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Impressionen aus Liechtenstein: "Die Deutschen kommen ja freiwillig"

Das winzige Liechtenstein verursacht in Deutschland einen Riesenwirbel. Auf den ersten Blick wirkt das Fürstentum mit 35.000 Einwohnern zwar verschlafen wie eh und je. Doch unter der Oberfläche brodelt es. Das Land fürchtet um den ausländischen Kapitalstrom, von dem alles abhängt.

Von Anne Meyer, Vaduz

Die Frau im weißen Steppmantel will retten, was noch zu retten ist. Seit dem Morgen schon patrouilliert sie vor dem Hauptsitz der fürstlichen Hausbank Liechtenstein Global Trust (LGT) in Vaduz und hält Journalisten höflich, aber bestimmt davon ab, "unsere Kunden zu belästigen". Das ist verständlich, denn die Kunden vom "Family Office des Fürstenhauses" (Eigenwerbung) wurden in den vergangenen Tagen schon genug beunruhigt. Während in Deutschland Hunderte so genannter Leistungsträger vor einer möglichen Hausdurchsuchung und Verhaftung zittern, bekommen es auch die Liechtensteiner langsam mit der Angst zu tun. Schließlich geht es um ihr Allerheiligstes: das Bankgeheimnis.

Höfliche Auskunftsverweigerer

Viel zu tun hat die Dame vor der LGT allerdings nicht. Wer dieser Tage durch die Innenstadt der Liechtensteiner Hauptstadt Vaduz schlendert, kann eher den Eindruck bekommen, als sei Liechtenstein in einen süßen Schlaf gefallen. Zu Füßen der steil aufragenden fürstlichen Burg liegen die beiden Skandalbanken LGT und LLB (Liechtensteinische Landesbank), zwischen ihnen erstreckt sich die Fußgängerzone im Halbrund. Die Sonne scheint von einem tiefblauen Himmel und glitzert auf der schneebedeckten Bergkette jenseits des Rheintals. Das Zentrum der Steueroase ist überschaubar und heimelig, sogar völlig Fremde werden hier von den einheimischen Passanten mit einem freundlichen "Grüezi!" bedacht. Zwischen Dutzenden Privatbanken, Juweliergeschäften und Cafés versprühen altmodische Hotels den Charme der siebziger Jahre. Vom "Hotel Engel" steht nur noch ein schwarzer Rumpf, es brannte vor kurzem völlig aus. Das war hier im Ort, hierzulande die größte Schlagzeile der letzten Zeit. Bis die deutschen Steuerfahnder am Donnerstag bei Zumwinkels in Köln klingelten.

Ob im Bus, Geschäft oder Restaurant - überall herrscht ein ausgesucht höflicher Tonfall. So auch im Innern der LGT. Wer die Glastür zum Foyer passiert hat, hört augenblicklich nichts mehr von den Autogeräuschen der engen Hauptstraße. Es ist mucksmäuschenstill in der Bank, die seit Tagen lärmend durch das mediale Dorf getrieben wird, weil mit ihrer Hilfe deutsche Steuerflüchtlinge Hunderte Millionen Euro vor dem Fiskus versteckt haben sollen. Die helle Holzvertäfelung im Empfangsraum, so scheint es, verschluckt nicht nur den Verkehrslärm. Niemand in diesem Raum wird etwas zu der Steueraffäre sagen. Am professionellen Lächeln der Empfangsdame perlen alle Fragen ab. "Wir dürfen keine Auskunft geben", sagt sie freundlich, aber bestimmt. "Wenden Sie sich an unseren Pressesprecher." Ob sie wohl für fünf Millionen Euro ihr Schweigen brechen würde?

"Diskretschalter Edelmetalle"

In der auf "Wealth Management" spezialisierten Privatbank ist von vier Schaltern nur einer geöffnet. Hin und wieder kommen Touristen in bunten Anoraks, um Geld umzutauschen. In Liechtenstein, das ebenso wenig wie die benachbarte Schweiz der EU angehört, zahlt man mit Schweizer Franken. Die meisten Kunden jedoch steuern zielstrebig den Fahrstuhl an, um direkt zu ihrem persönlichen Wohlstands-Manager zu gelangen. Die beiden Türen neben dem Aufzug, hinter denen sich laut Aufschrift der "Diskretschalter Edelmetalle" und die "Tresorverwaltung" befinden, werden offenbar nur selten geöffnet.

In der Fußgängerzone unterdessen herrscht nun, zur Mittagszeit, doch ein wenig Betrieb. Aus den Banken und "Treuinstituten" treten Männergruppen in Anzug und Krawatte auf die Straße. Sie gehen ins Restaurant "Real", das "Kelly-Austern" auf der Tageskarte führt. Hier trifft sich Liechtensteins Rotary Club. Andere ziehen Sushi vor und suchen das "Museumscafé" auf, das für seine japanische Küche berühmt ist. Doch richtig voll ist es nirgendwo. Auch nicht jetzt, zur Mittagspausen-Rush-Hour. "Wieso sollte mehr los sein als sonst?", fragt die Kellnerin im Museum. Sie überlegt kurz. Dann fällt der Groschen: "Ach - Sie meinen, weil das "Hotel Engel" vor ein paar Tagen abgebrannt ist?" Bald darauf leert sich die halbleere Innenstadt wieder ganz.

Das wird uns nichts anhaben

Ein großzügiger Lichthof bildet das Foyer der zweiten großen liechtensteinischen Bank LBB, die von drei Deutschen erpresst wurde. Auch hier heißt es: "Kein Kommentar." Ein junger Bankangestellter mit schwarzem Hemd und orangefarbener Krawatte lässt sich schließlich doch ein paar Worte zu dem Worst Case, der für die verschwiegene fürstliche Bank bittere Wirklichkeit wurde: "Es gibt keinen Grund zur Aufregung. Das wird uns überhaupt nichts anhaben." Diesen Eindruck teilen allerdings nicht alle. Irmgard Benz, LLB-Kundin und eine der wenigen, die aus ihrem Namen kein Bankgeheimnis macht, findet die Steueraffäre "ungeheuerlich."

Allerdings nicht deshalb, weil Liechtensteins Banken deutschen Steuersündern zu Hinterziehungen in Milliardenhöhe verholfen haben. Sondern, weil der BND für geklautes Material gezahlt hat. "Das ist, als wenn man einen gestohlenen Picasso kauft", sagt sie und zupft sich ihren türkisfarbenen Schal zu Recht. Dass womöglich im liechtensteinischen Bankenwesen, hinter dem Sichtschutz des Bankgeheimnisses, etwas falsch laufen könnte - das erscheint ihr reichlich absurd. Schließlich: "Die Deutschen kommen ja freiwillig. Wieso sollen wir etwas falsch machen?"

Deutschland, ein "Schurkenstaat"

Kaum jemand in Liechtenstein wird der Meinung von Irmgard Benz widersprechen. Der Begriff vom "Stiftungswesen" umweht diese spezielle Art der Bankgeschäfte mit einem so noblen Odeur, dass niemand mehr die wohl kaum uneigennützigen Beweggründe der Anleger zu erkennen vermag. Die Verfasser der Leserbriefe in den Liechtensteinischen Zeitungen sind sich einig: Wenn sich jemand schämen muss, dann ist es die deutsche Regierung. "In einer fragwürdigen Aktion, die man gewöhnlich Schurkenstaaten nachsagt, hat der deutsche BND einem Kriminellen gestohlene Daten abgekauft", ereifert sich am Montag der "Fürstliche Rat" Walter-Bruno Wohlwend in der Tageszeitung "Liechtensteinisches Vaterland".

Noch spät am Nachmittag steht die Presse-Abwimmlerin beharrlich vor der LGT. Weit und breit sind weder Kunden noch Journalisten zu sehen. Ihr weißer Mantel reflektiert grell das Sonnenlicht. Gleich werden die letzten Strahlen verschwunden sein. Doch es ist zu spät. Die Dame im weißen Mantel hat bereits einen Sonnenbrand.