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Fußball-WM: Neuer Fernseher statt Urlaub?

Die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Sommer in Deutschland wird zwar wirtschaftlich ein milliardenschweres Großereignis. Doch die Touristikbranche stellt sich auf Probleme ein.

Hotels und Gaststätten in Deutschland hoffen auf einen ordentlichen Umsatzschub vor und während des Fußballfestes vom 9. Juni bis 9. Juli. Doch für die großen Reiseveranstalter wie TUI, Neckermann aus dem Thomas Cook-Konzern und andere bestehen erhebliche Risiken. In internen Marktforschungen heißt es zwar, dass mehr als 60 Prozent der als "Reiseweltmeister" bekannten Deutschen ihre Urlaubsplanung nicht von "König Fußball" abhängig machen würden. Doch kolportiert werden auch Studien, denen zufolge in den WM-Wochen gerade einmal acht Prozent der Bundesbürger verreisen würden.

"Die Reisebranche erwartet, dass durch die Fußball-WM mancher Deutsche zu Hause bleibt, anstatt zu verreisen", räumt der Deutsche Reiseverband (DRV) ein. Dies dürften nicht nur eingefleischte Fußballfans sein. "Da wird es viele Betriebe geben, die eine Urlaubssperre verhängen dürften: Gaststätten, Hotels, andere Zulieferer, auch Taxi- und Transportunternehmen", sagt Detlef Altmann, Chef von Neckermann Flugreisen.

Urlaub für Fußballmuffel

Der DRV rechnet aber nicht mit einem Verzicht auf Urlaub, sondern nur mit einer zeitlichen Umverteilung. Daher bleibe es auch bei der Wachstumsprognose von vier bis fünf Prozent für das Gesamtjahr. "Der Juni gehört traditionell sicher noch nicht zur Hochsaison. Aber wenn in dieser Zeit vielleicht 500.000 Urlauber aus Deutschland fehlen, kann das für die Branche schon ein Problem werden", sagt ein Touristik-Manager.

Die von Veranstaltern wie Neckermann oder der Rewe-Gruppe (ITS, Tjaereborg) oder Alltours angekündigten Sonderangebote bestätigen diese Sorgen. Marktführer TUI will an diesem Wochenende sein Sommerprogramm und dabei auch die WM-Strategie präsentieren. Es gilt zu verhindern, dass zu viele Deutsche zur WM-Zeit auf eine Urlaubsreise verzichten. Schlimmer wäre noch, wenn der Urlaubstrip nicht nur verschoben oder vorgezogen würde, worauf die Branche hofft, sondern zu Gunsten eines teuren neuen Fernsehers bei etlichen ausfallen würde.

Geworben wird deshalb zum Beispiel mit zwei Wochen Urlaub zum halben Preis für weibliche oder männliche Fußballmuffel. "Aber wir werden natürlich auch die Fußball-WM in die Hotels holen und auf Großbildschirmen übertragen und drum herum richtige kleine Events veranstalten", sagt Neckermann-Manager Altmann. "Für den nicht am Fußball interessierten Partner gibt es preiswerte andere Aktivitäten."

Flucht vor dem Fußball

Manche wollen aber gerade wegen der WM verreisen. "Viele wollen genau in dieser Zeit weg und eine Fußball-freie Zone suchen, genau wie beim Karneval", sagt DRV-Präsident Klaus Laepple. Die Buchungen würden sich wohl anders verteilen als sonst. "Der Monat Mai könnte der Renner unter den Reisemonaten werden", sagt Laepple.

Keine Sorgen macht sich die Deutsche Lufthansa. Obgleich die arabische "Emirates" offizielle Fluggesellschaft der Großveranstaltung ist, kalkuliert Lufthansa mit dem Heimvorteil. Mit verstärkter Nachfrage nach Deutschland-Flügen zur WM sei vor allem aus Ländern wie Brasilien, Argentinien, USA, aber auch Japan und Korea zu rechnen, sagt eine Sprecherin.

Legt man die Ergebnisse der Marktforschungen zu Grunde, müsste die deutsche Touristik auf ein frühes Ausscheiden der eigenen Nationalmannschaft hoffen. Denn dann käme es wohl postwendend zu einem Ansturm auf die Feriengebiete. Dann könnten die Betten sogar knapp werden. "Trotzdem stehen die Reiseveranstalter zum Nationalteam. Die Branche drückt die Daumen", sagt DRV-Sprecher Tobias Jüngert.

Andreas Möser/Reuters