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Gerhard Schmid: Das Ende eines Milliarden-Traums

Er war Milliardär, König des Neuen Marktes und Werbesprüche-Klopfer der Extraklasse: Gerhard Schmid, der Gründer von Mobilcom. Doch seinem kometenhaften Aufstieg folgte ein jäher Absturz in Pleite und Prozesse.

Von Marcus Müller

Für Gerhard Schmid gibt es immer nur die große Nummer. Einen Gang runterschalten, ruhiges Fahrwasser suchen, das kann er nicht. In Kiel steht der Mobilcom-Gründer in einem Strafprozess gerade wegen des Vorwurfs einer so genannten Bankrotthandlung vor Gericht. Verteidigen lässt er sich dabei von Erich Samson, einem der angesehensten Rechtswissenschaftler Deutschlands. Es geht um die Frage, zu welchem Zeitpunkt Schmid zahlungsunfähig war.

Prominente Zeugen sollen helfen

Als Zeugen will Verteidiger Samson keine geringeren als Ex-Kanzler Gerhard Schröder und den Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, in den hohen Norden laden lassen. Darunter macht es einer wie Schmid auch in der Bredouille nicht. Und der Aufwand scheint gerechtfertigt: Ein Schuldspruch könnte ihn bis zu fünf Jahre hinter Gitter bringen.

Eine Haftstrafe wäre der harte Aufprall nach einer Karriere, die schon einen tiefen Absturz hinter sich hat. Denn 2003 musste Schmid private Insolvenz anmelden. Drei Jahre zuvor hatte er noch zu den reichsten Deutschen gehört. Auf dem Papier waren Schmids Anteile an dem von ihm gegründeten Unternehmen Mobilcom einmal sagenhafte sieben Milliarden Euro wert. Das war die Zeit, als in der New Economy traumhafte Geschichten geschrieben wurden und noch niemand an ein böses Erwachen denken wollte.

Die Geschichte des Gerhard Schmidt

Der Gerhard-Schmid-Traum ging so: Maurer-Sohn aus dem Fränkischen beginnt als Vorstandsassistent eines Porzellanherstellers, wird Geschäftsführer eines Ostseebades und dann Vorstandsmitglied einer Autovermietungsfirma. Dort steigt er aus, lässt den gut dotierten Posten fahren, um sich den Telekommunikationsmarkt "zu nehmen", wie er sagt. Er gründet 1991 die Mobilcom und beginnt, Handys in Schleswig-Holstein zu vermarkten - mit einer einzigen Mitarbeiterin.

Das Unternehmen wächst schnell: Der Umsatz liegt bald bei 100 Millionen Mark Umsatz, 1995 erwirtschaftet es Gewinn, 1997 bringt Schmid es als eine der ersten Aktiengesellschaften an den Neuen Markt. 300 Mitarbeiter kann der agile Vorstandsvorsitzende da bereits zählen. Es sollen einmal 5000 werden.

Mobilcom lehrte die Telekom das Fürchten

Nach der Liberalisierung des deutschen Festnetzmarktes ein Jahr später zündet die Aktie des Unternehmens aus Büdelsdorf wie eine Rakete. Mit der Billig-Vorwahl 01019 lehrt Mobilcom dem Platzhirsch Deutsche Telekom das Fürchten.

Gerhard Schmid wirbt, was das Zeug hält. Er lässt die Spots der Telekom imitieren, so dass die beleidigt sein Unternehmen als "Mogelcom" brandmarkt. Der bullig-rustikale Schmid kann darüber nur herzhaft lachen, schließlich macht so etwas ihn und sein Unternehmen nur noch bekannter.

Der Name des Mannes mit dem schütteren blonden Haar wird zur Nachricht. Und Neuigkeiten von Schmid gibt es viele: Er kauft sich ein Gestüt mit teuren Turnierpferden, lässt Bilder seiner Hochzeit in der "Bild"-Zeitung auftauchen, sitzt in vielen Talkshows und redet frech daher. Aus dem quirligen Mittelständler ist ein Superreicher geworden, dessen Image zwischen Rambo und Schlitzohr pendelt, der aber immer noch mehr Malocher als Snob ist. Als "Telefon-Aldi" wird sein Unternehmen tituliert. Schmid stört das nicht.

Das vorläufige Ende der Selfmade-Man-Geschichte

Der ganz große Geschäftstraum soll für Mobilcom und deren Chef ein eigenes Handynetz werden. Für mehr als acht Milliarden Euro ersteigert Schmid im Jahr 2000 eine der UMTS-Lizenzen. Zuvor hatte der Staatskonzern France Télécom für fast vier Milliarden Euro 28,5 Prozent der Mobilcom-Aktien übernommen. Schmid kündigt an, bis 2002 als erstes Unternehmen auf dem UMTS-Markt sein zu wollen. Mit der Technik "werden wir uns eine goldene Nase verdienen", sagt er und irrt sich gewaltig. Die Ausgaben für die Lizenzen sorgen für einen gigantischen Schuldenberg, der das Unternehmen in die roten Zahlen drückt. Es kommt zu einem ruppigen Streit zwischen France Télécom und Schmid, der Mobilcom an den Rand der Pleite bringt. Die Bundesregierung unter Kanzler Schröder vermittelt, der Firmengründer verliert letztlich seinen Chefsessel. Die Selfmade-Man-Geschichte des Gerhard Schmid ist da vorläufig zu Ende.

Leise wird es um den Mann trotzdem nicht. Es folgen Prozesse, Berichte über undurchsichtige Aktien-Geschäfte und gegenseitige Vorwürfe. Auch Schmid teilt in alter Manier aus: Er solle platt gemacht werden, sagt er damals, fühle sich von Mobilcom und France Télécom verfolgt, kriminalisieren wolle man ihn. Die bekannt kräftigen Äußerungen Schmids, doch nun nennt die "Bild"-Zeitung den einstigen Vorzeige-Unternehmer den "größten Maulhelden unter den deutschen Firmenchefs". Das schmerzt dann wohl doch: Dem stern zeigt Schmid 2005 in der Reetdach-Villa seiner Frau am Lürschauer See bei Schleswig Ordner in eigener Geschäfts-Sache. "Rache" und "Gegenschlag" steht auf den Rücken der Hefter.

Einige Erfolge erringen die Eheleute: Eine halb fertige Immobilie an der Kieler Förde, die Schmid bauen ließ, ersteigert die Waterkant GmbH für 13 Millionen Euro aus dem Nachlass. Bei der Firma ist Sybille Schmid-Sindram Geschäftsführerin. Dem stern sagt sie vor zwei Jahren: "Was sie meinen Mann genommen haben, hole ich jetzt zurück."

Schmidt macht jetzt in Strom

Ein Darlehen zur Finanzierung dieses Prestige-Projekts an der Kieler Förde hatte Schmid letztlich auch den Strafprozess eingebrockt, in dem die Verteidigung Altkanzler Schröder als Zeugen sehen möchte. Die Staatsanwaltschaft wirft Schmid vor, Gesellschaftsanteile an einen Liechtensteiner Trust veräußert zu haben, obwohl dem Darlehensgeber, der Landesbank Sachsen, nach einem Urteil da schon gut zehn Millionen Euro zugestanden hätten. Wegen der Übertragung ins Ausland sei eine Zwangsvollstreckung erfolglos geblieben. Ein Ende des Verfahrens ist nicht absehbar, weil es immer wieder ungewöhnliche Wendungen nimmt. So hat die Verteidigung dem Staatsanwalt kürzlich Befangenheit und Korruption vorgeworfen. So etwas kommt nur sehr selten vor.

In einem am 19. September in Frankfurt beginnenden Zivilprozess will Schmids Insolenzverwalter von der France Télécom mehr als sieben Milliarden Euro Schadenersatz erstreiten. Auch das ist wieder so eine große Nummer, die wohl ganz nach dem Geschmack des Gerhard Schmid ist. Zurzeit ist der 55-Jährige Geschäftsführer einer kleinen Stromfirma. Die Bonus Strom will mit Billig-Angeboten den Energieriesen Konkurrenz machen. David gegen Goliath - ein ähnliches Geschäftsmodell hatte Schmid schon einmal. Es wird sich zeigen, ob der frühere Eishockey-Profi genug Luft für eine Neuauflage hat.