich höhere Inflationsraten", warnt Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel.

Die Mutmacher:

Die Europäische Zentralbank: Die EZB will eine neue Eskalation der Eurokrise verhindern. "Innerhalb unseres Mandats ist die EZB bereit, alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu erhalten", kündigte ihr Präsident Mario Draghi an. "Und glauben Sie mir, das wird ausreichen."

An den Finanzmärkten kam das Signal an: Eurokurs und Aktienmärkte haben seither zugelegt. Besonders mit Anleihekäufen von Krisenstaaten wie Spanien und Italien kann die EZB das dortige Zinsniveau senken und den Regierungen Zeit kaufen, bis die eingeleiteten Wirtschaftsreformen zu fruchten beginnen. "Wir gehen davon aus, dass die EZB hier mit ihrem Signal für einen Anleihekauf die Wende eingeleitet hat", sagt Ökonom Christian Schulz von der Berenberg Bank.

Euro:

Der schwächelnde Euro kommt für die Exporteure zur rechten Zeit. Er macht ihre Produkte auf den Wachstumsmärkten in Asien, den Golfstaaten und Lateinamerika billiger, ebenso in den USA. "Das gibt neue Impulse", sagt der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier.

Da die EZB ihren Leitzins von 0,75 Prozent weiter senken dürfte, rechnen viele Experten mit einem fallenden Wechselkurs. Das macht Investition aus Übersee in der Währungsunion attraktiver, weil günstiger. Wer wiederum in Europa investieren will, kommt schwerlich an Deutschland vorbei. Die Bundesrepublik gehört als einziger Eurostaat zu den zehn wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt, fand die Schweizer Business School IMD bei einer weltweiten Umfrage unter Tausenden Geschäftsleuten heraus.

Nach einer Umfrage der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young unter 400 großen und mittelständischen Unternehmen in China ist Deutschland in Europa das mit großem Abstand begehrteste Ziel für Investitionen und Zukäufe.

Bauboom:

Baugeld ist in Deutschland so billig wie nie. Deshalb erlebt die Bundesrepublik einen Bauboom. 2011 wurden rund 15 Prozent mehr Wohnungen fertiggestellt. Und die Tendenz ist weiter steigend. Im ersten Quartal zog die Bauindustrie 12,5 Prozent mehr Aufträge an Land als ein Jahr zuvor. "Die ausgesprochen gute Lage am Bau strahlt auf andere Wirtschaftsbereiche aus", sagt die Bundesbank.

Davon dürften auch andere Branchen profitieren, etwa das Handwerk und baunahe Dienstleister. "Hinzu kommen Konsumausgaben im Zusammenhang mit dem Bezug neuer Wohnungen und Eigenheime." Die weiter schwelende Krise dürfte die Zinsen noch eine Weile extrem niedrig halten und den Bauboom verlängern.

fro/Reuters Reuters

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