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Industriedesign: Luigi Colani, Meister der Empörung

Ortstermin: Bei einer Ausstellung im Stuttgarter Flughafen zeigt Stardesigner Luigi Colani seine Modelle für treibstoffarme Jets, die das Weltklima verbessern sollen. Nebenbei verkauft er Kugelschreiber. Die verkaufen sich besser.

Von Karin Kontny

Im Terminal 1 des Stuttgarter Flughafens stehen die Leute Schlange. Doch statt um den Check -In scharen sie sich um einen Konferenztisch oben in der Shopping Mall, zwischen einer Boutique und dem Fruchtgummiladen. "Deppen, Idioten", schimpft aus dem Pulk heraus eine tiefe Stimme. Auf einem blauen Bürostuhl, ganz in Weiß gekleidet, sitzt ein Männchen mit Seehundschnauzbart. Luigi Colani, 79, kommt gerade mächtig auf Touren. Wild rudert er mit den Armen, haut die Faust krachend auf den Tisch. Kurz zuckt das Publikum zurück, um dem wilden Kerl gleich wieder nah auf die Pelle zu rücken.

Mit Attacken auf die deutschen Autohersteller lockte der Designer täglich Hunderte in seine Ausstellung "Meisterwerke der Aerodynamik" - ausgerechnet im Herzen der Autoindustrie nach Stuttgart. Von Anfang Februar bis zum 1. März empfing der Meister persönlich, immer von 10 bis 14 Uhr, und zeigte nebenbei seine Werke. Nun ist Colani entschwebt - aber die Ausstelung noch bis zum 9. März geöffnet.

Colani - seit 50 Jahren im Geschäft

Seit mehr als 50 Jahren ist der in Berlin geborene Designer im Geschäft. Er entwarf das Gehäuse einer Spiegelreflexkamera für Canon, Möbel, Flugzeuge sowie Autos für VW, Fiat und Mazda. Runde, aerodynamische Formen prägen die von ihm entworfenen Gebrauchsgegenstände und Transportmittel. Keine Kanten, an denen man sich stoßen könnte. Ganz anders als ihr Erbauer Colani, der sich nicht scheut, heftig anzuecken. Seit seiner Jugend fühlt sich der Künstler zur Fliegerei hingezogen. Colani wuchs in der Nähe des berühmten Flugzeugtestgeländes in Berlin-Johannistal auf. "Ich werde Flugzeuge bauen, summten mir die Motorprüfstände in meinen Kindheitsschlaf", erzählt Colani seinen Bewundern am Flughafen.

"Nurflügler sind die Zukunft!"

Hinter dem Rücken des Designers breitet ein großes Modell seine Flügel aus. Quasi als Kontrastbild zu den Kerosin schluckenden Maschinen, die ein paar Meter entfernt starten. Colanis Flieger sind so konstruiert, dass sie wenig Treibstoff verbrauchen. Nurflügler nennt man den Typ dieser Luftschiffe, die nicht aus langem Korpus und Leitwerk bestehen, sondern wie aus einem Guss sind. Das sorge für einen besseren Auftrieb, erklärt Colani. Und genau das spare Treibstoff. "Meine Nurflügler sind die die Zukunft!", preist der Design-Prophet seine Flugobjekte an, während er einem Fan mit einem goldenen Lackstift schwungvoll ein Autogramm auf das Etui eines Kugelschreibers kritzelt. Auch der ein echter Colani. Genauso wie die Eierbecher und Teekannen, die in den Vitrinen rechts und links neben ihm ausgestellt sind.

Autos für Europa, Flieger für China

"Schon 1991 habe ich ein Auto geschaffen, das nur 1,7 Liter auf hundert Kilometer verbraucht," tönt Colan und zeigt auf das Foto eines schnittigen Autos in einem Katalog. "Unglaublich, schon vor sechzehn Jahren?", sagt ein Mann und kauft einen Eierbecher für seine Tochter, die heute fünfunddreißig wird. "Herr Colani, Sie sind ein Genie", schmeichelt ein anderer und lässt Colanis Assistentin Ya-Zhen Zhao ein Foto von sich und dem Designer schießen. Die schweigsame Dame kommt aus China, wo man das Talent ihres Chefs mehr zu würdigen weiß: er ist Professor für Transportdesign an der Universität in Peking. "Wenn ich den Chinesen meine Pläne geben würde, damit sie meine Autos entwerfen, können Porsche, Mercedes, Audi und BMW einpacken", sagt Colani. "Da würde hier die Streichung von mindestens tausend Stellen drohen." Ein Raunen geht durch die Menge. Colani beschwichtigt. Nein nein, er bleibt mit seinen Autoplänen in Europa. Für die chinesische Luftfahrtindustrie entwickelt er allerdings aktuell einen seiner Nurflügler als Antwort auf den Airbus A 380. In zehn Jahren soll der zum ersten Mal abheben.

Deutsche Industrie? "Feiglinge!"

Colani hebt jetzt schon zum Höhenflug ab. "Ich bin nicht nur Designer, sondern Forscher", sagt er. Immerhin fragt ihn auch die Nasa in Designfragen um Rat. Selbstbewusst fügt Colani hinzu: "Ich bin zu gut für die deutsche Industrie." Sogar einen Sprit sparenden Lkw hat er konstruiert, doch auch an dem gebe es kein Interesse. "Alles Feiglinge", schimpft Colani. Nur Siemens sei eine Ausnahme, obwohl doch mit Autos eigentlich nichts am Hut hätten.

"Warum produziert das keiner?", fragt Melanie Schlüter, eine Stuttgarter Schülerin, die mit ihrer Klasse hierher gekommen ist. Colani ist dankbar für das Stichwort. "Unser Klima verschlechtert sich zunehmend und die deutsche Industrie baut weiter 12-Liter-Monster, die die Luft verpesten." Deutsche Politiker redeten nur von Klimaschutz. In Wirklichkeit aber seien sie nur daran interessiert, dass alles so bleibe, wie es ist. "Wegen der hohen Steuereinnahmen." Deshalb baue in Deutschland keiner ein Spar-Auto nach seinen Entwürfen. Obwohl jeder wisse, welche Risiken der erhöhte Abgas-Ausstoß mit sich bringe: Treibhauseffekt, schmelzende Gletscher, Überschwemmungen, Krankheiten. Colani malt ein Schreckensszenario von krebskranken Kindern und unter Fluten verschwindenden Ländern. "Das sind alles Verbrecher an unserer Gesundheit!", wütet der Meister und erntet Beifall von der immer größer werdenden Menschentraube vor seinem Konferenztisch. Erst als der "Designterrorist", wie er sich mit einem Anflug von Selbstironie nennt, über Daimler und Porsche herzieht, ebbt der Zuspruch im Publikum ab. Das geht dann doch zu weit. Schließlich ist Daimler einer der größten Arbeitgeber der Region.

Ein Lob der Tüftler

Colani schaltet einen Gang runter. Seine Ausstellung im Flughafen dauert eben noch bis zum 9. März, da will er es sich nicht mit allen verderben. Er lobt den Mittelstand, die Kleinen, die Tüftler und Denker. Mit ihnen führe fantastische Gespräche. "Aber die Köpfe da oben, die sind marode", wettert er und deutet zum Flughallendach. Eine Stimme aus dem Lautsprecher unterbricht ihn. Letzter Aufruf an die Passagiere nach London. "Die Wahrheit ist eben nicht erwünscht in Zeiten der Lüge", zetert Colani, um das letzte Wort zu behalten. Dann macht er sich wieder an die Arbeit: Kugelschreiber-Etuis signieren.